«Fall Carlos»
Jugendanwalt versteht Aufregung um sein Verwaltungsmandat nicht

Der Leitende Zürcher Jugendanwalt Hansueli Gürber kann die Aufregung um sein neues Verwaltungsratsmandat in der Projekt Perspektive AG nicht verstehen. Die "Schweiz am Sonntag" hatte sein Engagement in ihrer letzten Ausgabe publik gemacht.

Merken
Drucken
Teilen
Es sei schlicht idiotisch, von einem Frontenwechsel zu sprechen, sagte Gürber. (Archiv)

Es sei schlicht idiotisch, von einem Frontenwechsel zu sprechen, sagte Gürber. (Archiv)

Limmattaler Zeitung

Gürber war zuvor für "Carlos" zuständig gewesen. "Es hat Tradition und ist auch sinnvoll, dass sich Jugendanwälte im Vollzug betätigen", sagte Gürber am Montag auf Anfrage der Nachrichtenagentur sda. Jugendanwälte seien als Fachleute "gewissermassen an der Quelle". Mit einer solchen Tätigkeit könne man in den Institutionen auf ein entsprechendes Angebot hinwirken.

Er arbeite seit 28 Jahren als Jugendanwalt, sagte Gürber weiter. Lange Zeit sei es für Jugendanwälte beinahe eine moralische Pflicht gewesen, sich in Stiftungsräten einzubringen.

Gürber selbst präsidiert seit vielen Jahren die Stiftungsräte der Stiftungen Enzian und Rainbow. Während erstere Sonderschulen und Ausbildungsbetriebe im Raum Zürich betreibt, unterstützt die Stiftung Rainbow in erster Linie ein Drogen-Rehabilitationszentrum in Namibia.

Zudem ist der Jugendanwalt Mitglied im Verein Camarco. Dieser hat sich auf die Betreuung von Menschen mit Suchtproblemen spezialisiert.

Bis 2000 Franken pro Jahr

Das neue Tätigkeitsfeld Gürbers ist allerdings keine Stiftung, sondern eine gewinnorientierte Aktiengesellschaft. Seit Anfang Jahr ist die Projekt Perspektive als AG im Handelsregister eingetragen, davor war sie eine GmbH. Dass er seinen Vorgesetzten, Oberjugendanwalt Marcel Riesen, nicht über sein neues Mandat informiert habe, bezeichnete Gürber als "Versäumnis".

Reich wird Gürber durch sein neues Mandat allerdings nicht. Pro Jahr sei eine Entschädigung von höchstens 2000 Franken vorgesehen. Der Firmenchef sei ein guter Bekannter von ihm. "Ich würde das auch gratis machen", betonte Gürber.

Die entscheidende Frage sei für ihn immer: Was macht für den betroffenen Jugendlichen am meisten Sinn, welches ist der beste Weg? Es sei deshalb schlicht idiotisch, von einem Frontenwechsel zu sprechen, sagte Gürber. "Ich erhalte auch keine Provision für eine Platzierung."

Die Projekt Perspektive AG ist gemäss eigenen Angaben darauf spezialisiert, im Auftrag der Behörden Kinder, Jugendliche oder junge Erwachsene in Gastfamilien oder Wohnungen zu platzieren.

Oberjugendanwaltschaft prüft Vereinbarkeit

Die Klienten von Projekt Perspektive sollen lernen, "alte Kommunikations- und Interaktionsmuster zu durchbrechen, um diese durch neue Bilder von Familiensystemen, unbekannten Lebensmodellen und neuen Lebensinhalten zu ersetzen", wie es auf der Homepage der Firma heisst. Die Jugendlichen sollen letztlich befähigt werden, diese Erfahrungen "im Alltag für sich brauchbar umzusetzen."

Laut der Zürcher Direktion der Justiz und des Innern darf die Nebentätigkeit eines Jugendanwalts die amtliche Aufgabenerfüllung nicht beeinträchtigen. Dies sei in Gürbers Fall sicher kein Problem, sagte Benjamin Tommer, Kommunikationsbeauftragter der Direktion, gegenüber der sda.

Allerdings muss die Nebentätigkeit gemäss Tommer auch mit der dienstlichen Stellung vereinbar sein. Die Oberjugendanwaltschaft werde darum prüfen, ob dies im Fall Gürbers zutrifft. Eine kommerziell ausgerichtete Nebentätigkeit sei zumindest "ungewöhnlich".

Bis Anfang September war Hansueli Gürber auch für den Jugendlichen "Carlos" zuständig, dessen Sonder-Setting mehr als 29'000 Franken monatlich kostete. Nach einer Reportage des Schweizer Fernsehens wurde der Fall zu einem vieldiskutierten Thema. Gürber musste darauf das Dossier "Carlos" abgeben. Ende August geht er frühzeitig in Pension.