Die Architekturfotografin Andrea Helbling hat als Treffpunkt den Bahnhof Wiedikon vorgeschlagen. Die Begegnung findet auf Höhe der Tramhaltestelle der Linien 9 und 14 statt. An diesem Ort überschneidet sich die vom Lochergut herkommende Seebahn- mit der Birmensdorferstrasse und führt als Schimmelstrasse weiter zum Manesseplatz. Auch Fussgänger und Velofahrer suchen sich ihren Weg über die Kreuzung, die abgeschrägt zum Bahnhofseingang verläuft. «Dieser Platz ist sehr städtisch. Hier treffen unterschiedliche Wege und Nutzungen am gleichen Ort zusammen und überlagern sich», erklärt Helbling die Wahl ihres Treffpunktes. Im Zürcher Kreis 4 hat die 50-jährige Fotografin zu Beginn der 1990er-Jahre angefangen, Hausfassaden, Häuserzeilen und ganze Gebäudegruppen mit ihrer schweren Grossformatkamera abzulichten.

Damals bis heute: Alle ihre Fotos sind schwarz-weiss, weil sie von der Fotografie bis zur Bildentwicklung immer alles selber machen wollte. «Ich will die Qualität der Bilder kontrollieren können», sagt Helbling. Heute hilft ihr eine Präzisionskamera, Objekte in der richtigen Schärfe und Grösse abzulichten.

Beim Busbahnhof, der direkt an den Bahnhof Wiedikon angrenzt, hält sie kurz inne. Verweist auf das dahinterliegende Quartier. Etwas tiefer gebaute Mehrfamilienhäuser liegen im Blickfeld, die wohl um 1900 erbaut wurden. «Dieser Platz hier wurde seit den 1980er-Jahren nicht verändert», sagt Helbling. «Er war schon immer öde und geht in der öffentlichen Wahrnehmung gerne vergessen.» Dennoch findet sich eine Abbildung davon in ihrem jüngst erschienen Buch «Vertreter der Gattung Haus – Zürich 1996–2016», wofür sie mit dem Swiss Photo Award in der Kategorie Architektur ausgezeichnet wurde.

Hell und dunkel

Es sind die Gegensätze zwischen alten Bauten – Zeugen einer vergangenen Zeit – und Häuser aus jüngerer Zeit, die Helbling abwechselnd faszinieren. «Man spürt anhand dieser Gebäude, dass diese Orte leben», sagt sie. Ihre Art, Gebäude und Baulinien zu betrachten, ist emotional. Wie sie mit den Händen gestikuliert, in der Luft die Konturen der Häuser nachzeichnet, während sie ihre Beobachtung in Worte fasst, ist sinnlich. Genau darauf basiert ihr 180-seitiges Buch: Es ist ein Überblick über die Eigenheit der Stadtzürcher Bauten und zeigt, wie sie sich in 20 Jahren verändert haben. Helbling beweist mit einem scharfen Blick für Balkone, Fensterfronten, Baumaterialien und Strukturen der Häuserfassaden ihre Liebe für Stadträume.

Beatrice von Matt beschreibt im Buch Helblings Wesen als ebenso «eigenwillig» wie ihre Fotografie: «Kühl sind diese Hauswesen präsentiert, fast abstrakt. Sie scheinen sich selber zu genügen, wecken aber gerade so die Frage nach Bewohnern und Benützern. Leben und Tun sind indirekt anwesend. Die sorgsam herausgearbeiteten Oberflächenstrukturen evozieren das, was sie verbergen.»

Auch weil Helbling von Strukturen und Räumen der Häuser fasziniert ist, fotografiert sie lieber in schwarz-weiss. «Farbe lenkt nur unnötig ab. Hell und Dunkel erzeugt den prägenden Moment eines Bildes», sagt sie. Es ist diese Nüchternheit, mit der die Fotografin über ihre Arbeit redet, gepaart mit ihrer Leidenschaft für die Stadt und ihre Architektur, die auch aus jedem ihrer Bilder spricht.

Dass Helbling von Kontrasten fasziniert ist, wird auf dem kleinen Platz zwischen dem Café «Si o No» und dem quadratischen Piaggiohaus deutlich: «Fünf Strassen kommen hier zusammen und verbinden Bauten aus unterschiedlichen Epochen», erklärt sie die nächste Station des Spaziergangs. So hat sie für das Gebäude mit den Namen Elisaburg, das seit 1895 scheinbar unverändert an der Strassenfront thront, ebenso viel Wertschätzung, wie das vis-à-vis stehende Piaggiohaus des Schweizer Architekten Otto Glaus aus den 1950er-Jahren. Sie mag den Ort wohl auch deshalb, weil die Stadt Zürich das «Dreieck» 1996 abreissen lassen wollte. Die Anwohner schlossen sich zur gleichnamigen Genossenschaft zusammen, erwarben die Bauten im Baurecht und sanierten diese. «Schön, gibt es diesen Ort noch», sagt Helbling seufzend.

Nur flüchtige Beachtung

An der Seite der Fotografin durch die Stadtzürcher Kreise 3 und 4 spazierend, wird der eigene Blick für Eigenschaften an Häusern geschärft. So fällt die Wandmalerei des Hauses, welches im Erdgeschoss das Café mit dem italienischen Namen beherbergt, auf. Ob dem Erstaunen schmunzelt Helbling: «Woran wir täglich vorbeigehen, beachten wir nur flüchtig. Der Blick streift meist nicht über die zweite Etage eines Gebäudes hinaus», sagt die Zürcherin.

Durch eine angrenzende Quartierstrasse in einen versteckten Innenhof eingebogen, erscheint die seit Jahren vertraute Stadt in einem neuen Blickwinkel. Helbling bleibt stehen, murmelt beinahe unverständlich mehr zu sich selber als zu ihrer Begleitung: «Ist das jetzt eine Strasse, eine Gasse oder ein Innenhof?» Sie lächelt über ihre eigene Beobachtung, während sie mit den Schultern zuckt und weiter ihren Weg geht.

Angst und Anziehung

Mehrmals bleibt sie an der Badenerstrasse in Richtung Lochergut stehen. Verweist auf ein Detail einer Hausfassade, wechselt mehrfach den Standort, während sie ein Gebäude betrachtet. Das Lochergut – eine gebirgsartige Überbauung aus den 1960er-Jahren – hatte keinen guten Ruf in der Stadt. Helbling sagt: «Die alte Ladenpassage des Locherguts löste bei mir ein Angstgefühl aus. Wohl deshalb fasziniert sie mich.» Sie lobt denn auch die Arbeit der Zürcher Pool Architekten, die bei der Sanierung vor über zehn Jahren diese überdachte Einkaufsstrasse freundlicher gestalteten.

Während der Verabschiedung fällt Helblings Blick auf die Häuserzeile direkt gegenüber des Locherguts. In einem dieser Häuser war bis vor kurzem das bekannte Geschäft Foto Ernst einquartiert. «Dieses Ensemble schreit nach absehbarer Veränderung. Die Häuser sind deutlich tiefer als ihre Umgebung», sagt sie. «Sie wirken wie aus einer anderen Zeit, deshalb möchte ich sie noch in ihrem jetzigen Zustand fotografieren.» Obwohl mit dem kürzlich erschienen Buch eine 20-jährige architektonische Chronik von Zürich erschienen ist, wird Helbling ihrer Leidenschaft – der Spaziergängerfotografie – weiter nachgehen.