Ausbildungsabbruch
Jeder fünfte Attestlehrling im Kanton schmeisst die Lehre hin

Das Bundesamt für Statistik präsentiert die erste landesweite Statistik zum Thema. Drei Berufe fallen dabei besonders negativ auf.

Florian Niedermann
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Coiffeur-Lehrlinge brechen ihre Ausbildung besonders oft ab (Symbolbild).Sanard

Coiffeur-Lehrlinge brechen ihre Ausbildung besonders oft ab (Symbolbild).Sanard

Sandra Ardizzone

In der Schweiz löst einer von vier Lehrlingen in einer Attestlehre den Vertrag mit seinem Ausbildungsbetrieb vorzeitig auf. Dies brachte eine gestern veröffentlichte Studie des Bundes ans Licht, in der erstmals landesweit Zahlen zu Lehrvertragsauflösungen erhoben wurden.

Beim untersuchten Eintrittsjahrgang 2012 steht die Region Zürich mit einer Abbruchquote von 20,4 Prozent gut da. Der Vergleich mit fünf Schweizer Grossregionen zeigt: Einzig in der Zentralschweiz zogen mehr Lernende ihre zweijährige Attestausbildung durch (siehe Tabelle). Marc Kummer, der Chef des kantonalen Mittelschul- und Berufsbildungsamts (MBA), stimmen die Ergebnisse der Studie aber nicht etwa euphorisch: «Die Abbruchquoten der einzelnen Regionen liegen nahe beieinander. Ich würde mich mit diesem Wert nicht brüsten», sagt er.

Die Gründe für eine Vertragsauflösung liegen laut Kummer entweder darin, dass Lernende und Betrieb nicht zusammenpassten, oder aber dass einem Lehrling der Beruf als solches nicht zusagt. «Ein Abbruch bedeutet für beide Beteiligten viel Aufwand. Aber es ist weit weniger dramatisch, als wenn ein Lehrling am Ende den Abschluss nicht schafft», sagt er.

Wichtig ist gemäss Studie auch, dass die Lernenden nach der Auflösung eines Vertrags möglichst schnell eine neue Lehrstelle finden: «Je länger die Lehrvertragsauflösung zurückliegt, desto kleiner die Wahrscheinlichkeit, eines Wiedereinstiegs in eine zertifizierende Ausbildung», heisst es dort. Bereits ab dem zweiten Monat nach dem Abbruch einer beruflichen Grundausbildung sinke der Anteil der Jugendlichen, die wieder in eine Attestausbildung einsteigen, deutlich ab.

Baupraktiker geben häufig auf

Die Studie zeigt auch, dass es bei einzelnen Berufsfeldern besonders oft zu Vertragsauflösungen kommt. Absolute Spitzenreiter sind schweizweit die Baupraktiker: 44,8 Prozent von ihnen brachen mindestens einmal ihre Lehre ab. Die Plätze zwei und drei belegten in die Restaurationsangestellten (42,5 Prozent) und Coiffeure beziehungsweise Coiffeusen (40 Prozent).

Der Kanton hat solche branchenspezifischen Unterschiede gemäss Kummer bereits vor Jahren ausgemacht. Meist wiesen dabei jene Berufsfelder besonders hohe Abbruchquoten auf, die von unregelmässigen Arbeitszeiten und einem hohen wirtschaftlichen Druck geprägt sind, oder bei denen die Lernenden bei Wind und Wetter im Freien arbeiten müssen.

Es war in Medienberichten zu diesem Thema auch schon der Vorwurf zu lesen gewesen, dass etwa Coiffeur- oder Serviceangestellte bereits während der Lehre fast dasselbe leisten können müssen wie ihre ausgelernten Mitarbeiter.

Den Lehrlingen viel Verantwortung zu übertragen, sei nicht immer schlecht, sondern könne auch motivierend wirken, sagt Kummer: «Es ist aber wichtig, das richtige Mass zu finden. Die Lernenden sollen nicht überfordert werden.» Es sei gewollt, dass ausbildende Betriebe wirtschaftlich davon profitieren, dass ihre Stifte Arbeit für wenig Geld leisten, so der MBA-Chef: «Dafür erhalten die Lernenden eine Ausbildung. Es ist ein Geben und ein Nehmen.»

Branchenkultur ist entscheidend

Entscheidend dafür, dass es in einzelnen Wirtschaftszweigen mehr Lehrabbrüche gibt, ist laut Kummer auch die jeweilige Branchenkultur. So würden die Lernenden in der Landwirtschaft beispielsweise traditionsgemäss jedes Jahr den Betrieb wechseln, was sich jedes Mal als Vertragsauflösung in der Statistik niederschlage.

Auch in Branchen, die von Kleinstbetrieben geprägt sind, gebe es tendenziell mehr Vertragsauflösungen, sagt er. Dies, weil sie mangels personeller Ressourcen und angesichts des hohen wirtschaftlichen Drucks weniger Zeit in die Begleitung der Lernenden investieren könnten als grössere Betriebe.

Bereits heute laufen im Kanton Projekte, um die Abbruchquoten in den stark betroffenen Wirtschaftszweigen zu senken. Lanciert hat sie das MBA gemeinsam mit den Branchenverbänden. Dies sei aber nur ein Faktor, weshalb die Grossregion Zürich in der Studie zu den Attestlehren vergleichsweise positiv abgeschnitten hat, ist Kummer überzeugt: Auch die gute Vorbereitung in der Volksschule und der Berufsberatung sowie die die individuelle Lehrlingsbegleitung in der Berufsfachschule zeige Wirkung.

Attestlehren gibt es in der Schweiz seit 2005. Sie ersetzten seither in vielen Branchen die frühere sogenannte Anlehre. Beide Ausbildungen sind für Jugendliche gedacht, die eine drei- oder vierjährige Berufslehre mit eidgenössischem Fähigkeitszeugnis voraussichtlich nicht erfolgreich abschliessen würden.

Die Anforderungen der neuen Grundbildung sind gegenüber der früheren Anlehre aber etwas höher. So gibt es etwa eine Abschlussprüfung. Das Bundesamt für Statistik fokussierte in der Studie auf diesen Ausbildungstyp, weil die Ergebnisse zur regulären drei- oder vierjährigen Berufslehre noch nicht vorliegen. Sie werden in weiteren Untersuchungen wohl noch nachgeliefert.