Geburtstag

Jubiläum einer Schweizer Fussballlegende: Köbi wird 75

Köbi Kuhns Laufbahn widerspiegelt den Wandel des Spitzenfussballs. Er ist als Schweizer Fussballlegende bekannt und wird immer noch dafür gefeiert. Hier ein Überblick über die Karriere, des wohl bekanntesten Schweizer Fussballspielers.

«Er ist eine Legende, eine wahre Fussballlegende», schallte es letzten Sonntag im Letzigrund-Stadion aus den Lautsprechern. Die Rede ist von Köbi Kuhn, sechsfacher Schweizer Meister und fünffacher Cupsieger mit dem FC Zürich, bei dem er von 1960 bis 1977 spielte, 63-facher Nationalspieler und Trainer der Schweizer Nationalmannschaft von 2001 bis 2008. Am 12. Oktober feiert er seinen 75. Geburtstag. Der FCZ ehrt ihn schon jetzt: letzten Sonntag im Stadion vor dem Spiel gegen Xamax Neuenburg – und ab heute mit einer Ausstellung im FCZ-Museum.

Kuhn steht lächelnd am Spielfeldrand, als FCZ-Präsident Ancillo Canepa seine Verdienste um den Stadtklub und den Schweizer Fussball würdigt. Die Fans in der Südkurve haben ein Transparent aufgehängt: «Die goldigi Ära prägt – alles Gueti Köbi», steht mit blauen Lettern auf weissem Leintuch. Die Fans applaudieren. Kuhn geniesst es, sagt aber kein Wort. Kurz vor Spielbeginn steht er im Mittelkreis, mit dem Ball am Fuss. Spielt einen Pass, trifft aber den Ball nicht so richtig.

Die letzten Monate waren schwer für ihn: Seine einzige Tochter verstarb im Frühling mit nur 46 Jahren. Hinzu kamen zeitweise gesundheitliche Probleme. Erst vor vier Jahren war Kuhns erste Ehefrau Alice gestorben. Er heiratet noch einmal, seine Nachbarin Jadwiga Cervoni ist nun an seiner Seite. Kuhn lebt zurückgezogen als Rentner in Birmensdorf. Eine Interviewanfrage dieser Zeitung liess er unbeantwortet.

So wurde er legendär

Zur Legende wurde er, weil er es schaffte, in zwei fussballerisch ganz verschiedenen Zeitaltern den Schweizer Fussball zu prägen – und dabei mit seinem bescheidenen, zugleich spitzbübischen Auftreten ein Sympathieträger blieb. Kuhn wurde zur nationalen Identifikationsfigur. Seine Wahl zum «Schweizer des Jahres» 2007 war die Folge.

Als der Sohn eines Schreiners Anfang der 60er-Jahre vom Zürcher Quartierklub FC Wiedikon zum FCZ wechselte, war der Sprung vom Amateur- zum Spitzenfussball noch fast ein Katzensprung. Der Lehrling Köbi Kuhn – er lernte damals Tiefdruck-Ätzer – bekam mit seinem ersten Vertrag beim FCZ monatlich ein Grundgehalt von 125 Franken. Hinzu kamen pro absolviertes Training 5 Franken und pro gewonnener Punkt nochmals 10 bis 20 Franken, wie er im 2010 erschienenen FCZ-Geschichtsbuch «Eine Stadt ein Verein eine Geschichte» erzählt.

Trainiert wurde dreimal pro Woche am Abend. So war es möglich, vom 2.-Liga-Klub Wiedikon direkt in die höchste Schweizer Liga zu wechseln. Zu den Spielen fuhr das FCZ-Team mit dem Zug, die Spieler trafen sich jeweils am Hauptbahnhof Zürich. Die Autobahnen waren noch nicht gebaut.

Die Ära Kuhn sollte zur erfolgreichsten des FCZ werden. In der Saison 1962/1963 gewann die Mannschaft um Kuhn ihren ersten Schweizer-Meister-Titel. International machte sie sich 1964 mit dem Erreichen des Halbfinals im Europapokal der Landesmeister, dem Vorläufer der Champions League, einen Namen. Endstation war damals Real Madrid: Auf das 1:2 im Letzigrund, auf dessen Aschenbahn rund ums Spielfeld zusätzliche Zuschauerplätze aufgestellt worden waren, folgte eine 0:6-Klatsche in Madrid.

Kuhn entwickelte sich zusammen mit Rosario Martinelli, der ebenfalls 1960 zum FCZ gekommen war, zum kongenialen Duo auf dem Platz. Es kamen Angebote von ausländischen Klubs. Doch auch die lokale Konkurrenz machte ihm Avancen: 1969 boten die Grasshoppers dem FCZ 500 000 Franken für Kuhn. Dieser unterschrieb beim Stadtrivalen, absolvierte in der Sommerpause bereits Trainings auf dem Hardturm und posierte fürs Mannschaftsfoto im GC-Trikot. Doch der damalige FCZ-Präsident Edi Naegeli weigerte sich, den Vertrag zu unterzeichnen – aus «grundsätzlichen Überlegungen», wie er vor der Presse erklärte. Kuhn drohte nach den damaligen Fussballverbands-Regeln eine zweijährige Sperre, sollte er dennoch für GC spielen. Er kehrte zurück zum FCZ. Die ein Jahr zuvor von GC-Präsident Albert Fader lancierte Idee einer Fusion der beiden Klubs versandete.

Für Kuhn und den FCZ folgten weitere erfolgreiche Jahre: Zwei Cupsiege, zwei Schweizer-Meister-Titel – und 1977 erneut der Einzug ins Halbfinale des Europapokals der Landesmeister. Diesmal war der FC Liverpool Endstation. Und Kniebeschwerden brachten den 34-jährigen Köbi Kuhn zum Entschluss, seine Spielerkarriere zu beenden.
In der Folge versuchte er sich als Versicherungsagent, nebst diversen Engagements als Funktionär und Interimstrainer beim FCZ. Doch die Karriere nach seiner Zeit als aktiver Fussballer schien zum Flop zu werden: 1990 musste die «Jakob Kuhn Versicherungen AG» Konkurs anmelden.

Seine Karriere endete glücklicherweise nicht in einer Katastrophe

Eine Zeit lang sah es so aus, als ob die glanzvolle Fussballerkarriere in ein Desaster münden würde. Doch es kam anders. Ab 1996 arbeitete Kuhn als Nachwuchstrainer für den Schweizerischen Fussballverband. 2001 folgte die Berufung zum Nationaltrainer. Kuhn blühte noch einmal auf, in einer Zeit, als Fussball zum weltweiten Milliardengeschäft wurde und aus Feierabendfussballern längst hoch bezahlte Vollprofis geworden waren.

Das Spiel hatte sich enorm beschleunigt: Man hat nun sechsmal weniger Zeit für die Ballannahme, wie Kuhn einmal vorrechnete. Doch die Fussball-Legende fand den Draht zu den jungen Spieler-Millionären: Die Nationalmannschaft qualifizierte sich unter Kuhn 2004 für die Europameisterschaft in Portugal.

Zwei Jahre später erreichte sie an der WM in Deutschland das Achtelfinale. In seinem Heimatquartier Wiedikon wurde inoffiziell der «Köbi-Kuhn-Platz WM 2006» eingeweiht. Kuhns Trainerkarriere endete 2008 mit der Europameisterschaft im eigenen Land. Der 2:0-Sieg im letzten Vorrundenspiel gegen Portugal sorgte für einen versöhnlichen Abschluss nach den Niederlagen gegen Tschechien und die Türkei. Auf der Ersatzbank der Portugiesen sass ein gewisser Cristiano Ronaldo.

Zwei Jahre nach seinem Rücktritt als Nati-Trainer sollte Kuhn sagen: «Eine Gefahr im heutigen Fussball ist, dass jeder sein eigenes Projekt ist, ein Millionenprojekt.»

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