Fall Mörgeli
Jetzt kritisieren auch Ärzte Mörgelis ‹Billig-Dissertationen›

100 Seiten Abschrift und wenige Seiten Eigenleistung reichen nicht für einen Doktortitel. Darüber sind sich mehrere Professoren einig. Christoph Mörgeli, der die beanstandeten Arbeiten betreute, verteidigt seine Arbeit weiter.

Dean Fuss
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Erneut unter Beschuss: Christoph Mörgeli soll es den Doktoranden einfach gemacht haben, berichtet die «Rundschau»

Erneut unter Beschuss: Christoph Mörgeli soll es den Doktoranden einfach gemacht haben, berichtet die «Rundschau»

Keystone

Die SRF-Sendung «Rundschau» hatte in der vergangenen Woche mit ihrem Bericht über angebliche «Billig-Dissertationen» unter der Betreuung des Titularprofessors und SVP-Nationalrats Christoph Mörgeli für Aufruhr gesorgt. Nun legte die Hintergrundsendung gestern Abend mit weiteren Recherchen nach.

Dabei kamen mehrere Fachleute zu Wort. Unter anderem äusserte sich auch Stephanie Clarke, Direktorin der Doktorandenschule der Universität Lausanne: «Mediziner brauchen nicht so viel Zeit wie andere für ihren Doktortitel, aber die wissenschaftliche Tiefe muss gleich sein, wie bei anderen Disziplinen.»

Clarke fände es schade, wie sie gegenüber SRF betont, wenn der medizinische Doktortitel seinen guten Ruf verlieren würde, denn der Fall werfe ein schlechtes Licht darauf. Ähnlich sieht das Antonio Loprieno, Rektor der Universität Basel: «Generell muss eine Eigenleistung vorhanden und evident spürbar sein.» Ansonsten fehle eine der Vorbedingungen für den Verleih eines Doktortitels.

Qualität der Medizin steht auf dem Spiel

Jacques de Haller, der ehemalige Präsident der Ärztevereinigung FMH, sieht die Sachlage etwas dramatischer: «Es geht um die Qualität der Medizin.»

«Billig-Dissertationen»

Die SRF-Sendung «Rundschau» hatte vergangene Woche die Diskussionen um Dissertationen unter der Betreuung von Christoph Mörgeli ins Rollen gebracht. Mindestens ein Dutzend der von ihm betreuten Doktorarbeiten enthalten demnach lediglich Übersetzung von alten Texten. Von den Doktoranden selber stammen teilweise bloss kurze Vor- und Nachworte. (DFS)

«Wahrscheinlich war die Überwachung nicht seriös genug», sagt De Haller gegenüber der «Rundschau». Das dürfe aber schlichtweg nicht sein. «Das finde ich nicht akzeptabel.»

Mörgeli sieht Verantwortung bei der Uni

Christoph Mörgeli betont derweil den schwierigen Standpunkt des Medizinhistorischen Instituts: «Forscher und Historiker haben wenig Verständnis für das Nischenfach, das auf der Schnittstelle zwischen Medizin und Geisteswissenschaften liegt.»

Allerdings besteht er weiterhin darauf, dass die von der «Rundschau» beanstandeten Dissertationen in Ordnung seien, sonst wären sie ja bei der Fakultät nicht durchgekommen. Es handle sich um ein Fach, das sich nicht einfach in ein Schema pressen lasse, so Mörgeli weiter. Aber: «Wir arbeiten selbstverständlich wissenschaftlich.»

Schützenhilfe erhält Mörgeli von SVP-Kantonalpräsident Alfred Heer. Dieser fordert eine Gesamtschau über die Dissertationen an der medizinischen Fakultät. «Es gibt an dieser Fakultät noch viel dünnere Dissertationen», sagt er. Es sei die Aufgabe der Universität Zürich, eine einheitliche Regelung für die Dissertationen zu finden.

Ehemalige Vorgesetzte schweigen

Nicht zu den Vorwürfen der «Rundschau» äussern wollen sich die ehemaligen Vorgesetzten von Mörgeli, Beat Rüttimann und Walter Bär: Beide beriefen sich auf Anfrage von SRF darauf, pensioniert zu sein und sich deshalb nicht mehr mit der Thematik zu befassen.

Im Leitfaden für Doktoranden des Medizinhistorischen Instituts der Universität Zürich gibt Mörgeli selber einen höhren Standard für Doktorarbeiten vor, als er ihn offensichtlich in der Realität eingefordert hat: Es dürfe nicht beim Abschreiben bleiben, Doktoranden sollten die Handschriften zusätzlich auch inhaltlich und äusserlich beschreiben.

Die «Rundschau» zitiert aus diesem Leitfaden auch einen Beitrag des schweigenden Rüttimanns: «Medizinhistorische Dissertationen sind sehr aufwendig.» Dieser Satz lässt aufhorchen. Wird doch gerade dieser Umstand bei den bemängelten Doktorarbeiten bezweifelt. Die medizinische Fakultät will nun jedenfalls selber abklären, ob die Doktorarbeiten genügen oder nicht.