Jugendförderung
Die oberste Jugendarbeiterin des Kantons fordert, dass die Heranwachsenden angehört werden

Livia Lustenberger ist die neue oberste Jugendarbeiterin im Kanton Zürich. Ihre Laufbahn führte vom Rohstoffkonzern zur sozialen Arbeit.

Anna Six
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Livia Lustenberger auf dem Mattensteg am Platzspitz, in der Nähe ihres Arbeitsorts.

Livia Lustenberger auf dem Mattensteg am Platzspitz, in der Nähe ihres Arbeitsorts.

Marc Dahinden

Den bunten Schirm hat sie aus Japan – eine Erinnerung an die Kirschblüten, die Livia Lustenberger vor drei Jahren dort bewunderte. Mehr zufällig als geplant sei die Reise in diese Zeit gefallen, erzählt sie, und der Anblick der rosa und weissen Bäume unvergesslich geblieben. Jetzt bildet der Schirm einen Farbtupfer in Zürichs Februar-Grau.

Seit diesem Monat ist Livia Lustenberger die neue Geschäftsführerin von Okaj Zürich, der kantonalen Kinder- und Jugendförderung. Die 36-Jährige tritt das Amt an in einer Zeit, die für ihre Zielgruppe alles andere als einfach ist. «Die Zufluchtsorte ausserhalb von Familie und Schule stehen den Jugendlichen im Lockdown nicht wie gewohnt zur Verfügung», sagt sie. Das sei gravierend, weil in diesem Alter die Peergroup, also Gleichaltrige, am wichtigsten sei. «Wer es daheim oder in der Ausbildung schwierig hat, erlebt jetzt eine doppelte Belastung.»

Den Menschen sehen statt die Arbeitskraft

In ihrer eigenen Jugend hat Lustenberger erlebt, wie wertvoll es ist, sich frei bewegen zu können. Aufgewachsen im Arbeiterquartier von Zug, war sie viel unterwegs zwischen Luzern und Zürich. Sie lebte für Konzerte, organisierte selber welche im Zuger Jugendkulturzentrum Industrie45. «Für eine einzige Probe war ich auch in einer Punkband, aber das war nicht mein Genre», sagt sie lachend.

Nach der Handelsmittelschule hatte sie vor, Wirtschaft zu studieren. Ein Praktikum bei einem grossen Rohstoffhändler in Zug änderte alles. Der Konzern habe damals ein Trainee-Programm mit jungen Leuten aus Schwellenländern betrieben, erzählt Lustenberger. «Doch mein Eindruck war, dass weniger der Mensch im Fokus stand als die Arbeitskraft.» Man habe nichts getan, um den internationalen Mitarbeitenden die Schweizer Kultur nahezubringen. «Die standen am Sonntag vor der Migros und verstanden nicht, weshalb die Tür zu blieb.»

Das Erlebnis bewog Livia Lustenberger zu einer Kehrtwende – sie studierte in Luzern Soziale Arbeit mit Vertiefung in Soziokultur. Danach war sie sieben Jahre in der Jugendanimation der Gemeinde Horw LU angestellt und weitere sieben Jahre in Zofingen, als Leiterin der städtischen Abteilung Kind Jugend Familie. «Ich arbeite sehr gerne mit Gruppen und stosse Projekte an, das gibt mir Energie», sagt die neue oberste Jugendarbeiterin im Kanton Zürich.

Grösster Dachverband in der Jugendpolitik

Der Wechsel aus der kommunalen Verwaltung in eine eigenständige Organisation reizt Lustenberger. «Ich freue mich darauf, die Werte der Okaj zu prägen und agil auf Trends zu reagieren, die Jugendliche beschäftigen.» Allen voran nennt sie die Digitalisierung: Wie verändert diese das Zusammenleben, und wie interagieren Jugendliche über Medien wie Instagram und Tiktok? Aber auch die Individualisierung, der Fokus aufs Ich, beschäftigt die Fachfrau. «Herausfordernd ist das gerade für die Jugendvereine, bei denen langfristiges gemeinnütziges Engagement gefragt ist.»

Für Livia Lustenberger bilden Kinder und Jugendliche zwar den beruflichen Fokus, viel direkten Kontakt mit ihrer Zielgruppe wird sie aber als Geschäftsführerin der Okaj nicht haben. Dafür sind die Mitglieder an der Basis da, also die Gemeinden mit ihrer Jugendarbeit, Verbände wie Cevi und Pfadi sowie Jugendseelsorge. Die Okaj ist strategisch tätig, vernetzt, bündelt Expertenwissen – und arbeitet im Auftrag des Kantons an der Vision, dass sich «Kinder und Jugendliche partnerschaftlich an der Gestaltung der Gesellschaft beteiligen».

Livia Lustenberger findet, dass es diesbezüglich noch Luft nach oben gibt: «Das Verständnis dafür, was Heranwachsende brauchen, fehlt manchmal in politischen Prozessen, etwa bei der Planung des öffentlichen Raums oder des Schulraums.» Sie wolle sich dafür einsetzen, dass die Jugend angehört werde. «Ich schätze das Wir»