Studie
Jede fünfte Pflegeperson an Zürcher Spitälern denkt über einen Berufsausstieg nach

Wer im Kanton Zürich in einem Gesundheitsberuf arbeitet, fühlt sich in der Regel gesund oder sogar sehr gesund, ist aber starken Belastungen ausgesetzt. Besonders Pflegende, denen es an Wertschätzung fehlt, denken oft an einen Berufsausstieg.

Thomas Schraner
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Pflegende hätten oft das Gefühl, mehr zu geben als zu erhalten, sagt der Autor der Studie zur Gesundheit von Beschäftigten in Gesundheitsberufen. Symbolbild: Severin Bigler

Pflegende hätten oft das Gefühl, mehr zu geben als zu erhalten, sagt der Autor der Studie zur Gesundheit von Beschäftigten in Gesundheitsberufen. Symbolbild: Severin Bigler

SEVERIN BIGLER

Sind die Leute, die in Gesundheitsberufen arbeiten, aufgrund ihrer hohen Belastung am Arbeitsplatz kränker als andere Berufsgruppen? Nein, stellt die am Montag publizierte Studie «Gesundheit von Beschäftigten in Gesundheitsberufen» fest. Der Grossteil der Befragten fühle sich gesund oder sogar sehr gesund. Ist also alles in bester Ordnung? Nein, sagt Oliver Hämmig, Studienautor und Bereichsleiter am Institut für Epistemologie, Biostatistik und Prävention der Universität Zürich. Die in Gesundheitsberufen tätigen Leute müssten im Vergleich zu anderen Berufsgruppen überdurchschnittlich gesund sein oder sich so fühlen – weil sie besser gebildet sind. Laut Statistik geht nämlich eine höhere Bildung mit einer besseren Gesundheit einher.

Die Studie besagt, dass die körperlichen, zeitlichen und psychischen Belastungen in Gesundheitsberufen «deutlich höher» sind als anderswo. Das gelte für die gesamte Schweiz, insbesondere aber für den Kanton Zürich. Natürlich gilt dieser Befund nicht für alle Gesundheitsberufe gleichermassen. Es gibt Unterschiede zwischen Pflegenden, Ärzten, medizinisch-technischen Angestellten und medizinisch-therapeutischen Angestellten. Für alle ergeben sich spezielle psychische Belastungen im Umgang mit schwer kranken Patienten, deren Schicksal sie auch nach Feierabend beschäftigt. Stressoren sind aber auch renitente Patienten, welche die Helfenden beschimpfen und beleidigen, was offenbar immer öfter vorkommt. Daneben fallen auch die alltäglichen Stressoren in Gesundheitsberufen ins Gewicht: Die langen Arbeitszeiten, die oft fehlenden Pausen und die häufigen Unterbrechungen bei der Arbeit.

Rücken- und Nackenschmerzen

Dass unter den Gesundheitsangestellten speziell die Pflegenden besonders belastet sind, bestätigt auch diese Studie. Sie müssen zum Beispiel oft in anstrengenden und ermüdenden Körperhaltungen arbeiten und leiden entsprechend oft an Rücken- und Nackenschmerzen. Entsprechend hoch ist die Fluktuation in der Pflege. Jede fünfte Pflegeperson an Zürcher Spitälern denkt laut der Studie sogar über einen Berufsausstieg nach. Ärztinnen und Ärzte leiden infolge der überlangen Arbeitszeiten häufig darunter, dass sich Beruf und Familie schlecht vereinbaren lassen. Burnout-Symptome sind deshalb keine Seltenheit. Gestresste Ärzte greifen mitunter auch zu Psychopharmaka, was laut den Studienautoren damit zusammenhängen könnte, dass Medikamente für diese Berufsgruppe leicht verfügbar sind.

Dass es Pflegenden und Ärzten gesundheitlich nicht deutlich schlechter geht, hängt laut der Studie damit zusammen, dass sie positive Ressourcen mobilisieren können. So können Ärzte von grossem gesellschaftlichen Prestige, von einem hohen Einkommen und hoher Arbeitsautonomie profitieren. Darauf können Pflegenden in der Regel nicht zurückgreifen. Zu ihren Ressourcen gehört, dass sie bei Kolleginnen und Kollegen im Team Zuspruch in Stresssituationen finden.

Die Studie kommt zum Schluss, dass eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen nicht nur der Gesundheit des Gesundheitspersonals zuträglich wäre, sondern dass dies auch ein Mittel gegen den Personalmangel wäre. Schon jetzt gibt es in Spitälern und Heimen bekanntlich Engpässe bei der Versorgung von chronisch Kranken und Betagten. Mit der demografischen Alterung steigt der Pflegebedarf in Zukunft massiv.

«So gesehen ist die Situation relativ alarmierend», sagt Studienautor Hämmig. Wenn er von einer Verbesserung der Arbeitsbedingungen spreche, meine er nicht nur die Löhne der Pflegenden. Verbessern müsse sich vor allem die gesellschaftliche Wertschätzung. «Viele Pflegende haben das Gefühl, mehr zu geben als zu erhalten.»