Gäbe es eine Partei der Nichtwähler (PdN) – sie zählte zu den grossen Siegern der Zürcher Kantonsratswahlen vom vergangenen Wochenende: Mit 32,65 Prozent lag die Wahlbeteiligung so tief wie nie zuvor. Der Parteichef der PdN – nennen wir ihn Dr. Nogo – könnte im Brustton der Überzeugung sagen: «Die Geschichte ist auf unserer Seite.» Denn die Beteiligung der Stimmberechtigten an kantonalen Wahlen nimmt – abgesehen von vereinzelten Ausreissern, wie zuletzt 1987 – seit 1920 stetig ab. Damals gingen noch 84,3 Prozent der Stimmberechtigten an die Urnen.

PdN-Chef Nogo wüsste auch genau, wo seine Partei am stärksten ist: in den Agglomerationsgemeinden im Norden und Westen von Zürich. Also dort, wo weniger wohlhabende und weniger gebildete Menschen wohnen als andernorts im Kanton und der Ausländeranteil besonders hoch ist. In Schlieren etwa betrug die Wahlbeteiligung am vergangenen Wochenende 22,02%, in Dietikon waren es 23,34%. Momentan absolute Hochburg der PdN wäre Oberglatt: Hier machten nur 21,13% der Stimmberechtigten von ihrem Wahlrecht Gebrauch. In Opfikon waren es 22,12% und in Zürich Schwamendingen, wo die Stadt in die Agglomeration übergeht, 22,51%.

Peter Moser, Chefanalytiker des Statistischen Amts, beschäftigt sich seit vielen Jahren mit dem Wahlverhalten im Kanton Zürich. Er weiss: «Mit zunehmendem Bildungs- und Wohlstand nimmt die Wahlbeteiligung zu.» Auch das Alter sei relevant für die Wahlbeteiligung: Jüngere Leute wählen laut Moser seltener. Am höchsten sei die Wahlbeteiligung bei den 60- bis 70-Jährigen.

Moser weiss aus der Analyse früherer Wahlen auch: «Je weniger gebildet und je weniger wohlhabend die Leute sind, um so seltener nehmen sie an Wahlen teil.» Dieser Erfahrungswert lasse sich auch am Wahlergebnis vom vergangenen Wochenende ablesen, obwohl dazu noch keine detaillierte statistische Analyse vorliegt: Die Kantonskarte der Wahlbeteiligungen zeigt, dass Gemeinden wie Oberglatt, Schlieren, Dietikon und Opfikon, in denen die Einkommen eher tief und die Ausländeranteile hoch sind, besonders hohe Wahlabstinenzen aufweisen.

Moser hat den Zusammenhang zwischen hohem Ausländeranteil und tiefer Wahlbeteiligung schon vor Jahren unter die Lupe genommen. Sein Befund: Vermutlich sei die Wahlbeteiligung der Stimmberechtigten in Gebieten mit hohem Ausländeranteil tiefer, weil sich weniger Gelegenheit zu Gesprächen über Wahlen ergäben. Auch sei in anonymen Agglomerationen der soziale Druck, wählen zu gehen, tiefer als in kleineren ländlichen Gemeinden.

Mehr Pendler, weniger Interesse

Am höchsten war die Wahlbeteiligung am vergangenen Wochenende denn auch in typisch ländlichen Gemeinden: In Ober- und Unterstammheim betrug sie 57,42%, in Rifferswil 47,93%, in Aesch 45,16%. «Auf dem Land ist man traditioneller eingestellt: Man sieht das Wählen als Bürgerpflicht», sagt Moser.

Durchs Band überdurchschnittlich hohe Wahlbeteiligungen um die 40% wiesen die Gemeinden an der Goldküste auf, wo Reichtum und hoher Bildungsstand weit verbreitet sind. Gleiches lässt sich über Uitikon sagen, wo 42,74% der Stimmberechtigten vom Wahlrecht Gebrauch machten.

Interessant auch der Vergleich zwischen Nationalrats- und Kantonsratswahlen: Bis vor rund 40 Jahren war die Wahlbeteiligung auf kantonaler Ebene ähnlich hoch wie auf nationaler Ebene. Seither schwand das Interesse an Kantonalpolitik deutlich. «Früher waren die Leute eher lokal verwurzelt», erklärt Moser. «Man pendelte nicht weit. Das führte dazu, dass man sich stark mit dem regionalen Umfeld identifizierte.» Anders heute: «Die meisten arbeiten nicht mehr dort, wo sie wohnen.» Eine häufige Erklärung von Wahlabstinenten sei daher folgender Satz: «Ich kenne ja die Kandidaten nicht.»

PdN-Chef Nogo reibt sich die Hände.