Zürich
Jung und alt unter einem Dach — davon scheinen alle zu profitieren

Im Alterszentrum Klus Park in Zürich wohnen drei Studentinnen. Wie ein Besuch zeigt, scheinen alle davon zu profitieren.

Heinz Zürcher
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Die drei Studentinnen sind von den Bewohnerinnen des Alterszentrums Klus Park in Zürich gut aufgenommen worden.

Die drei Studentinnen sind von den Bewohnerinnen des Alterszentrums Klus Park in Zürich gut aufgenommen worden.

CH Media

Man hört den Einfluss der Jugend bereits. «Zusammen chillen», sagt eine Bewohnerin lachend auf die Frage, was man denn mit den drei Studentinnen unternehmen könne. Es wird lebhaft diskutiert am runden Tisch im Alterszentrum Klus Park in Zürich. Drei Bewohnerinnen und drei Studentinnen erzählen in der kleinen Runde, wie sie das Pilotprojekt «Generationenübergreifendes Wohnen» der Stadt Zürich nach gut drei Monaten erleben.

Es sei eine Win-win-Situation, sind sich alle einig. Die Bewohnerinnen lernen die Sprache und Themen der Jugend kennen. Sie finden jemanden, der sie ins Museum oder auf einen Spaziergang begleitet, der bei Problemen mit dem Handy hilft – oder ihnen bloss eine halbe Stunde lang Gesellschaft leistet.

Die Studentinnen wiederum profitieren von der Lebenserfahrung der 100 Seniorinnen und Senioren im Haus und kommen zu einer günstigen Wohnung am Zürichberg. In der Wohngemeinschaft im Dachgeschoss hat jede ihr eigenes Zimmer. Wohnzimmer, Küche und Bad teilen sich die drei. Jede zahlt 700 Franken Miete. Und: Mit jeder Stunde, die sie im Alterszentrum gemeinnützig arbeiten, reduziert sich der Zins um 25 Franken.

Die Stadt als Betreiberin gewinnt ebenfalls. Seit die Zentrumsleitung nicht mehr dazu verpflichtet ist, im Haus zu wohnen, stehen die Räume leer. Und weil es keinen Zugang zum Lift gibt, ist die Wohnung für ältere Personen ungeeignet. Dank dem Generationenprojekt kann sie nun – wenn auch zu einem tiefen Zins – vermietet werden. Zudem entlasten die Studentinnen das Personal.

Teil der Zürcher Altersstrategie

Die Idee wird zeitgleich im städtischen Alterszentrum Rebwies in Zollikon umgesetzt, dort mit zwei Studentinnen und einem Studenten. Für den Zürcher Stadtrat Andreas Hauri (GLP) ist das Projekt ein gutes Beispiel für die neue Altersstrategie, die Zürich umsetzen will. «Das ist gelebte Nachbarschaftshilfe.»

Nur Studierende konnten sich für die neue Wohngemeinschaft bewerben. Wer über Erfahrungen aus dem Gesundheits- oder Pflegebereich verfügt, hatte bessere Chancen. Auf ewig hat man das günstige Zimmer aber nicht. Vorerst läuft der Mietvertrag für ein Jahr – mit Option auf ein weiteres.

Anina Weisshaupt studiert Physiotherapie und hat trotz ihres Vollzeit-Praktikums genügend Zeit für die Bewohnerinnen und Bewohner. Pro Monat leistet die 25-Jährige rund zehn Stunden gemeinnützige Arbeit. Im Dezember würden es wegen der zusätzlichen Aktivitäten in der Vorweihnachtszeit wohl etwas mehr, sagt sie. «Es ist eine schöne, bereichernde Aufgabe.»

Anfangs habe sie sich Gedanken gemacht und Ideen gesammelt, was man mit den Bewohnenden unternehmen könnte, sagt Weisshaupt. «Wir haben dann aber schnell gemerkt, dass das gar nicht nötig war und spontane Aktionen und Gespräche am besten ankommen.»

Die Bewohner lernen sich besser kennen

Marianne Brunner (75) stimmt ihr zu: «Ich spiele nicht gerne und finde es einfach ‹läss›, den Jungen zuzuhören und ihnen von mir zu erzählen.» Ein schöner Nebeneffekt sei, dass man durch diese Aktivitäten auch die anderen Bewohner besser kennenlerne. Wie neulich, als es bei einem Treffen um die Klimajugend ging. Es sei angeregt und teils sogar hitzig diskutiert worden, sagt eine Studentin.

Ljudmila Schmid (80) sagt: «Ich habe jetzt ein besseres Bild von der Jugend – und ich fühle mich auch selber jünger, seit die Studentinnen hier sind.» Besonders dankbar ist sie Jana Priess. Die 18-jährige Studentin hat ihr schon oft bei Computer- und Handyproblemen geholfen.

Die Studentinnen haben eine Liste mit Personen, die nicht mobil sind und sich über einen gemeinsamen Ausflug oder eine Runde durchs Quartier freuen könnten. In einem Briefkasten deponieren Bewohnerinnen und Bewohner ihre Wünsche. Elisabeth Sperandio (82) fand das Jugendsprache-Memory der Studentinnen eine schöne Idee. «Das war toll. Wir haben dann den Spiess umgedreht, und sie mussten erraten was ‹schampar› und ‹tschänt› bedeutet.»

Oft könne man aber jemandem schon eine Freude bereiten, wenn man sich zu ihm oder ihr geselle und ein paar Worte austausche, ist sich die Runde einig. Dieses Bedürfnis sei sonntags besonders gross – vor allem für jene, die dann nicht von Verwandten besucht würden.

«Wir werden langsam ein Teil des Hauses», sagt eine Studentin. Man kenne und grüsse sich, habe aber genügend Freiheiten, könne Besuch empfangen und sich zurückziehen. Anina Weisshaupt sagt: «Ich kann mir vorstellen, dereinst in dieses Altersheim zu ziehen – vielleicht sogar früher als nötig, damit ich mich nicht ums Putzen und Waschen kümmern muss und mehr Zeit für meine Hobbys habe.»