Zürich

Integrative Förderung: Schulpraxis stösst auf wenig Zustimmung

Laut einer neuen Studie stösst das neue Volksschulgesetz bei Lehrkräften auf wenig Gegenliebe.

Laut einer neuen Studie stösst das neue Volksschulgesetz bei Lehrkräften auf wenig Gegenliebe.

Auch «auffällige» Kinder sollen wenn möglich Regelklassen besuchen, statt vorschnell in Sonderschulen abgeschoben werden. So will es das Volksschulgesetz von 2005, dessen Umsetzung weitgehend abgeschlossen ist.

Die Stadtzürcher Schulen starteten Mitte 2009. Schuldepartementsvorsteher Gerold Lauber (CVP) hat die Einführungsphase bis 2012 von einer externen Firma («Spectrum3») evaluieren lassen. Gestern hat der den Bericht zusammen mit Verfasser Markus Roos vorgestellt. Fazit: Die Akzeptanz der neuen Förderpraxis «ist nach wie vor moderat», steht im Bericht.

Am wenigsten zufrieden mit der Situation sind die Lehrpersonen. Sie befürworten zwar das neue Konzept, klagen aber über Mehrbelastung und fehlende Ressourcen. Die Klassen seien heterogener geworden. Probleme bereiteten die vielen verhaltensauffälligen Kinder in Sek-B-Klassen und «disziplinarisch kaum führbare Klassen». Deshalb trauere ein Teil der befragten Personen den Sonder- und Kleinklassen sowie der abgeschafften Sek-C nach. Wieder andere fänden, die Reform sei mit den gegebenen zeitlichen, personellen und finanziellen Ressourcen nicht umsetzbar.

Ruf nach mehr Teamteaching

Zufriedener sind laut Roos die Schulleiter. Positiv sehen die Sache auch Eltern und Schüler. Befragt wurden für die Studie jährlich über 1000 Schülerinnen und Schüler, 700 Eltern sowie rund 800 Fachpersonen (darunter 300 Lehrer und 100 Schulleiter) in der Stadt Zürich. Der Befund gelte nur für die Stadt Zürich, sagte Roos. Über die Situation anderswo könne er keine Aussage machen.

Lilo Lätzsch, Präsidentin des Zürcher Lehrerverbandes (ZLV), sagte auf Anfrage, sie vermute, die Ergebnisse träfen für den ganzen Kanton zu. Denn die in der Studie angesprochenen Vorbehalte gegen die integrative Förderung entsprächen dem, was sie und der ZLV wahrnehme. Im Schulalltag sind es laut Lätzsch vor allem disziplinarische Probleme, die den Unterricht massiv behindern.

In seiner Medienmitteilung fordert der ZLV deshalb, dass das Teamteaching auf einen grossen Teil der Unterrichtszeit ausgedehnt wird. Teamteaching bedeutet, dass die Lehrperson den Unterricht gemeinsam mit einem Heilpädagogen durchführt. Wie viel Teamteaching bezahlt wird, legen die Gemeinden und die Bildungsdirektion fest. Im Weiteren fordert der ZLV, dass die Schulen mehr Spielraum für disziplinarische Massnahmen wie Timeouts und vorzeitige Ausschulungen erhalten. Ähnlich äussert sich Peter Gerber, Präsident des Schulleiterverbandes (VSLZH). Die Lehrer könnten am besten abschätzen, wo der Einsatz einer Heilpädagogin sinnvoll sei.

Zürich übertrifft Vorgabe

Studienautor Roos will nicht definitiv beurteilen, ob die Fördermassnahmen der Stadt Zürich gut, mittelmässig oder schlecht sind. Dafür fehle ein klarer Massstab. Er könne aber feststellen, dass sich die Zustimmung zur integrativen Förderung «signifikant verbessert» habe. Zudem habe Zürich zumindest eine quantitative Vorgabe übertroffen: Nicht nur ein Drittel der integrativen Förderung finde im Teamteaching statt, sondern rund 50
Prozent.

Statistisch belegt ist ausserdem, dass in der Stadt Zürich der Anteil der Schüler, die eine Sonderschule statt eine Regelklasse besuchen von 9,5 (vor der Reform) auf 4,5 Prozent (nach der Reform) gesunken ist.

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