Muslime
In Witikon gibt es sie bereits: Muslimische Grabfelder im Friedhof

Wie könnte einst ein Grabfeld in Schlieren aussehen? Um dieser Frage auf den Grund zu gehen, bietet sich ein Besuch in Witikon an. Dort gibt es schon muslimische Grabfelder.

Katja Landolt
Merken
Drucken
Teilen
Die Gräber sind schlicht gehalten, so will es der Koran.

Die Gräber sind schlicht gehalten, so will es der Koran.

Eisblumen vernebeln die Sicht. Unter dem Fingernagel löst sich die dünne Eisschicht vom Glas über dem Orientierungsplan am Eingang zum Friedhof Witikon. Es ist ruhig, nur das Rauschen des Verkehrs ist zu hören, dazwischen das Gekeife aufmüpfiger Krähen, die durchs Gehölz flattern. Unterwegs sind nur die Angestellten, Besucher sind keine zu sehen.

Die muslimischen Grabfelder am Rand der Friedhofsanlage fallen im ersten Moment kaum auf. Zwei rechteckige Blöcke, in den ansteigenden Hang gebettet. Die Gräber sind nur zu sehen, wenn man hochläuft. Hier liegt seit 2004 das Grabfeld im Friedhof, der muslimische Friedhof im christlichen Friedhof. Der bislang einzige im Kanton Zürich; ein zweiter ist in Winterthur im Bau. In Schlieren wird sich das Parlament im Frühling mit dem Thema befassen (az Limmattaler Zeitung von gestern).

Besonders viele Kindergräber

Weisse oder hölzerne Schilder stecken in der nackten, vom Reif versilberten Erde, vereinzelt stehen oder liegen Grabsteine. Hier regiert die Schlichtheit. Auf vielen der vielleicht 70 Grabzeichen stehen nur Vor- und Nachname und das Todesjahr. Keine Sprüche, keine Symbole. In der aufgeschütteten Erde wachsen keine Blumen, einzig ein dünnästiges und blütenloses Gewächs zieht sich wie ein Netz über die Grabreihe.

Die muslimischen Grabfelder vom christlichen Friedhof aus.

Die muslimischen Grabfelder vom christlichen Friedhof aus.

Hier zählt nicht das Individuum, der Einzelne hat keine Bedeutung. Die Gräber sind nicht voneinander abgetrennt, die Erde zieht sich als Band den Grabsteinen entlang. So will es die islamische Begräbniskultur, die Gräber sollen räumlich zu einem Grabfeld zusammengefasst sein. Nur auf einigen wenigen stehen Laternen, Blumengestecke, stecken Windrädli in der Erde, liegen Spielsachen. Es sind Kindergräber, auffällig viele Kindergräber.

«Wollen Kinder in der Nähe haben»

Nicht, dass besonders viele muslimische Kinder sterben. Vielmehr sei es so, dass die Verstorbenen älterer Generationen noch immer in ihr Heimatland überführt würden, sagt Rolf Steinmann, Leiter des Zürcher Bestattungs- und Friedhofsamt. «Wenn aber Kinder sterben, wollen Eltern, die ihren Lebensmittelpunkt in der Schweiz haben, ihr Kind in der Nähe haben und nicht in einem anderen Land beerdigen.» Im Jahr 2005 wurden hier 19 Muslime bestattet, 2010 waren es 25.

Nur vereinzelt stehen oder liegen Grabplatten in der Erde.

Nur vereinzelt stehen oder liegen Grabplatten in der Erde.

Die Bemerkung, dass diese Auslastung nicht auf ein grosses Bedürfnis schliessen lasse, lässt Steinmann nicht gelten. «Es ist ein Zeichen der Integration, wenn wir unseren muslimischen Mitmenschen die Möglichkeit geben, ihre Angehörigen nach ihren Ritualen zu bestatten.» Er rechne ausserdem in fünf bis zehn Jahren mit einem deutlichen Anstieg an muslimischen Bestattungen; dann, wenn die gut integrierte Generation stirbt. «Und wir dürfen nicht vergessen, dass immer mehr Menschen mit Schweizer Pass muslimischen Glaubens sind», erinnert Steinmann.

Der Waschraum hinter den Abdankungsräumen.

Der Waschraum hinter den Abdankungsräumen.

Eine logistische Herausforderung

Muslime müssen ihre verstorbenen Angehörigen waschen. Der Eingang zum Waschraum liegt hinter den Abdankungshallen. An eine Tür ist ein Zettel gepinnt, «Aufbahrung und Waschraum Moslem». Ein schlichter, funktional eingerichteter Raum. In der Raummitte der metallene Waschtisch, zwei Türen führen in die Räume, wo die Verstorbenen aufgebahrt werden. Hier werden die Leichname von ihren Angehörigen gewaschen – Männer von Männern, Frauen von Frauen – und in Leinentücher eingewickelt.

Der Zettel an der Tür zum Waschraum.

Der Zettel an der Tür zum Waschraum.

In einem schlichten Sarg werden sie ins Grab gelegt, auf die rechte Seite, das Gesicht gen Mekka. Die Ausrichtung nach Mekka – das ist der Grund, weshalb die beiden Grabfelder leicht abgewinkelt in den Hang gebaut wurden.

Es ist ein islamisches Gebot, die Verstorbenen noch am Sterbetag zu bestatten. Eine logistische Herausforderung – trotzdem bietet das Zürcher Friedhofs- und Bestattungsamt die Möglichkeit, diese Frist einzuhalten. Dazu brauche es aber eine Spezialbewilligung, so Steinmann.

Zähe Entstehung

Ausserdem komme man den Muslimen entgegen, indem der Waschraum auf dem Friedhof Witikon zwei islamischen Bestattungsinstituten offensteht. «Sie können selbstständig über die Belegung des Raums verfügen.» Ausserdem sei es nicht so, dass alle Muslime darauf bestünden, dass diese Vorgabe strikt eingehalten werde.

Zehn Jahre hatte es gedauert, bis der muslimische Friedhof 2004 eröffnet wurde. Die Entstehung war zäh, die Vorurteile waren gross. Seither aber hat sich die Situation beruhigt. «Wir haben sehr wenige Probleme», sagt Steinmann. Anfänglich hätten sich einige Friedhofsbesucher an den eingemauerten Grabfeldern gestört. Aber für Steinmann ist klar, dass auch Muslime einen Ort für ihre Verstorbenen brauchen. Und zwar hier in der Schweiz, hier wo sie geboren sind, wohnen, arbeiten, sterben. «Das sind wir ihnen schuldig. Ausserdem ist es eine moralische Anforderung an uns selbst.»