10 Jahre Streetchurch
Jugendpfarrer Markus Giger:«Psychosoziale Verwahrlosung nimmt zu.»

Der Zürcher Jugendpfarrer Markus Giger spricht über Megatrends bei Jugendlichen und ihren Eltern. Giger ist leiter der vor zehn Jahren gegründeten Streetchurch.

Matthias Scharrer (Text und Foto)
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Markus Giger im Streetchurch-Café im Zürcher Kreis 4.

Markus Giger im Streetchurch-Café im Zürcher Kreis 4.

Schulden, Schwierigkeiten bei der Jobsuche, Krach mit den Eltern – als Leiter der vor zehn Jahren gegründeten Streetchurch ist Pfarrer Markus Giger hautnah an den Problemen dran, die Zürcher Jugendliche beschäftigen.

Die von ihm mit aufgebaute reformierte Jugendkirche setzte von Anfang an darauf, Jugendliche in ihrer alltäglichen Lebenswelt abzuholen: mit Rap und Hip-Hop in Gottesdiensten, Feriencamps, Arbeitsprogrammen wie «Saubere Jungs für saubere Fenster» und einer breiten Palette von Beratungsangeboten.

Sie reichen vom Umgang mit Ämtern übers Verfassen von Bewerbungen bis hin zur Aufklärung über den Zyklus der Frau.

Die Jugendkirche bedient damit eine stetig wachsende Nachfrage: «Im ersten Jahr haben wir vier bis fünf Jugendliche begleitet. Heute sind es über 200 pro Jahr», sagt Giger. Nach und nach stockte der reformierte Stadtverband das Stellenpensum der Streetchurch von 200 auf rund 1300 Prozent auf.

In Ruhe Beziehungen aufbauen und parallel dazu Tagesstrukturen anbieten, in denen Jugendliche sich an die Anforderungen der Arbeitswelt gewöhnen können – das sind für Giger diakonischen Hauptaufgaben der Jugendkirche. «Wir wollen ein Entlastungsort sein für die Gesellschaft, die so viel fordert», sagt er. Gleichzeitig spricht der 45-Jährige, der seit 22 Jahren kirchliche Jugend- und Sozialarbeit betreibt, im Interview schonungslos die Probleme an, die ihm und der jungen Klientel der Streetchurch zu schaffen machen.

Herr Giger, was sind die Gründe für die steigende Nachfrage nach den Angeboten der Streetchurch?

Markus Giger: Der Grad der psychosozialen Verwahrlosung nimmt zu.

Was meinen Sie damit?

Es gibt vermehrt junge Leute, die sich früher abnabeln von zu Hause; Stadtnomaden ohne festen Wohnsitz, die jeweils für kurze Zeit bei der Freundin, bei Kollegen oder bei der Mutter wohnen, bis es wieder Krach gibt. Im Partyleben sind sie ganz gross. Sie sind gut gestylt und haben das neuste Handy. Aber viele sind unfähig, morgens um Viertel vor acht auf der Matte zu stehen, weil sie sich drei- bis viermal pro Woche die Kante geben oder abends drei Joints reinziehen.

Wie weit lässt sich das verallgemeinern?

80 Prozent der Jugendlichen, die zu uns kommen, sind psychisch labil unterwegs. Bei über 200 jungen Leuten, die die Streetchurch jährlich aufsuchen, ist das eine nicht unbeträchtliche Zahl. Auch von Lehrmeistern hören wir immer wieder, die jungen Leute hielten nichts mehr aus und würden krank, sobald es Probleme gebe. Gegen aussen sind sie weltgewandt und kontaktfreudig, dabei aber sehr sensibel.

Wie erklären Sie sich diese Entwicklung?

Ein Megatrend, der dahintersteckt, ist der hedonistische Individualismus. Viele Eltern sind vor allem mit sich selber beschäftigt. Da bleibt wenig Zeit für den Nachwuchs. Die Kinder sind ständig einem Spektakel von Trennung, Scheidung, neuen Partnern beider Elternteile ausgesetzt, kommen nie zur Ruhe – und verabschieden sich aus diesem Puff. Ein junger Mensch braucht aber unspektakuläre Konstanz. Manche haben über 600 Facebook-Freunde, aber keinen einzigen Freund, mit dem sie über das, was sie wirklich beschäftigt, reden können. Sie lenken sich ab mit einer lärm- und suchtmittelintensiven Dauerpartyerektion.

Die Streetchurch ist im multikulturellen Stadtzürcher Kreis 4 angesiedelt. Wie weit prägt das Ihre Sicht der Probleme von Jugendlichen?

Es sind Probleme, die mit dem urbanen Lebensstil zu tun haben. Da spielt auch der Konsumdrang mit, ein weiterer Megatrend. Man konsumiert Partys und Beziehungen, saugt sich gegenseitig aus. Dabei würde ein bewusster Verzicht Stabilität fördern.

Giger räumt während des eineinhalbstündigen Gesprächs ein, dass er manchmal überzeichne oder bewusst provokativ formuliere. Um den heissen Brei herumzureden, ist nicht seine Sache. Zudem ist ihm klar, dass er sowohl bei der Streetchurch als auch bei seiner Arbeit als Gefängnispfarrer in Uitikon und Winterthur vor allem mit jenem Teil der Jugend zu tun hat, der in akuten Schwierigkeiten steckt. Doch als Seismograf für Jugendprobleme kann man den Jugendpfarrer durchaus sehen.

Nach dem Interview treffen wir im neuen Begegnungszentrum der Streetchurch an der Badenerstrasse, wo den Jugendlichen ein Café, Beratungszimmer und eine Umkleidekabine für Arbeitseinsätze zur Verfügung stehen, auf die 19-jährige Vanessa. Strahlend erzählt sie Giger, sie habe gerade eine Zusage für einen festen Job erhalten. «Es sind diese strahlenden Gesichter, für die ich meinen Job mache», sagt Giger und bereitet Vanessa einen Latte Macchiato zu.