Regierungsratswahlen
Jacqueline Fehr: Eine geschickte Strippenzieherin

Die einflussreiche Nationalrätin versteht es, Allianzen zu schmieden, polarisiert aber auch.

Thomas Schraner
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SP-Nationalrätin Jacqueline Fehr auf dem Sulzer-Areal in Winterthur.

SP-Nationalrätin Jacqueline Fehr auf dem Sulzer-Areal in Winterthur.

Johanna Bossart

Als Treffpunkt des Gesprächs wählt Jacqueline Fehr den «Portier» aus, ein Szenelokal auf dem Winterthurer Sulzer-Areal. Im kleinen Häuschen herrschte früher ein Portier, der darüber wachte, dass kein Unbefugter das Industrieareal betrat.

Mit diesem Ort verbindet Fehr die Erinnerung, dass ihr der Portier als Kind nie Zutritt zum Areal erlaubte, obwohl ihr älterer Bruder dort eine Lehre als Modellbauschreiner absolvierte. Auf dem Sulzer-Areal machte Fehr auch erste politische Erfahrungen. «Bei der Umnutzung setzte ich mich dafür ein, dass nicht nur die Renditeinteressen berücksichtigt wurden.»

Fehrs rasante Politkarriere begann 1990. Als 27-Jährige zog sie ins Winterthurer Stadtparlament ein; 1991 schaffte sie die Wahl in den Kantonsrat, 1992 wurde sie Präsidentin des kantonalen Gewerkschaftsbundes, und 1998 konnte Fehr, inzwischen Mutter von zwei Söhnen, in den Nationalrat nachrutschen.

Ein Jahr später stürzte sie sich für die Partei in den Wahlkampf als Ständeratskandidatin – trotz hoffnungsloser Ausgangslage. «Ich fand es cool, ein politisches Intensivtraining absolvieren zu können.»

Fehr setzt drei Schwerpunkte

Unterdessen gehört die 52-Jährige zu den bekanntesten und einflussreichsten Nationalrätinnen im Land. Sie ist nicht nur präsent in den Medien, sondern versteht es auch, hinter den Kulissen Allianzen zu schmieden. So verhalf sie der Mutterschaftsversicherung zum Durchbruch. Entscheidend war, dass es ihr gelang, den damaligen Gewerbeverbandspräsidenten Pierre Triponez ins Boot zu holen.

Angestossen hat Fehr auch die Krippenfinanzierung. Heute stehen landesweit gut 45 000 Plätze zur Verfügung. Bei Diskussionen im Rampenlicht legt Fehr Kompetenz und Schlagfertigkeit an den Tag. Ihr Themenspektrum ist breit. Schwerpunkte setzt sie in der Bildung, der Gesundheit und beim Verkehr.

Den Erfolgen stehen schmerzliche Niederlagen gegenüber. 2012 wiesen sie ihre Parteikollegen zurück, als sie Fraktionspräsidentin werden wollte. Sie unterlag bei der Wahl dem unerfahrenen Andy Tschümperlin. Fehr hielt sich als Frau für gesetzt, umso mehr, als sie sich als SP-Vizepräsidentin abgerackert hatte.

Als Ausdruck mangelnder Sympathien mag sie dies nicht interpretieren. «Ich vermute eher, dass die Fraktion nicht eine weitere dominante Figur neben Parteipräsident Levrat haben wollte», lautet eine ihrer Erklärungen. Man habe wohl befürchtet, ein solches Duo könnte zu viel mediale Aufmerksamkeit absorbieren.

Ebenfalls schmerzlich, wenn auch weniger überraschend, war die Niederlage bei der Bundesratswahl 2011. Simonetta Sommaruga stand ihr vor der Sonne.

Weniger angriffig

Nach 17 Jahren im Nationalrat gehört Fehr zu den Langjährigen. Obwohl noch relativ jung und aktiv, steigt der Druck auch für sie, in Bern Platz zu machen. Der freie Regierungssitz in Zürich kommt da gerade richtig.

Als Bildungsdirektorin Regine Aeppli ihren Verzicht auf eine Wiederkandidatur bekannt gab, meldete Fehr als Erste ihr Interesse an der Nachfolge an. Sie tat es offensiv, was parteiintern nicht überall gut ankam.

Bei der Kandidatinnenkür blieb es folgenlos. Überraschend deutlich zogen die Parteidelegierten Fehr mehreren guten Mitbewerberinnen vor. Im Wahlkampf tritt Fehr nun weniger angriffig auf als sonst und gibt sich betont konsensorientiert. Als gewiefte Politikerin weiss sie, dass es nun gilt, den Gegnern den Wind aus den Segeln zu nehmen. Einige halten sie für verbissen und ideologisch.

Am liebsten die Bildung

Engagiert und pragmatisch findet Fehr zutreffender. Auf jeden Fall verfolgt sie ihre Ziele mit Leidenschaft – und eckt manchmal an. Sie kann aber auch Charme entfalten und Brücken bauen, wie die Übereinkunft mit Triponez zeigt.

Parlamentarierrankings verorten Fehr im linken Parteiflügel, sie selber sieht sich eher im Zentrum. Die Differenz erklärt sie damit, dass sie beim Thema Sicherheit nicht für härtere Strafen eintrete, sondern mehr Vertrauen in die Konzepte des Forensikers Frank Urbaniok habe. Sie denke hier also liberal. Das liberale Etikett passt aber nicht ganz. Die Privatisierung des Kantonsspitals Winterthur, wie sie FDP-Regierungsrat Thomas Heiniger anstrebt, bekämpft Fehr vehement.

Am liebsten würde Fehr die Bildungsdirektion übernehmen, wie sie offen sagt. Starke Bezüge sind da: Fehr ist gelernte Sekundarlehrerin mit Unterrichtserfahrung und hat als Departementssekretärin im Winterthurer Schulamt gearbeitet.

Zudem schrieb sie 2006 ein Buch mit dem Titel «Schule mit Zukunft», eine Auftragsarbeit des Verlags Orell Füssli. Was sie über die Schule und die Rolle der Lehrer denkt, stösst sogar bei SVP-Regierungsrat Markus Kägi auf Applaus, wie sich jüngst an einer Podiumsdiskussion zeigte.

Für den Kanton Zürich fände sie ein Tagesschulprojekt sinnvoll, wie es die Stadt Zürich ab Sommer testet. Dieses gefällt der SVP allerdings gar nicht.

Rickli respektiert ihre Arbeit

Dass Fehr das Zeug zur Regierungsrätin hat, bestreitet niemand. Auch SVP-Nationalratskollegin Natalie Rickli nicht. Persönlich könne sie es nicht so gut mit ihr, sagt die 39-Jährige, aber sie respektiere Fehrs politische Arbeit.

«Sie ist intelligent, dossierfest und kann Mehrheiten schaffen.» Fehrs Anliegen führten aber «zu mehr Staat und höheren Steuern». Nationalrat Daniel Jositsch sagt über seine Parteikollegin: «Jacqueline Fehr ist eine der engagiertesten Politikerinnen, die ich kennen gelernt habe.» Sie habe den «tiefen Willen», das Land zum Guten zu verändern. Beeindruckt habe ihn Fehrs Engagement in der Bildungspolitik.

Jacqueline Fehr stammt aus einfachen Verhältnissen. Ihre Freundinnen seien Gastarbeiterkinder gewesen, erzählt sie. «Bildungsfernes Milieu», würde man heute sagen. Jacqueline erwies sich als kluges Kind, wurde Anführerin in der Mädchenriege, kam ins Gymi, wurde Lehrerin und Politikerin.

17 Jahre war sie mit dem ehemaligen ZKB-Bankrat und Bankenprofessor Maurice Pedergnana verheiratet. Fehr ist längst in den Mittelstand aufgestiegen. Aber ihre Herkunft habe sie geprägt: «Im Kreise der Arrivierten ertappe ich mich manchmal noch immer mit dem Gefühl, nicht dazuzugehören.»