Benedikt Zahno hat oft mit ansehen müssen, wie jemand an Aids zugrunde gegangen ist. Als junger Mann hat er im Zürcher Hospiz «Ankerhuus» aidskranke Menschen in den Tod begleitet. «Ein bis zweimal pro Woche waren wir auf dem Friedhof, um einen Freund zu beerdigen», sagt er. Das «Ankerhuus» hat inzwischen längst geschlossen. Dem Thema ist Zahno aber treu geblieben. Er leitet heute das Zürcher Gesundheitszentrum «Checkpoint», das von Schwulen für Schwule betrieben wird. 4500 Männer lassen sich dort jährlich anonym auf Geschlechtskrankheiten testen. In rund 40 Fällen lautet die Diagnose: HIV positiv.

Virus ist auf dem Vormarsch

Und es werden nicht weniger. Im Gegenteil. Das Virus ist in der Schwulenszene wieder auf dem Vormarsch: Im Jahr 2000 wurden in der Schweiz bei Homosexuellen 150 Fälle von HIV diagnostiziert. 2012 waren es doppelt so viele. «Der in den 90er-Jahren erreichte Präventionseffekt ist praktisch verpufft.

Die Übertragungsrate von HIV unter Schwulen nähert sich dem hohen Niveau der späten 80er-Jahre an», schreibt das Bundesamt für Gesundheit (BAG) in einer kürzlich erschienenen Broschüre.

Benedikt Zahno ist froh, dass die «Ankerhuus»-Zeiten vorbei sind, dass heute kaum mehr jemand an Aids stirbt und es Medikamente gibt, die HIV-Positiven ein einigermassen normales Leben ermöglichen. Gleichzeitig ist es für ihn und den «Checkpoint» aber schwieriger geworden, die Ausbreitung von HIV zu bremsen. Seit in der Schwulenszene keine von Aids gezeichneten Menschen mehr präsent sind, ist HIV zum gesichtslosen Virus geworden.

Tabu geworden

Früher war Aids offensichtlich. «Die Angst vor dem Sterben hat viele abgeschreckt. Sie wollten nicht so enden und waren beim Sex sehr vorsichtig», sagt Zahno. Heutige junge Schwule kennen die Aids-Epidemie der 80er- und 90er-Jahre hingegen höchstens noch aus Erzählungen. Über HIV werde in der Community kaum noch gesprochen, es sei ein Tabu geworden, sagt Zahno.

Und dies, obwohl in grossen Städten wie Zürich inzwischen jeder siebte Schwule das Virus in sich trägt. Paradoxerweise gelten Schwule laut BAG in Sachen «Safer Sex» als vorbildlich. Kondome verwenden sie überdurchschnittlich zuverlässig.

Trotzdem verbreitet sich HIV bei ihnen sehr viel stärker als unter Heterosexuellen. Eine einfache Erklärung hat Zahno dafür nicht. Ein Grund ist die ohnehin schon starke Verbreitung des Virus in der Szene.

Verbreitung über «Netzwerke»

Ein anderer ist, dass Schwule tendenziell mehr Sexualpartner haben als Heteros. Viele pflegen nebst ihrem festen Partner auch noch weitere Bekanntschaften. «Netzwerke» heisst das im jugendfreien Jargon. Steckt sich ein Mann mit HIV an, so kann er den Virus innert kürzester Zeit innerhalb seines Netzwerks streuen.

Von dort aus verbreitet sich der Erreger gewissermassen im Schneeballsystem in anderen Netzwerken. «Innerhalb dieser Netzwerke vertraut man sich, weshalb das Kondom nicht selten weggelassen wird», sagt Zahno.

Vertrauen ist allerdings ein schlechter Ratgeber. Denn meist wird das Virus übertragen, bevor es überhaupt entdeckt ist. 80 Prozent der Schwulen stecken sich bei jemandem an, der meint, er sei kerngesund.

Erschwerend kommt hinzu, dass HIV kurz nach der Übertragung – also dann, wenn man noch nichts davon bemerkt hat – am ansteckendsten ist. Die Wahrscheinlichkeit, jemanden zu infizieren, liegt in den ersten drei Monaten bei nahezu hundert Prozent.

Ansteckungskette durchbrechen

Genau hier setzt die laufende Kampagne des Checkpoint an. «Break the Chains» heisst sie: die Ansteckungsketten durchbrechen. Während des ganzen Monats April soll sich die Szene so vorsichtig verhalten, dass sich möglichst niemand neu ansteckt. Anschliessend werden HIV-Tests gemacht. Auf diese Weise wollen die Verantwortlichen die unbewussten Ansteckungen stark reduzieren.

Nachdem «Break the Chains» 2012 in Zürich erstmals als Versuch durchgeführt wurde, läuft die Kampagne dieses Jahr landesweit. Die Leitung liegt bei Andreas Lehner vom Zürcher Checkpoint. Eine solche Aktion müsse vor allem in Zürich funktionieren, sagt er. Denn fast drei Viertel aller HIV-Infektionen unter Schwulen passieren an der Limmat. «Die Stadt ist ein Magnet für Männer vom Land, die hier Bars, Clubs und Saunas besuchen», so Lehner.

Tägliches Tablettenschlucken

Die Community habe letztes Jahr gut auf «Break the Chains» reagiert, sagt er. Die Zahl der HIV-Tests habe seither zugenommen. Gemäss Berechnungen des BAG reicht ein Aktionsmonat pro Jahr aus, um die Virenlast unter Schwulen deutlich zu reduzieren. Innerhalb von fünf Jahren soll sich die Zahl der Neuinfektionen so mehr als halbieren. Entwickelt sich die Situation hingegen im gleichen Stil weiter wie in den letzten Jahren, wird sich die Zahl der Ansteckungen massiv erhöhen.

Das gelte es zu verhindern, sagt Checkpoint-Leiter Zahno. Denn obschon HIV keine tödliche Bedrohung mehr ist, bringt das Virus grosse Einschränkungen mit sich. Er lässt sich nur durch tägliches Tablettenschlucken – verbunden mit Nebenwirkungen – in Schach halten.

Und auch wenn die Behandlung so wirksam ist, dass Patienten eine normale Lebenserwartung haben und irgendwann nicht einmal mehr ansteckend sind – die Diagnose ist für Betroffene nach wie vor ein Schock, wie Zahno sagt.

Mit grosser Scham verbunden

Hier ist noch Aufklärungsarbeit nötig. Das Schreckgespenst Aids soll aus den Köpfen verschwinden, dafür müsse HIV als Krankheit präsenter werden, sagt Zahno. Präsenter heisst für ihn auch: mit weniger Vorurteilen belastet. Denn für Betroffene ist die Infektion in der Regel mit grosser Scham verbunden, mit dem Empfinden, etwas «falsch gemacht» zu haben und selber schuld zu sein.

«Mein Wunsch wäre, dass die Community HIV als Realität der schwulen Kultur akzeptiert und offen darüber spricht», sagt Zahno. Er will nicht bagatellisieren, aber das Stigma beseitigen. Denn erst, wenn der Virus zu einem Stück Normalität geworden ist, liesse sich vielleicht auch sein anderer Wunsch realisieren: dass sich alle Schwulen mindestens einmal im Jahr auf Geschlechtskrankheiten testen lassen.