Zürich
Jubiläumsjahr für «Jazznojazz»: Das beliebte Musikfestival findet ab heute zum 20. Mal statt

Das Nachfolgeformat des in Mitte der 1990er-Jahre abgeschafften Internationalen Jazzfestival Zürich, «Jazznojazz» bringt ab heute wieder die Crème de la Crème zu den Zürcher Jazzliebhabern. Das heute beliebte Musikfestival hat einen steinigen Weg hinter sich.

Matthias Scharrer
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Jazznojazz
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Talvin Singh 2005 am Tabla, kombiniert mit elektronischer Musik.
Piano-Legende Herbie Hancock irritierte 1999 am Jazznojazz die Kritiker.
Avishai Cohen tritt nach 2014 zum zweiten Mal am Jazznojazz auf.

Jazznojazz

Keystone

Es begab sich Mitte der 1990er-Jahre, dass Zürich als Jazz-Festivalstadt am Ende schien. Die seinerzeit finanziell klamme Stadt hatte kurz zuvor nach über vier Jahrzehnten dem Internationalen Jazzfestival Zürich den Geldhahn zugedreht. Pius Knüsel, damals Leiter des alten Jazzclubs «Moods», lancierte 1996 mit dem Festival «Jazznojazz» ein Nachfolgeformat.

Die Startschwierigkeiten waren jedoch gross: Schon im Folgejahr fiel Jazznojazz mangels Sponsoren aus. 1998 erfolgte die Wiederbelebung, diesmal unter der künstlerischen Leitung von Johannes Vogel, der in jenen Jahren mit Allblues eine Konzertagentur gegründet hatte.

2001 und 2004 führten Sponsoren- und Terminprobleme erneut zu Absagen. Doch 20 Jahre nach der Wiederbelebung ist Jazznojazz immer noch da – und wie!

Die heute startende 20. Festivalausgabe wartet mit grossen Namen auf: Zu den Stargästen zählen die Saxofonistin Candy Dulfer und die Keyboarderin Rose Ann Dimalanta, die sich aus gemeinsamen Zeiten in der Band von Prince kennen; weiter R&B-Diva Macy Gray sowie der langjährige Chick-Corea-Bassist Avishai Cohen.

Auch einheimische Top-Musiker sind dabei, und das in speziellem Rahmen: Andreas Schaerer (Gesang) gibt mit seinem angestammten Duo-Partner Lucas Niggli (Schlagzeug) und dem Gitarristen Kalle Kalima sowie dem Akkordeonisten Luciano Biondini am Samstagnachmittag ein für 6- bis 15-jährige begleitete Kinder kostenloses Familienkonzert im «Stall 6».

Festivalleiter ist auch bei der 20. Ausgabe immer noch Johannes Vogel. Nach dem Erfolgsrezept des Festivals gefragt, sagt er: «Was zählt, ist Kontinuität; dass man ein Konzept hat und es über Jahre durchzieht.» Das musikalische Konzept komme bereits im Namen des Festivals zum Ausdruck: Zwei Mal Jazz, dazwischen ein neckisches No – wobei Letzteres für an Jazz angrenzende Musikstile wie Funk, Soul, aber auch elektronische Musik steht.

«Eigentlich ist alles gleich wie 1998», sagt Vogel. Schon damals dauerte das Festival vier Tage, wobei der Mittwoch und der Donnerstag eher jazzig, Freitag und Samstag eher nojazzig sind. Hauptveranstaltungsort ist nach wie vor der grosse Saal des Theaterhauses Gessnerallee, ergänzt durch die Lokale «Stall 6» und «Jack & Jo» im gleichen Gebäudekomplex sowie den benachbarten, nach dem Hauptsponsor benannten ZKB-Club Theater der Künste – alles nahe beim Hauptbahnhof.

Anpassungen trotz Kontinuität

Trotz aller Kontinuität gab es im Laufe der 20-jährigen Festivalgeschichte auch Anpassungen: So mussten die Veranstalter das in der Anfangszeit beliebte Zelt mit Gratiskonzerten wegen Lärmschutzauflagen aufgegeben.

Gratiskonzerte gibts dafür jetzt in der Burgerbeiz «Jack & Jo», die während des Festivals in den Nordflügel der Gessnerallee zieht. Auch der Herbst-Termin und der Spielort Gessnerallee liessen sich über die Jahre nicht immer durchziehen: 2006 musste das Jazznojazz vorübergehend ins «Kaufleuten» ausweichen.

Und 2005 gab es einmalig eine Frühlingsausgabe, was den Veranstaltern aber nicht gefiel: «Wir fanden, wir brauchen längere Abende», so Vogel. Jazzkonzerte, die schon begannen, als es draussen noch taghell war – das habe irgendwie nicht gepasst.

Das Beharren auf Kontinuität brachte den Jazznojazz-Machern auch schon Kritik ein: «Wenig musikalische Experimente – dafür viele grosse Namen», schrieb der Kritiker des «Tages-Anzeigers» 2008 anlässlich der 10. Jazznojazz-Ausgabe. Und sein Pendant bei der «NZZ» hielt angesichts des für Festivals unüblichen Konzepts, wonach man nicht nur Tagespässe, sondern auch Billette für einzelne Konzerte kaufen kann, fest: «Jeder kriegt so zu hören, was er kennt – die vielleicht irritierende oder inspirierende Konfrontation mit Neuem bleibt einem ebenso erspart wie Debatten mit Andersgläubigen.»

Auf die Kritik angesprochen, sagt Festivalmacher Vogel, man könne am Jazznojazz durchaus auch junge Acts entdecken. Zu seinen Geheimtipps aus dem diesjährigen Programm zählen etwa das Tingvall Trio um den schwedischen Pianisten Martin Tingvall; oder das englische Trio Gogo Penguin, in dessen Musik sich Ambient-Klänge mit House- und Funkelementen mischen.

Experimentelles gab es auch von Stars am Jazznojazz bisweilen zu hören: So irritierte Tasten-Legende Herbie Hancock 1999 mit seiner Gershwin-Demontage und Talvin Singh 2005 durch die Kombination von Tabla und Laptop manche Kritiker. Doch beim Publikum hat sich Jazznojazz etabliert: Die Besucherzahlen des viertägigen Festival liegen laut Vogel seit Jahren bei rund 10 000 Personen.