Maria Molinari sitzt auf ihrem Bett und stickt eine feine Rüschenborte auf ein weisses Oberteil. Die 78-Jährige ist adrett gekleidet und ihr sorgfältiger und eleganter Stil zieht sich durch ihr ganzes Zimmer: An den Wänden hängen Rosenkränze und Blumengemälde, antike Kommoden und Tischchen sorgen für eine besondere Atmosphäre: Es sind persönliche Gegenstände, die an eine vergangene Zeit erinnern. Die restlichen Möbel waren schon im Zimmer in der Pflegewohnung «Oasi», in dem die Italienerin seit fünf Jahren lebt. «Ich habe sogar einen eigenen Kühlschrank», schwärmt Molinari. Dann entschuldigt sie sich für «die Unordnung» — wobei davon kaum etwas zu sehen ist: «Signora Molinari legt sehr viel Wert auf schöne Kleidung und Sauberkeit», sagt die Wohnungsleiterin, Monika La Roche.

Keine Sprachbarrieren

Die Pflegewohnung, in der Molinari zusammen mit acht weiteren spanischen und italienischen Seniorinnen wohnt, ist an der Stauffacherstrasse im Kreis 4 und erstreckt sich über zwei Stockwerke. Nebst den neun Einzelzimmern bietet das Oasi auch einen Gartensitzplatz und Balkon. Das Pflegepersonal und die betagten Bewohnerinnen unterhalten sich nur auf «mediterrane» Sprachen: «Das Oasi ist ausschliesslich für italienische und spanische Seniorinnen und Senioren gedacht», erklärt die Wohnungsleiterin. Vor gut zehn Jahren habe die «SAWIA» (Stiftung für Alterswohnen im Albisrieden) nach einer Bedarfsabklärung entschieden, das «Oasi» zu errichten: «Vermehrt wollen Italiener und Spanier auch in ihrem dritten Lebensalter in der Schweiz bleiben, statt in die Herkunftsländer zurückzukehren. Das Problem ist dabei, dass aufgrund mangelnder Deutschkenntnisse die Kommunikation mit dem Personal in deutschsprachigen Pflegeheimen nicht gut klappt», erklärt La Roche. Auch Maria Molinari war vor ihrem Umzug ins «Oasi» in einem deutschsprachigen Pflegeheim: «Ich habe mich sehr ausgeschlossen gefühlt, weil ich mich mit niemandem unterhalten konnte», so die 78-Jährige. Hier habe sie Freunde gefunden und könne sich auch dem Pflegepersonal problemlos mitteilen. In den 1960er-Jahren verliess Molinari die Provinz Potenza und zog in die Schweiz: «Hier habe ich unter anderem 35 Jahre bei den SBB gearbeitet», erzählt die 78-Jährige und erklärt, dass aus dieser Zeit auch ihr Faible für Sauberkeit und Ordnung hervorgehe: «Ich war als Putzkraft tätig. Es war eine sehr strenge Arbeit». Die Italienerin liebte es damals zu Tanzen, sie ging in eine Tanzschule und war begeistert vom lateinamerikanischen Tango. Heute ist dies für Molinari leider nicht mehr möglich: «Ich hatte einen Hirnschlag und bin deshalb auch auf eine Gehhilfe angewiesen», sagt Molinari nachdenklich. Ihr Mann ist schon vor vielen Jahren gestorben.

Züri-Gschnätzlets und Bratwurst

Nebst den neun Seniorinnen im «Oasi» an der Stauffacherstrasse, haben acht weitere im «Oasi due» in Albisrieden einen Platz zum Altern gefunden. Die Bewohner sind allesamt auf eine Rundumbetreuung angewiesen, die meisten von ihnen leiden an Demenz: «Eigentlich ist es in der mediterranen Kultur üblich, dass sich die Familie bis zum letzten Tag um die Ältesten kümmert.

Bei Demenz ist das aber für die Angehörigen aufgrund von Zeitmangel und psychischer Belastung kaum mehr möglich», so La Roche. Dies zu akzeptieren, sei ein wichtiger Punkt, in dem sich die südländischen Senioren von den Schweizerischen unterscheiden würden: «Die Erwartungshaltung sowohl an die Familie als auch an die Medizin ist bei unseren Bewohnerinnen und Bewohnern in der Regel höher», erklärt La Roche ihre Beobachtungen. Nebst der Sprache lege man deshalb auch viel Wert auf die italienische und spanische Kultur und den hohen Stellenwert der Religion: «Sonntags werden etwa gerne Messen und Papstreden im Fernsehen angeschaut», sagt La Roche und erklärt, dass auch der mediterranen Küche im Oasi viel Beachtung geschenkt wird: «Aber es gibt hier nicht nur Pasta und Polenta. Die Bewohnerinnen freuen sich auch über Züri-Gschnätzlets und Bratwurst.» Das Essen sei allgemein das wichtigste Gesprächsthema unter dem Bewohnerinnen: «Wenn es um die Mahlzeiten geht, kann es auch Kritik geben. Nicht wahr, Signora Molinari?» Die 78-Jährige gibt zu, sich auch schon über das Essen beschwert zu haben, aber das sei bei einem familiären Umgang schliesslich normal: «Zu Hause war es früher auch nicht immer perfekt.»

Für sie sei klar, dass sie weder nach Italien zurückkehren — oder in ein deutschsprachiges Pflegeheim gehen möchte: «Hier fühle ich mich sehr wohl», sagt die Italienerin, bevor sie sich wieder der Rüschenborte und ihren Nähutensilien widmet.