Buch
Irakkriegs-Veteranen: Wenn aus Tätern Opfer werden

Die Zürcher Fotografin Elisabeth Real hat sechs aus dem Irakkrieg heimgekehrte amerikanische Soldaten während sieben Jahren begleitet. In ihrem Buch «Army of One» porträtiert Real die gebrochenen Kriegs-Veteranen.

Sophie Rüesch
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US Army Specialist Timothy McClellan, geboren 1982, von Hibbing, Minnesota, USA, mit seinem Sohn Quentin In Killeen, Texas, USA, September 2006, zwei Wochen vor seinem zweiten Einsatz im Irak. Nach seiner Rückkehr wird bei ihm eine schwere Depression und PTSD diagnostiziert.
11 Bilder
Von links nach rechts US Army Soldaten Levi Rollings, Timothy McClellan, Levi Skelton und Tom Edwards Auf dem Parkplatz der Sport Shack Bar in Killeen, Texas, USA, Mai 2008
US Army Veteran Timothy McClellan schaut fern mit seinen Kindern Angelina und Quentin In Chisholm, Minnesota, USA, am Neujahrstag 2011. Bei Timothy McClellan wurde 2008 eine schwere Depression und post-traumatische Belastungsstörung diagnostiziert. Er hat zwei Einsätze im Irak hinter sich.
US Army Veteran Levi Rollings mit seiner Familie im Wohnzimmer, Terre Haute, Indiana, USA, März 2012
US Army Veteran Tom Edwards im Swimming Pool seiner Wohnsiedlung in Goodyear, Arizona, USA, April 2012
US Army Veteran Timothy McClellan im Keller seines Hauses in Chisholm, Minnesota, USA, am Silvesterabend 2010
US Army specialists Luis Tristan, links, aus Brownsville, Texas, USA, und Timothy McClellan, aus Hibbing, Minnesota, USA Beim Abendessen Juli 2008. Beide Soldaten wurden mit PTSD diagnostiziert und warten nun auf ihre Entlassung aus der Armee.
US Army Veteran Levi Rollings spielt mit Welpen, Terre Haute, Indiana, USA, März 2012
Strassenszene in Killeen, Texas, USA
Das Tattoo eines Soldaten, Killeen, Texas, USA, Mai 2008
Elisabeth Reals «Army of one»

US Army Specialist Timothy McClellan, geboren 1982, von Hibbing, Minnesota, USA, mit seinem Sohn Quentin In Killeen, Texas, USA, September 2006, zwei Wochen vor seinem zweiten Einsatz im Irak. Nach seiner Rückkehr wird bei ihm eine schwere Depression und PTSD diagnostiziert.

Copyright 2013 by Elisabeth Real
Autorin und Fotografin Elisabeth Real (34) ist in Wittnau im Fricktal aufgewachsen. Sie besuchte in Aarau die Kantonsschule, bevor sie an der Zürcher Hochschule der Künste die Fotografieklasse absolvierte. Seit über acht Jahren ist Real selbstständige Fotografin. Sie hat unter anderem für die «Annabelle», die «SonntagsZeitung», die «New York Times» und «Monocle» fotografiert. Real wohnt in Zürich.

Autorin und Fotografin Elisabeth Real (34) ist in Wittnau im Fricktal aufgewachsen. Sie besuchte in Aarau die Kantonsschule, bevor sie an der Zürcher Hochschule der Künste die Fotografieklasse absolvierte. Seit über acht Jahren ist Real selbstständige Fotografin. Sie hat unter anderem für die «Annabelle», die «SonntagsZeitung», die «New York Times» und «Monocle» fotografiert. Real wohnt in Zürich.

Sophie Rüesch

Sie haben Menschen getötet, manche von ihnen viele. Einige von ihnen verfolgt das heute, andere verwehren sich solcher Gefühle, es war ihr Job, sagen sie, und sie waren gut darin. Den Schalter einfach umzudrehen, wieder zuhause, damit haben sie alle Mühe. «Manchmal juckt es mich wirklich, wieder zu töten», sagt Infanterieveteran Luis Tristan, «ich bin ziemlich sicher, so geht es vielen anderen auch.» Es fällt ihnen schwer, sich in der normalen Welt zurechtzufinden, zu vergessen, worauf sie jahrelang gedrillt wurden.

Das «Töte, töte, töte!», das ihnen im Training eingetrichtert wurde, hallt auch zurück im friedvollen Amerika noch in ihren Köpfen wider.

Zuhause fängt der Krieg erst an

Die Zürcher Fotografin Elisabeth Real hat sechs amerikanische Irakkriegs-Veteranen während sieben Jahren begleitet. In ihrem Buch «Army of One» porträtiert Real die heimgekehrten Soldaten, die sie durch ihren damaligen Schwager Timmy McClellan in der texanischen Militärbasis Fort Hood kennenlernte. Sie hat sie in intimen Momenten fotografiert und noch intimere Selbstzeugnisse von ihnen aufgezeichnet. Es sind Porträts von gebrochenen Helden, jungen Männern, die aus Patriotismus, Perspektivenlosigkeit oder durch Zufall in der Armee gelandet sind und deren Leben auch Jahre nach der Entlassung noch vom Krieg dominiert sind.

Elisabeth Reals «Army of one»

Elisabeth Reals «Army of one»

Elisabeth Real

Ihr ganz persönliches Amerika ist nach der Heimkehr alles andere als friedvoll. Stabile Beziehungen sind die Ausnahme, und glücklich ist der, dessen Familie ihm die Energie gibt, einen Wiedereinstieg in die Normalität mindestens zu versuchen. Reals Schwager Timmy ist keiner von ihnen. Seine Ehe zerbricht nicht zuletzt an seiner Unfähigkeit, seinen Kindern ein Vater zu sein. Tochter Angelina und Sohn Quentin wachsen grösstenteils ohne ihn auf, während er sich im Irak dem Tod aussetzt oder sich in Fort Hood zu Tode langweilt. Wieder zuhause, sind die Kinder Timmy fremd, er weiss nicht, was anfangen mit ihnen.

An Timmy ist die Fotografin am nahesten dran. Mit ihm hat das Projekt begonnen, er hat Real seinen Kollegen vorgestellt, ohne ihn gäbe es «Army of One» gar nicht. «Ich hatte nicht vor, ein Buch zu schreiben», sagt Real. «Es hat mich damals einfach wahnsinnig interessiert, was meinen Schwager bewogen hatte, der Armee beizutreten, was er da den ganzen Tag machte, und dann, mit der Zeit, weshalb es ihm so schlecht ging.» Denn nach der Rückkehr litt Timmy unter einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS).

Schwere Depressionen, Panikattacken, Schlafstörungen, Schreckhaftigkeit, Gedächtnisverlust und Aggressivität sind nur die häufigsten der typischen Symptome.
Es ist eine Diagnose, die bei Kriegsveteranen oft gestellt wird, besonders bei Infanteristen, wie Timmy und seine Kollegen es waren - sie waren direkt an der Front, häufig in Lebensgefahr, oft selber Todesschützen.

Die Szenen vom Gefecht werden ihnen zuhause zur Qual. Er habe einmal einen Jungen auf einem Fahrrad erschossen, weil er trotz zwei gefeuerter Warnschüsse nicht angehalten habe, erinnert sich Timmy. Anfangs noch ziemlich gleichgültig - «Ich bin sicher, er führte nichts Gutes im Schilde» -, dann, bei Reals nächstem Besuch ein paar Jahre später, in Tränen aufgelöst.

Die schrittweise Entzauberung dieser jungen Männer, die mit Illusionen von Heldentum oder aus traditionalistischem Verpflichtungsgefühl in den Kampf zogen, und jeder auf seine Weise kaputt zurückkehrten, zeigt Real anhand der chronologisch aufgezeichneten Interviews und Fotografien auf nüchterne und wohl gerade deshalb so verstörende Art. Man fühlt mit ihnen, den Opfern eines, wie sie sich selber einig sind, sinnlosen Krieges. Und doch zeichnet Real auch auf, dass sie alle Täter waren - und manche von ihnen es jederzeit wieder werden könnten.

Was Real am meisten beschäftigte, war, wie alleine die Veteranen mit sich und ihren Problemen gelassen wurden. «Ich fand es extrem unfair, dass das Land, für das die Soldaten ihre geistige und körperliche Gesundheit opferten, sie beim geringsten Anzeichen von psychischer Belastung einfach hängen liess - und dazu mit den billigsten Tricks versuchte, sich aus der finanziellen Verantwortung zu ziehen», so Real.

Timmy musste hart dafür kämpfen, nach der Entlassung seine Pension zu erhalten, musste Schikanen ertragen, monatelang auf Wartelisten ausharren, bevor er überhaupt einmal einen Psychiater zu Gesicht bekam. Spätestens als enthüllt wird, dass ausgerechnet dieser, selbst PTBS-geschädigt, 2009 in Fort Hood Amok lief und dabei 13 Menschen tötete, wird offensichtlich, wie hilflos die Armee dem Problem ihrer überschnappenden Soldaten gegenübersteht.

Drogen, Alkohol, Antidepressiva

Ein paar von Reals Veteranen haben sich heute wieder mehr oder weniger gefangen. Vergessen haben sie den Krieg nicht, auch wenn sie sich die grösste Mühe geben, die Erinnerungen mit Alkohol, Medikamenten und illegalen Substanzen zu verdrängen. Was genau aus Timmy wurde, weiss Real nicht. Er ist nach Kalifornien gezogen, seltenen Kontakt mit ihm hat nur noch seine Exfrau. «Er ist irgendwie einfach verschwunden», heisst es am Schluss. So wie viele andere, unbekannte Männer, die vom Krieg gebrochen der Idylle zuhause nicht mehr standhielten. Real hat sechs von ihnen ein Gesicht gegeben.