Wer heute in Rheinau wohnt, hat vielleicht bald eine Sorge weniger. Denn ein Jahr lang soll hier niemand mehr befürchten, zu wenig Geld zu verdienen, um seinen Lebensunterhalt zu finanzieren. Jeweils Anfang Monat soll es sein wie an Weihnachten oder am Geburtstag: Das Geld kommt ganz automatisch und einfach so.

Alle, die älter sind als 25 Jahre, erhalten 2500 Franken. Bei jungen Erwachsenen sind es noch 1875 Franken und bei Jugendlichen 1250 Franken. Selbst Kinder werden mit 625 Franken unterstützt.

Die einzige Bedingung, um von diesem Geldsegen zu profitieren, ist, dass die Rheinauer an einem gesellschaftspolitischen Experiment der Wettinger Filmemacherin Rebecca Panian teilnehmen.

Sie will mit diesem Versuch herausfinden, ob ein bedingungsloses Grundeinkommen funktionieren kann. Und vor allem, wie es sich auf die Menschen innerhalb einer festen Gemeinschaft auswirkt. «Wie gehen sie mit der neuen Freiheit um? Werden wirklich alle faul wie befürchtet?», fragt sie in einer Mitteilung rhetorisch. Ein Team will das Projekt wissenschaftlich begleiten und auswerten. Mit dabei sind der Ökonom Jens Martignoni, der Grundeinkommen-Experte Ralph Moser und Aleksandra Gnach, Professorin für Medienlinguistik an der ZHAW. Zudem wird der Versuch von Rebecca Panian begleitet. Die Regisseurin will darüber einen Film drehen.

Das halbe Dorf ist nötig

Eine Abstimmung ist in Rheinau für das Experiment nicht nötig, die Teilnahme ist freiwillig. Damit es starten kann, müsste sich allerdings rund die Hälfte der 1300 Einwohner anmelden.

Nicht alle Teilnehmenden würden gleichermassen vom Experiment profitieren. Denn das Anfang Monat ausbezahlte Grundeinkommen kann gemäss Mitteilung nur ganz für sich behalten, wer keinen eigenen Verdienst erzielt. Falls durch Lohn, AHV oder Sozialleistungen Geld hereinkommt, müssen die Betroffenen diese Einnahmen maximal bis zur Höhe des ausbezahlten Grundeinkommens wieder zurückerstatten. Das heisst: Erzielt eine Person mehr Einnahmen, als sie durch das Grundeinkommen erhalten hat, überweist sie den gesamten Betrag des Grundeinkommens zurück.

Für die meisten Erwerbstätigen dürfte sich finanziell also auch mit dem Grundeinkommen nichts ändern. Neu wäre aber, dass alle Personen in Rheinau, die älter sind als 25 Jahre, pro Monat mindestens 2500 Franken zur Verfügung haben.

Finanzierung noch offen

Das Experiment geht damit weniger weit als die klar abgelehnte Volksinitiative 2016 für ein bedingungsloses Grundeinkommen. Denn die Steuern und Sozialleistungen bleiben unangetastet. Verantwortlich für die Umsetzung ist auch nicht der Staat, sondern ein privater Verein, der von den Initianten dafür gegründet wurde.

Was die Finanzierung des Versuchs angeht, scheint das Kernteam unbesorgt. Immerhin hätten über 500 000 Menschen in der Schweiz Ja gesagt zum Grundeinkommen, lässt sich Rebecca Panian in einer Mitteilung zitieren. «Wenn jeder davon 20 Franken spenden würde, kämen zehn Millionen Franken zusammen, also mehr als genug für das Experiment.» Der Fokus des Projekts werde zudem bewusst nicht auf den Finanzen liegen. Es sei bereits hinreichend belegt, dass eine Finanzierung möglich sei.

Eine Chance für Rheinau

Beim Gemeinderat in Rheinau ist das Kernteam auf offene Ohren gestossen. «Das ist ein spannendes Projekt, das wir gerne unterstützen», sagt Gemeindepräsident Andreas Jenni. Er sieht darin eine Möglichkeit, allgemein spürbarer Politikverdrossenheit entgegenzuwirken. «Politik kann so eins zu eins erlebt werden und bleibt nicht auf einer abstrakten Ebene. Jeder kann Teil einer Entwicklung werden.»

Der Gemeinderat sei gegenüber der Idee eines Grundeinkommens, wie es die Volksinitiative 2016 forderte, zwar sehr skeptisch, sagt Jenni weiter. «Denn bei einem Ja hätte es einen grossen Umbruch gegeben.» Das Experiment sei aber etwas anderes, da bestehende Institutionen nicht tangiert würden. Für die Gemeinde bestünden keine finanzielle Risiken. Im Gegenteil: «Der Versuch wird verschiedene Impulse auslösen und Rheinau auf der Liste der innovativen Gemeinden wieder ganz weit nach oben tragen.» Der Gemeindepräsident nennt ein Beispiel, das zeige, dass nicht nur direkt Betroffene profitieren. Ein Student könne sich mit dem Grundeinkommen auf das Studium konzentrieren und müsse keine Nebenjobs suchen. Dadurch werde er rascher fertig und könne als Fachkraft arbeiten. So werde auch sein Platz früher frei.