Energie
In Zürich steigen Strompreise wegen Atomausstieg

Schweizweit sinken die Strompreise – in Zürich steigen sie wegen hoher Investitionen an. Ab 2013 bezahlt ein durchschnittlicher Haushalt rund 6 Franken mehr für den Strom.

Matthias Scharrer
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Am spanischen Solarthermiekraftwerk Puerto Errado beteiligte sich das EWZ mit 19,54 Millionen Franken. Im Oktober geht es in Betrieb.ho ewz

Am spanischen Solarthermiekraftwerk Puerto Errado beteiligte sich das EWZ mit 19,54 Millionen Franken. Im Oktober geht es in Betrieb.ho ewz

Unliebsame Post landet dieser Tage in den Stadtzürcher Haushalten: Das Elektrizitätswerk der Stadt Zürich (EWZ) kündigt für 2013 seine erste Strompreiserhöhung seit 20 Jahren an. Ein durchschnittlicher Vierpersonenhaushalt bezahlt ab nächstem Jahr pro Monat sechs Franken mehr. Beschlossen hat dies der Zürcher Gemeinderat.

Damit schwimmt das EWZ preispolitisch gegen den Strom: Wie der Verband Schweizerischer Elektrizitätsunternehmen (VSE) kürzlich mitteilte, sinken die Strompreise in der Schweiz 2013 tendenziell. Haushalte bezahlen im Mittel ein Prozent weniger als im Vorjahr, Unternehmen rund zwei Prozent weniger. Woran liegt es, dass die Stadtzürcher Strompreise entgegen dem gesamtschweizerischen Trend steigen?

Neue Energiequellen kosten

«Einerseits steigen die Produktionskosten aufgrund grösserer Investitionen in die Kraftwerke, andererseits verlangt das eidgenössische Stromversorgungsgesetz weitere Abgaben vom EWZ», erklärt EWZ-Sprecher Harry Graf. Auch die Energiewende kostet: Rund 100 Millionen Franken pro Jahr investiert das EWZ in die erneuerbaren Energien, wie Graf bestätigt.

Die Zeit drängt: Hatten die Stadtzürcher Stimmberechtigten 2008 noch den Atomausstieg bis 2050 beschlossen, setzte die rot-grüne Mehrheit im Stadtparlament diesen Frühling 2034 als Zeitpunkt für den Ausstieg durch. «Wir investieren heute, damit wir zum richtigen Zeitpunkt Strom aus erneuerbaren Anlagen haben werden», sagt Graf.

Zu den wichtigsten bereits realisierten EWZ-Grossprojekten für neue Energiequellen zählen laut Graf 30 Windanlagen in Deutschland, die Beteiligung an einem Windpark in Norwegen oder das Solarthermiekraftwerk Puerto Errado in Spanien, das diesen Herbst in Betrieb gehen wird. Weiter laufen Planungsarbeiten für Windparks in der Surselva und im Jura. Zudem sondiere das EWZ weitere Windprojekte im Ausland.

Doch nicht nur die neuen Energiequellen gehen ins Geld: «Unsere eigenen Wasserkraftwerke haben mehrheitlich ihre halbe Lebensdauer erreicht», erklärt Graf. Nun seien kostspielige Erneuerungsarbeiten nötig. So habe das EWZ letztes Jahr die Erneuerung seiner Anlagen im Bergell abgeschlossen. Kostenpunkt: 60 Millionen Franken. In der gleichen Grössenordnung werde die geplante Renovation des Kraftwerks Tinizong bei Savognin liegen.

Weiter in Richtung Ökostrom

Neben den Grossinvestitionen spielen laut Graf bei der Preiserhöhung auch andere Faktoren mit. So verrechne das EWZ neu den Zuschlag aufs Hochspannungsnetz über die Stromtarife. Bisher bezahlte es diesen Betrag aus seinen Allgemeinden Mitteln. Zudem seien die Einnahmen aus dem Stromhandel europaweit zurückgegangen. Gründe dafür seien Überkapazitäten und die allgemein schlechte Wirtschaftslage.

Tendenziell dürfte sich diese Entwicklung gemäss Graf fortsetzen. Zumal das Zürcher Stadtparlament diesen Frühling beschloss, die Stromtarife Ende 2014 erneut anzupassen, um die Nachfrage noch weiter in Richtung Energieeffizienz und Ökostrom zu lenken.

Kanton und Winterthur sind teurer

Allerdings bezahlen die Stadtzürcherinnen und Stadtzürcher weiterhin mit die tiefsten Strompreise in der Schweiz. Für einen durchschnittlichen Vierpersonenhaushalt mit 2500 Kilowattstunden Jahresverbrauch sind es heute 352 und nächstes Jahr 403 Franken pro Jahr, wie Graf vorrechnet. Zum Vergleich: Der Schweizer Durchschnitt liege derzeit bei 538 Franken. Kunden der Elektrizitätswerke des Kantons Zürich (EKZ) bezahlen etwa 441, jene der Stadtwerke Winterthur 480 Franken. Bei den Berner Kraftwerken liegt der Vergleichswert laut Graf bei 600 Franken, Änderungen vorbehalten.

Sprecher von EKZ und den Stadtwerken Winterthur bestätigten diese Durchschnittswerte auf Anfrage in der Grössenordnung. Wie sich die Strompreise bei EKZ und in Winterthur 2013 entwickeln, werde in den nächsten Tagen bekannt gegeben.