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Julia Onken: «Der Nuttenlook reicht heute nicht mehr»

Die Psychologin Julia Onken

Die Psychologin Julia Onken

Heute sind die Oben-Ohne-Aktivistinnen der Femen-Gruppe nach Zürich gekommen. Sie wollen einstehen für die Rechte der Frauen und auf die Missstände in der Prostitution hinweisen. Die bekannte Psychologin Julia Onken nimmt Stellung.

Heute um 14 Uhr demonstrierten die Aktivistinnen von Femen in Zürich. Sie wollen auf Missstände in der Sex-Industrie und auf dem Strassenstrich am Sihlquai aufmerksam machen. Ein freudiges oder leidiges Ereignis?

Julia Onken: Es ist schwierig. Ich denke, diese Provokation ist wahrscheinlich einen Schuss vor den Bug. Ich könnte mir auch vorstellen, dass sich solche Aktionen sogar kontraproduktiv auswirken könnten.

Wie meinen Sie das?

Anstatt die Menschen - vor allem die Männer - aufzurütteln, fühlen sich diese eher angemacht von den Frauen. Manch ein Mann kann bei diesem Anblick auf die Idee kommen, erst recht ins Puff zu gehen.

Die Protestgruppe erlangte Berühmtheit durch ihre freizügigen Auftritte. Sie kämpft mit Sexappeal gegen den Sextourismus. Genial oder blöd?

Auf jeden Fall mutig. Es erfüllt mich mit Freude, wenn ich sehe, mit wie viel Engagement und Kampfeslust sich die Frauen für diese Themen einsetzen. Bei ihren Mitteln hingegen habe ich meine Zweifel.

Diese Mittel scheinen aber ihre Wirkung nicht zu verfehlen. Wären die Femen-Frauen angezogen, würde dieses Interview wohl nicht stattfinden.

Ja, die Mediale Präsenz ist der Gruppe gewiss. Sie ist wohl das höchst zu erstrebende Gut. Die Gruppe wird wahrgenommen. Doch ist es damit nicht getan. Das Ziel ist nicht nur, wahrgenommen zu werden, sondern, über diese Themen auch nachzudenken.

Die vier Frauen starteten eine regelrechte Europa-Tournee. Sie denken also, die Gruppe bekommt zu viel Aufmerksamkeit?

Wohl schon. Man darf nicht vergessen, es gibt noch immer strohdumme Männer, die solche Protestaktionen einer Zirkusveranstaltung gleichsetzen. Die Frauen wollen dies eben auch selbst. Es ist wie mit dem Blick-Girl: Die Redaktion wird mit Anfragen seitens der Frauen überschwemmt.

Da die Gruppe mit ihrer Kritik auch vor der ukrainischen Regierung nicht haltmachen, «interessiert» sich auch der Staatsschutz für sie, sodass im Sommer 2010 nachts Männer in die Wohnung der Ober-Feme Anna Hutsol eindrangen und sie bedrohten. Heisst dies, dass ihr Prinzip funktioniert?

Die Gruppe bekommt die Aufmerksamkeit, die jede Frau bekommt, die nackt im Coop einkaufen geht. Die Motive der Regierung werden wohl ganz andere sein, nämlich die Befürchtung, dass die Gruppe noch Beweise für allerlei Verstrickungen in der Hinterhand hat.

Danach hat es bis jetzt aber nicht ausgesehen.

Eben, die Regierung hatte wohl einfach Schiss.

Mit dem Geld, das die Gruppe mit dem Verkauf der Fotos ihrer Aktionen verdienen, finanzieren sie diese wiederum. Ist es da nicht geradezu pervers, wenn sich die Aktionen gegen Prostitution wenden?

Dies kann ich wirklich nicht gutheissen. Die Gruppe könnte ebenso gut Pornofilmchen drehen, um Geld zu verdienen.

Alice Schwarzer outet sich als Fan der Femen-Gruppe: «Es ist ja so gerne vom ‚neuen Feminismus' die Rede. Meist kommt der alt daher. Aber diese Frauen aus der Ukraine, die verkörpern wirklich einen neuen Feminismus. Sie sind Moralistinnen, die mit Schamlosigkeit, Sarkasmus und Mut protestieren: gegen den Frauenkauf durch Männer und gegen die Rechtlosigkeit von Frauen. Bravo!» Da verstehe ich nur Bahnhof.

Ich habe mich auch schon mit Alice über die Gruppe unterhalten. Sie ist angetan vom Elan, vom Mut dieser Frauen, die eben auch aggressiv für ihre Interessen eintreten. Doch ob sie auch die Mittel gutheisst, kann ich nicht abschliessend sagen. Da will ich ihr nichts in die Schuhe schieben.

Wie wird sich der Feminismus weiterentwickeln? Was kann er noch leisten?

Ich kann mir gut vorstellen, dass sich einige junge Frauen von der Femen-Gruppe inspiriert fühlen und es der Gruppe gleichtun. Die Medienpräsenz ist eine erstrebenswertes Gut, für dessen Erreichung fast alle Mittel recht sind. Viele junge Frauen kommen schon heute im Nuttenlook daher, obwohl sie keinesfalls auf den Strich gehen. Ich denke, dieser Teil der Frauen wird sich künftig noch mehr verselbständigen bei jungen Frauen, gerade auch in der Schweiz. Doch der Nuttenlook alleine reicht heute nicht mehr.

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