Zürich
«It’s certainly art»: Künstler besetzen im Sommer öffentliche Plätze

Künstler besetzen über den Sommer öffentliche Plätze in Zürich – eine Annäherung.

Patrick Gut
Drucken
Teilen
Künstler besetzen öffentliche Plätze
4 Bilder
Eine unterirdische Fabrik?
Ausgefahrene Antennen?
Ein Rahmen für die Schönen.

Künstler besetzen öffentliche Plätze

Patrick Gut

Mein Rundgang durch die Gasträume beginnt am Montagmorgen mit einer leisen Enttäuschung: «Löwenzahn», das hochgelobte Werk von Thomas Stimm, ist am Tessinerplatz vor dem Bahnhof Enge trotz intensiver Suche nicht auffindbar. Es handelt sich um eine monumentale Löwenzahnblüte. Das Kunstwerk in Pop-Art-Manier ist aus Aluminiumguss gefertigt. Der Wind kann es nicht weggetragen haben, wiegt es doch 250 Kilogramm.

Weiter fahre ich mit dem Tram an die Stockerstrasse und von dort ein paar Meter zu Fuss an den Basteiplatz. Auf der Wiese vor dem Museum Bärengasse steht die Skulptur von Olivier Mosset, bestehend aus drei Betonröhren. Zwei Teile liegen aufeinander, das dritte ist aufrecht in diese hineingestellt. Ich frage eine englischsprachige Passantin nach der Installation. Sie sagt: «It’s certainly art.» Es ist also Kunst, aber was es für sie genau bedeute, will sie dann nicht ausführen. Das sei zu kompliziert für den Moment. Immerhin gibt die Röhre einen Rahmen ab für die Bronze im Hintergrund. Laut Büchlein zur Ausstellung ist Mosset ein Vertreter des europäischen Minimalismus. Man kann die Röhren als Symbol für «unendlich» lesen und einen Bezug sehen zum Bauboom und den nicht enden wollenden Bauarbeiten in Zürichs Strassennetz.

Ein Schelm, wer Böses denkt

Mit dem Tram geht meine Reise weiter vom Paradeplatz zum Rennweg und von dort zu Fuss an die Uraniawiese zwischen Polizeiwache und Parkhaus. Auf der Wiese steht eine Konstruktion aus Stahlrohren. Sie erinnert entfernt an die farbigen Lozziwürmer auf den Spielplätzen der Siebzigerjahre. Allerdings ist das Werk nicht farbig. Es glänzt metallisch im spärlichen Sonnenlicht. Zudem fehlen die Ausgänge. Ein Kind – gefangen im Objekt – käme also nicht mehr raus. Vielleicht – so meine zweite Assoziation – handelt es sich um den obersten Teil einer riesigen unterirdischen Fabrik.

Die Broschüre sieht auch hier eine Referenz an den aktuellen Bauboom. Das Werk von Maya Bringolf mit dem Namen Kanalbrausen ist mit einem Ventilator ausgestattet – in der Broschüre ist die Redensart «Nichts als heisse Luft» erwähnt. Unweit ennet der Limmat grüsst das Zürcher Rathaus. Ein Schelm, wer sich dabei Böses denkt. Auf gehts in den Kreis 5. Zuerst nehme ich erneut das Tram an den Hauptbahnhof. Von dort mit der S-Bahn zum Bahnhof Hardbrücke. Am Maagplatz erwartet mich die Kreidezeichnung «La Madonna dei Tulipani» von Pascal Schwaighofer. Sie widmet sich dem Thema Finanzspekulation und nimmt Bezug auf die erste historisch überlieferte Finanzblase: die Tulpenzwiebel-Spekulation in den Niederlanden des 17. Jahrhunderts.

Ungemütlicher Vogelkäfig

Fünf Minuten gehe ich zu Fuss an den Turbinenplatz hinter dem Schiffbau. Der «Dachgarten» ist – zumindest was das Renommee seines Schöpfers angeht – der Höhepunkt der «Gasträume 2016». Martin Boyce wurde 2011 mit dem Turner-Preis ausgezeichnet. Auf fünf gut zwei Meter hohen Betonsockeln stehen säulenartige Figuren. Teilweise sind sie mit metallischen Dächern und einer Art Fernsehantennen ausgestattet. Menschen, die ihre Antennen ausgefahren haben? Laut Broschüre ein «gewitztes Spiel mit dem öffentlichen Raum».

Per pedes zurück zum Steinfelsplatz. Der gut zwei Meter grosse Kubus von Clemens Wolf besteht aus 53 hintereinander platzierten Metallbauzäunen. Der Künstler hat Teile herausgeschnitten. Ich stelle mir einen überdimensionierten Vogelkäfig vor. Allerdings wäre es im Innern mit all den Metallteilen ungemütlich. Es haben sich denn auch bloss ein paar verwelkte Blätter in der Konstruktion verfangen. Spannend ist der Durchblick – je nach Perspektive präsentiert sich ein anderes Bild.

Zur letzten Station dieses persönlichen Rundgangs gehts mit dem Tram Nummer vier zum Bahnhof Altstetten. Auf dem Vulkanplatz hat Markus Kummer fünf Findlinge platziert. Nur auf den ersten Blick sind es ganz normale Steine. Der Künstler hat die von der Natur über Jahrtausende geformten Brocken zerschnitten und wieder zusammengesetzt – quasi unsanft renoviert. Eine wirklich interessante Idee.

Fazit: Wer sich von der Kunst nicht fesseln lässt, lernt immerhin die Stadt von einer neuen Seite kennen. Denn einige Kunstobjekte befinden sich abseits des Passantenstroms.