Herr Killer, zunächst eine persönliche Frage: Wie lebt es sich mit Ihrem Namen?

Patrik Killer: Ganz gut. Als Kind wurde ich häufiger darauf angesprochen. Heute aber kaum noch.

Liegt das an Ihrer Funktion? Wer zu Ihnen kommt, verhält sich wohl eher kleinlaut.

Nicht alle. Das kommt ganz auf den Charakter des Jugendlichen an, auf sein Alter und die ihm vorgeworfene Tat. Die meisten geben aber Auskunft – und sind regelmässig auch geständig.

Wann nicht?

Schwierig wird es, wenn sich die Aussagen von Täter und Opfer widersprechen und es keine Zeugen gibt oder Beweise. Das kennen wir vor allem bei Sexualdelikten.

Wieso gerade dort?

Oft schämen sich Jugendliche. Erst recht, wenn die Eltern dabei sind oder wenn sie aus einem Kulturkreis stammen, in dem Sexualität tabuisiert wird. Diese Einvernahmen erfordern viel Einfühlungsvermögen. Bei einem 10-Jährigen muss ich zuerst klären, wo er in seiner Entwicklung steht, und ob er zum Beispiel versteht, was mit Masturbieren gemeint ist.

10-Jährige landen bei Ihnen wegen Sexualdelikten?

Bei Sexualdelikten sind die Beschuldigten im Durchschnitt 15 Jahre alt oder jünger.

Was sind das für Fälle?

Ganz selten geht es um Vergewaltigungen, meistens um Pornografie oder sexuelle Nötigung. Wenn zum Beispiel ein Junge ein Mädchen zwingt, ihn oral zu befriedigen.

Wie gehen Sie bei solchen Einvernahmen vor?

Mit einer angemessenen Fragetechnik und Fingerspitzengefühl. Der mutmassliche Täter wird regelmässig mit der Videoaussage des Opfers konfrontiert. Oft kann dieser Beweis jedoch nicht erfolgreich geführt werden.

Aus welchem Grund?

Wenn das Opfer nicht zu einer zweiten – vom Beschuldigten getrennten – Befragung bereit ist, weil es den Vorfall hinter sich lassen oder auch verhindern möchte, vom Täter wiedererkannt zu werden. In einem Fall hat das mutmassliche Opfer die Frisur verändert und die Haare gefärbt. Es wollte in der Videobefragung nicht wiedererkannt werden.

Was geschieht dann?

Dann müssen wir das Verfahren einstellen. Das ist natürlich unbefriedigend. Am einfachsten ist es, wenn die Polizei Handyaufnahmen sicherstellen kann. Das gelingt vor allem bei Fällen von Pornografie.

Handys als Fluch und Segen?

Einerseits werden Smartphones benutzt, um pornografisches Material zu verbreiten oder andere mit dem Versenden intimer Fotos und Videos unter Druck zu setzen – Stichwort Sexting. Andererseits können die Geräte bei der Aufklärung helfen.

Die Zahl der Gewaltstraftaten ging zurück. Hat das Smartphone Einfluss auf diesen Trend?

Möglich, dass der Rückgang mit dem veränderten Freizeitverhalten der Jugendlichen zu tun hat. Sie gehen weniger aus, vieles läuft übers Handy. Und es scheint, dass Delinquieren unter Jugendlichen nicht mehr «in» ist. Aber das sind Mutmassungen.

Geht Ihnen die Arbeit aus?

Wir haben trotzdem genug zu tun. Aber es ist schon so, dass wir weniger Pendenzen haben als früher. Dadurch können wir die Fälle zeitnah erledigen, 85 Prozent sind schon nach fünf Monaten abgeschlossen. Dies erachte ich als sehr wertvoll. Gerade für einen Jugendlichen ist es schwer verständlich, wenn er für etwas bestraft wird, das lange zurückliegt.

Wo liegen die Hauptunterschiede zum Erwachsenenstrafrecht?

Das Jugendstrafrecht unterscheidet sich insofern vom Erwachsenenstrafrecht, als dass der Täter im Vordergrund steht und nicht die Tat. Der Erziehungsgedanke ist ein wichtiger Faktor.

Inwiefern?

Ziel des Jugendstrafrechts ist der Schutz und die Erziehung des Jugendlichen und dessen Integration in die Gesellschaft. Wir arbeiten im Team mit Sozialarbeitenden. Ihre Beurteilung ist wichtig, um zu entscheiden, wie es mit dem Täter weitergehen soll und ob er eine Schutzmassnahme benötigt. Wenn nur über eine Strafe zu entscheiden ist, ist beispielsweise ein Arbeitseinsatz in der Entsorgung oder bei einem Bergbauern sinnvoll. Allenfalls ist er genug gestraft durch die Sanktionen der Eltern.

Wie nehmen Jugendliche solche Sanktionen auf?

Verschieden. Einige bleiben cool, andere weinen. Ich hatte schon eine Jugendliche bei mir, die Kochlöffel klaute. Alleine der Umstand, dass sie vor dem Jugendanwalt erscheinen musste, bewirkte, dass sie völlig aufgelöst war. Ich musste sie letztlich beruhigen und ihr erklären, dass sie ihre Lehre daraus ziehen soll, sie sich nun aber wieder auf die Ziele in ihrem Leben konzentrieren könne.

Welche Delikte sind typisch für Mädchen und junge Frauen?

Geringfügige Diebstähle, Drogenkonsum, Pornografie, Beschimpfungen und Drohungen – beispielsweise weil sich zwei um einen Jungen streiten. Auch Brandstiftungen sind schon vorgekommen. Weibliche Jugendliche sind aber selten bei uns. Bei Verurteilungen lag ihr Anteil im letzten Jahr bei 25 Prozent.

Welche Rolle spielen die Eltern?

Es ist wichtig, sie ins Boot zu holen. Eltern können bei den Einvernahmen dabei sein und spielen eine wesentliche Rolle bei der Abklärung der persönlichen Verhältnisse des Jugendlichen.

Wie verhalten sich die Eltern in solchen Gesprächen?

Oft sind Eltern sehr dankbar, dass ein Problem thematisiert wird. Es gibt aber auch die, die das Vergehen ihres Kindes herunterspielen, zum Beispiel, wenn ihr Sohn den Ausweis seines älteren Bruders verwendet, um in die Disco zu gelangen. Da kann es sein, dass wir den Eltern die Konsequenzen klar machen müssen: dass es strafbar ist und ihr Sohn so unkontrolliert an Alkohol kommt.

Haben Sie Stammkunden?

Die Rückfallgefahr ist klein. Oft bleibt es bei einer Einzeltat. Typische Wiederholungstäter sind Kiffer und Schwarzfahrer. Es gibt jedoch auch wenige Intensivtäter, die wiederholt schwerere Straftaten begehen.

Gibt es Fälle, die Sie belasten?

Glücklicherweise nicht. Ganz abscheuliche Taten musste ich bislang nicht untersuchen.