Stefanie Rüttener leitet den Bereich Lärmschutz der Stadt Zürich. Sie weiss, welcher Krach die Zürcher besonders nervt. Wegen Strassenverkehr wird jedoch selten reklamiert. Dabei sind die Zahlen alarmierend. Auf 230 Kilometern Stadtzürcher Strasse wird der Immissionsgrenzwert überschritten. 130 000 Stadtbewohner leiden demzufolge unter Strassenlärm – also jeder dritte. 11 000 Zürcher leben gar an Lagen mit Alarmwerten. «Das ist ein grosses Problem», sagt Rüttener. «Vor allem der nächtliche Lärm müsste stark reduziert werden, um unter den Grenzwert zu kommen.»

Ausserhalb der Stadt sieht es etwas besser aus. In den Agglomerationen ist etwa jeder Sechste von schädlichem oder lästigem Strassenlärm betroffen, auf dem Land ist es jeder Zehnte.

Die gesundheitlichen Schäden hat die dänische Wissenschafterin Mette Sørensen untersucht. Gemäss ihrer Studie, die sie an der Tagung der Lärmliga Schweiz in Zürich präsentierte, kann Strassenlärm zu höherem Blutdruck, Stress und Herz-Kreislauf-Erkrankungen führen. Weitere mögliche Folgen sind Diabetes, Fettleibigkeit und Brustkrebs.

Kosten sind gestiegen

Strassenlärm gefährdet aber nicht nur die Gesundheit, er senkt auch die Lebensqualität, beeinträchtigt die Lernfähigkeit, stört die Natur und vermindert Umsätze oder den Wert von Immobilien. Alles in allem kostet er die Schweiz 1,4 Milliarden Franken pro Jahr, wie aus einer Studie von Daniel Sutter, Umwelt- und Naturwissenschafter der ETH Zürich, hervorgeht. 2005 waren es noch 1,1 Milliarden Franken. Gründe der Zunahme sind unter anderem das Wachstum der Bevölkerung und des Verkehrs sowie die dichtere Bebauung.

Dass der Strassenlärm trotz dieser Zahlen auf der politischen Agenda kaum Beachtung findet, erstaunt Peter Ettler nicht. Der Jurist und Präsident der Lärmliga Schweiz vertritt unter anderem den Schutzverband der Bevölkerung um den Flughafen Zürich (sbfz) in Rechtsfragen und sagt: «In der Politik wird Strassenlärm bloss als lästig bezeichnet, als etwas, das man wegstecken kann.»

Ettler ruft deshalb zu einem Paradigmenwechsel auf. Und fordert, die Grenzwerte auf allen Strassen zu senken: tagsüber von heute 65 auf 60 Dezibel und nachts von 55 auf 50 Dezibel. Doch wie soll das gehen? Ettler schlägt eine Mischung aus mehreren Massnahmen vor: Vorgaben für leisere Motoren, Reifen und Strassenbeläge – und gleichzeitig Schallschutz, Temporeduktionen und Kampagnen, um die Bevölkerung zu sensibilisieren. Zudem sei der Schwerverkehr über lange Strecken konsequent auf die Schiene zu verlagern.

Der «leise» Belag

Die Tagung in Zürich zeigte, dass manche Kantone und Städte durchaus tätig sind, wenn auch mit unterschiedlichen Ansätzen. Der Kanton Aargau setzt beispielsweise seit zehn Jahren auf «leise» Beläge. Sie reduzieren den Lärm um bis zu 8 Dezibel. Das klingt nach wenig. In der Wirkung ist dies aber gleichbedeutend mit drei Vierteln weniger Verkehr. Der Nachteil: Der Belag ist teuer und hält nur etwa halb so lange wie eine konventionelle Schicht. Kommt hinzu, dass der Einbau anspruchsvoll ist. Das musste auch die Stadt Zürich in einem Test erfahren. «Solche Beläge bleiben dennoch eine Option», sagt die Zürcher Lärmschutzbeauftragte Stefanie Rüttener. Eine weitere sei die Einführung von Tempo 30. Temporeduktionen würden die Sicherheit erhöhen, den Lärm reduzieren und seien mit wenig Aufwand einzuführen. «Das Problem ist nur, dass viele Projekte durch Einsprachen blockiert sind.»