«Diskriminierung»

Jetzt wird die Mohrenkopf-Debatte politisch: SVP stellt Anfrage an Zürcher Regierungsrat

Die SVP lancierte mit Mohrenköpfen und einer Anfrage gestern eine Rassismus-Debatte im Kantonsrat.

Die SVP lancierte mit Mohrenköpfen und einer Anfrage gestern eine Rassismus-Debatte im Kantonsrat.

Die Zürcher SVP vermutet eine Diskriminierung von einzelnen Produzenten und hinterfragt deshalb die Geschäftsbeziehungen zur Migros. Die SP spricht von längst fälliger Rassismus-Debatte.

Die letzte Woche erfolgte Verbannung von Mohrenköpfen aus den Migros-Verkaufsregalen hat ein politisches Nachspiel: Gestern platzierte die SVP im Zürcher Kantonsrat auf allen Pulten einen Mohrenkopf, respektive Schokokuss, wie die Süssware im Bemühen um politische Korrektheit auch genannt wird. Gleichzeitig reichten SVP-Kantonsräte eine Anfrage an die Regierung ein: Sie wollen wissen, welche geschäftlichen Beziehungen der Kanton mit der Migros unterhält – und in welcher Form der Regierungsrat das Verhalten der Grossistin weiter verfolge. Schliesslich sei es wichtig, dass der Kanton auf Geschäftsbeziehungen mit Lieferanten baue, die überlegt handeln.

SVP-Kantonalparteipräsident Benjamin Fischer (Volketswil) verwies auf die Entstehungsgeschichte des Wortes «Mohr»: Ursprünglich habe es Bewohner des nordwestafrikanischen Mauretaniens bezeichnet, ab dem 16. Jahrhundert dann generell Menschen dunkler Hautfarbe. Auch in der Literatur finde der Begriff Verwendung, etwa bei Goethe.

Heute werde das Wort «Mohr» jedoch in der Alltagssprache kaum noch verwendet. Jedes Kind kenne aber den Mohrenkopf als Süssspeise. Fischer folgerte: «Wer beim Mohrenkopf an einen Menschen schwarzer Hautfarbe denkt, ist ein Rassist.» Der SVP-Kantonalparteipräsident weiter: «Es geht um viel mehr als den Namen eines Süssgebäcks. Es geht darum, dass historisch gewachsene Kultur nicht einfach nach Laune einiger empörter Extremisten ausradiert werden kann.» Die SVP verteidige Traditionen, Werte und Kultur unseres Landes, schloss Fischer.

Demonstrieren genüge nicht

Auch die SP hatte eine Fraktionserklärung parat. Andrew Katumba (SP, Zürich), der als Dunkelhäutiger im Kantonsrat eine Ausnahmeerscheinung ist, verlas sie. Und nachdem sich die SVP für den traditionellen Namen einer Süssspeise eingesetzt hatte, fokussierte Katumba auf andere Aspekte: «Es ist höchste Zeit, dass wir uns in der Schweiz endlich mit Rassismus auseinandersetzen», sagte er. Nach wie vor gebe es auch in hiesigen Polizeicorps Klagen wegen Racial Profiling. Der Begriff bezeichnet beispielsweise Kontrollen nur aufgrund der Hautfarbe. Und immer noch seien Kinder mit Migrationshintergrund in den Schulen benachteiligt. Zudem würden Tausende von Menschen hierzulande in der Illegalität leben und sich als Schwarzarbeiter ihren Lebensunterhalt verdienen.

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Katumba nahm auch Bezug auf die «Black Lives Matter»-Kundgebungen, an denen in der Schweiz am Wochenende Tausende von Menschen teilnahmen. Allein in Zürich gingen rund 10'000 Demonstrierende auf die Strasse. Genauso wichtig wie die Teilnahme an Demos sei das Benennen von Rassismus im Alltag, sagte Katumba. Dies könne unangenehm sein. «Es wiegt aber ungleich weniger schwer als die Folgen von rassistischen Äusserungen, Diskriminierungen und Angriffen und das Ausbleiben von solidarischen Reaktionen für die betroffenen Menschen.»

Noch einen anderen Fokus setzte Valentin Landmann (SVP, Zürich) in der Debatte: Gesprochen werde jetzt vor allem über Hass gegen Dunkelhäutige, sagte der bekannte Anwalt. Doch auch der Hass auf Homosexuelle, Frauen, Menschen mit Behinderung oder Obdachlose sei verwerflich. Es gelte daher, den Artikel 47 des Strafgesetzbuchs so zu ergänzen, dass Hassdelikte schärfer bestraft werden. «Damit wäre eine Ausweitung des Antirassismusartikels nicht mehr notwendig», sagte Landmann.

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