Das aussergewöhnliche Kunstwerk gehört der Reformierten Kirchgemeinde Wipkingen. Christa Gilgen, verantwortlich für die Liegenschaft, war es leid, gegen die Schmierereien am ehemaligen Sigristhaus in der Mitte der Reihe anzugehen, deren Entfernung teuer und nicht nachhaltig war. Als ihr jugendlicher Sohn in der Schule eine Arbeit über Graffiti verfasste, kam sie auf die Idee, die grauen Wände professionell bemalen zu lassen.

Passion als Beruf

Für das Projekt wählte sie das Künstlerkollektiv One Truth aus. Ihr Motto «gemeinsam stark» überzeugte auch die Besitzer der Nachbarhäuser.

So repräsentieren die unterschiedlich grossen Gestalten auf treffende Weise das Wohnhaus, in dem auch eine Kinderkrippe und ein Studentenheim untergebracht sind. Sieben Street-Art-Künstler bilden das Kollektiv, geleitet wird es von den Brüdern Pase und Dr. Drax, die mit der Passion heute ihren Lebensunterhalt verdienen. Zu ihren Auftraggebern gehört neben Privaten auch die Stadt Zürich: Im September entstand beim Werkhof an der Bederstrasse der lustige, 70 Meter lange Tausendfüssler mit dem originellen Schuhwerk. Priska Rast, Graffiti-Beauftragte der Stadt Zürich, hat das Projekt initiiert. Die Künstler wurden lediglich für den Materialaufwand entschädigt, da es bis anhin kein Budget für derartige Aufträge gibt. Rast will sich aber für mehr Gelder starkmachen, denn die Erfahrungen hätten klar gezeigt, dass professionelle Auftragsarbeiten über lange Zeit respektiert und nicht verschmiert würden.

Zuvor wurden die Wände beim Werkhof Bederstrasse täglich zweimal versprayt. Kaum waren die Reinigungsarbeiten beendet, ging das Spiel von vorne los. Und das war kostspielig, wie Rast anhand eines anderen Beispiels vorrechnet. Die Badeanstalt Oberer Letten gehörte wegen ihrer unbewohnten und abgelegenen Lage mit wenig Sozialkontrolle zu den am meisten von Schmierereien betroffenen Gebäuden in der Stadt. Rund 25 000 Franken mussten jährlich für Reinigungsarbeiten aufgewendet werden. Bis die Stadt 2006 den ersten Auftrag an eine Gruppe Graffitikünstler erteilte. Mit Erfolg: Bis zur erst kürzlich abgeschlossenen Sanierung der Badeanstalt blieben die Sprayer fern. In den fünf Jahren konnten so über 120 000 Franken gespart werden.

Zehn städtische Graffitis

Aktuell gibt es rund zehn städtische Graffitis, in den meisten Fällen in kleineren Einrichtungen wie Jugendtreffs oder Gemeinschaftsräumen. «Wir haben mehr Anfragen von Sprayern als freie Wände», sagt Rast. Der Tausendfüssler am Sihlquai ist aktuell das grösste Auftragswerk. Hinzu kommen Wände und Mauern, die die Stadt zum Besprayen freigegeben hat - natürlich ohne dafür zu bezahlen. In der Toni-Molkerei im Kreis 5 zum Beispiel konnten sich die Künstler von One Truth auf einer 100 Meter langen Wand verwirklichen, die inzwischen allerdings abgerissen wurde.

Bei dieser Aufgeschlossenheit erstaunt es wenig, dass Graffiti-Beauftragte Rast - die laut Stellenprofil für das konsequente Entfernen von Schmierereien zuständig ist - auch gegen die immer häufiger anzutreffenden, grossflächigen Bemalungen an privaten Liegenschaften nichts einzuwenden hat. Jene an der Rötelstrasse findet sie sogar schön. «Überhaupt ist es sinnvoll, wenn mit gut organisierten Graffitis gegen das illegale Treiben vorgegangen wird», sagt sie.

Toleranz lässt sie auch walten bei den zwei grimmigen Gesellen, die kürzlich von unbekannt an eine Hauswand an der Sihlstrasse im Kreis 5 gesprayt wurden. Einschreiten würde sie nur dann, wenn die Bilder einen «gewalttätigen, pornografischen oder rassistischen Inhalt» hätten. Ist dies nicht der Fall, sei es grundsätzlich Sache der Eigentümer, wie sie ihre Fassaden gestalten möchten, hält Rast fest.

Bahnhofstrasse zieht mit

Mit Graffitis gegen Graffitis - diese Rechnung scheint offenbar aufzugehen. So ist auch an der Rötelstrasse seit April dieses Jahres Ruhe eingekehrt, wie Christa Gilgen von der Kirchenpflege bestätigt. Das Feedback von Anwohnern, Passanten und Journalisten sei zudem zu 99 Prozent positiv. Pase von One Truth sagt es in seinen Worten so: «Wenn man etwas Cooles macht, wird das in der Szene auch respektiert.» Allmählich finde beim Betrachter ein Umdenken statt. Während früher Graffiti vor allem mit Rebellion verbunden wurden, spiele heute die Ästhetik eine wichtigere Rolle.

Den kreativen Zürchern geht die Arbeit in der nächsten Zeit bestimmt nicht aus. Sie sind mit Wandgestaltungen und vielen öffentlichen Auftritten, dem sogenannten Live Painting, international unterwegs. Ein Auftraggeber hat ihnen zudem eine grosse Fläche an der Bahnhofstrasse in Aussicht gestellt - mehr will Pase zum jetzigen Zeitpunkt nicht verraten.