Coronavirus
Informatik für Corona-Impfung ist klar überfordert – Anmelde-Verfahren wird laut Rickli überarbeitet

Schon mehrmals sind Rentner vergeblich nach Zürich, weil der Registrierungsprozess sie überforderte oder intransparent war.

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In der ersten Stunde nach Freischaltung verzeichnete die Website des Kantons 100'000 Aufrufe für Corona-Impftermine. Im Bild erhält Schauspieler Walter Andreas Müller die Vakzin am Impfstart in Zürich.

In der ersten Stunde nach Freischaltung verzeichnete die Website des Kantons 100'000 Aufrufe für Corona-Impftermine. Im Bild erhält Schauspieler Walter Andreas Müller die Vakzin am Impfstart in Zürich.

Keystone/Ennio Leanza

Am Montagnachmittag geht der 77-jährige Herr S. von Winterthur nach Zürich, um am Hirschengraben seine Covid-19-Impfung zu erhalten. Doch dies vergebens. Der «NZZ» gegenüber erklärt er telefonisch, dass er glaubte, für sich und seine Frau einen der Termine erwischt zu haben. Am Impfzentrum muss er allerdings erfahren, dass das Paar nicht im System aufgeführt wird. So kehrt der Rentner nach Hause – und das, obwohl er auf seinem Natel einen Bestätigungscode erhielt und danach gar seine persönlichen Angaben eintippen und einen Termin wählen konnte. Eine Bestätigung für den gebuchten Termin erhielt er allerdings nicht. Kein Einzelfall, wie sich herausstellt: Ein Systemabsturz während des Anmeldeprozesses durchkreuzte die Impf-Pläne von mehreren Rentnern.

Der Leiter des Impfzentrums der Universität Zürich, Jan Fehr, bestätigt gegenüber der «NZZ», dass man einige Personen am Eingang abweisen musste. «Es gab Fälle, bei denen es während des Buchungsprozesses zu einem Systemabbruch kam.» Die meisten hätten sich danach per E-Mail erkundigt, ob sie einen Termin hätten. «Sie konnten wir abfangen.»

Allerdings sind eine Handvoll Personen nach Zürich gereist, da sie meinten, einen Impftermin gebucht zu haben. Des Weiteren haben die Rentner einfach auch Mühe mit dem Anmeldeprozess gehabt. Ein Beispiel, das Fehr nennt, ist das folgende: Vor dem Impfzentrum zeigte ein Herr auf seinem Mobiltelefon den Bestätigungscode für die weitere Registrierung. Eigentlich sei auf dieser klar hervorgegangen, dass die Buchung nicht abgeschlossen wurde.

Der Systemabbruch sei auf eine Fehlkonstruktion des Programms OneDoc zurückzuführen. OneDoc ist ein Programm eines Spin-offs der ETH Lausanne. Es wird verwendet, um die Impftermine zu arrangieren. Das Bundesamt für Gesundheit sah es als Teil der nationalen Lösung, weswegen das System auch vom Kanton berücksichtigt wurde. So sollte das Programm in den Impfzentren die Prozesse Registration, Anmeldung, Terminvergabe und Aufgebot zur zweiten Impfung unterstützen.

Programm ist überlastet

Allerdings war das Programm heillos überlastet. So meint Fehr: «Das Programm war schlicht nicht auf eine Nachfrage in der Grössenordnung von mehreren Elton-John-Konzerten gleichzeitig ausgelegt.» Am 30. Dezember kam es beim Anmeldestart wegen des Ansturms zu einem Zusammenbruch. In nur einer Stunde nach Freischaltung verrechnete die Kantonswebsite 100'000 Aufrufe. Dazu kam noch das Problem, dass man Impftermine auch dann noch anwählen konnte, wenn schon andere User diese zu buchen versuchten.

«Für die Betroffenen tut es mir leid, wir sind über diese Panne natürlich auch nicht glücklich. Deshalb suchen wir laufend nach besseren Lösungen.» Von den am Eingang abgewiesenen Personen seien die Kontaktdaten aufgenommen worden. Man werde auf sie zugehen, sobald neue Impftermine frei seien.

Jan Fehr leitet nicht nur das Impfzentrum. Er ist auch der Leiter des Departments Public and Global Health. In dieser Position meint er, man dürfe nicht vergessen, dass die Schweiz weltweit gesehen privilegiert sei, überhaupt über Impfstoff zu verfügen. Er mache sich Sorgen um die vielen Länder vor allem auf der Südhalbkugel, welche noch Monate keinen Impfstoff haben werden. Der Impfstart im Kanton Zürich sei zudem geglückt. «Die Abläufe im Impfzentrum funktionieren. Und wir spüren eine enorme Dankbarkeit der Leute.»

In Zukunft muss man sich nur noch registrieren

Gesundheitsdirektorin Natalie Rickli erklärte am Montag, dass das Anmeldeverfahren verbessert wird. Neue Impftermine für den Februar werden vom Kanton am 18. Januar aufgeschaltet. In der Zwischenzeit soll das Online-Tool überarbeitet werden. Rickli teilt mit, dass das Bundesamt für Gesundheit daran ist und das Verfahren derzeit in Genf getestet wird. Das überarbeitete Tool sollte den Impfinteressierten gar nicht erst einen Termin buchen lassen, sondern lässt sie einfach registrieren. Dann erhalten sie per E-Mail einen Terminvorschlag. So können sich alle, die wollen, registrieren und das «Wettrennen» wird weitgehend ersetzt.

Herr S. bezeichnet das Vorgehen der Behörden als stümperhaft. Er müsse nun erst den Frust verdauen. «Wir haben ja jetzt Zeit. Vielleicht geht in ein paar Wochen auch ein Zentrum in Winterthur auf.»