Stellen Sie sich vor: Sie sitzen im Bus oder Tram und eine ältere Frau reicht Ihnen ihr Handy. «Ich habe meine Brille vergessen», sagt die Frau – und bittet Sie, folgendes SMS vorzulesen: «Allerliebste Elvira, bist Du schon im Tram? Seitdem Du gegangen bist, kann ich nicht mehr schlafen. Du bist eine wunderbare Frau. Und ich kann es kaum erwarten, Dich wieder zu sehen, Dich wieder zu verführen, Dich zu küssen, Dich mit allen meinen Sinnen zu verwöhnen bis in unsere gemeinsame Ekstase ... Und jetzt die schlechte Nachricht: Ich bin mir unsicher. Unsicher ob ich es aushalte, Dich eine ganze Woche nicht zu sehen im Wissen, dass es Dich gibt. Dein Christian.» 

(Quelle: Youtube/Decocoon)

Ein Theaterprojekt in Zürcher Trams und Bussen stellt normales Alltagsverhalten infrage und sensibilisiert

Diese und andere nicht ganz alltägliche Szenen spielen sich seit Montag jeweils zu den Stosszeiten in Zürcher Trams und Bussen ab. Sie sind Teil des Projekts «Hey!» der Zürcher Künstlergruppe Decocoon. Ihr Ziel ist es, die Mitbürger für ein paar Minuten aus den Fängen ihrer Smartphones zu befreien und ihr Interesse für die Menschen im täglichen Umfeld zu wecken.

Dazu betreten 17 Schauspieler und Statisten seit Montag bis heute Freitag zwischen 7 und 8 Uhr morgens sowie zwischen 17 und 18 Uhr Busse und Trams, um ihre Szenen zu spielen. Szenen, die leicht abweichen von dem, was gemeinhin als normales Verhalten gilt. Die Abweichung darf dabei aber nicht soweit gehen, dass das Ganze als Inszenierung auffliegt. So sieht es das Konzept vor, das der Schauspieler Alberto Ruano erdacht und mit Co-Projektleiterin Magdalena Ostrokolska entwickelt hat.

Die Reaktionen? «Ältere Menschen sind viel offener», stellt Schauspielerin Michèle Hirsig fest. «Sie haben oft auch mehr Zeit.» Hirsig spielt im Tram eine Chinesin, die gut hörbar Sprachübungen macht und Gesten einübt im Bemühen, sich zu integrieren. «Ah, lernen Sie Deutsch?», habe sie von interessierten älteren Leuten zu hören bekommen. Jüngere hätten sich eher abgewandt, um weiter auf ihr Handy oder aus dem Fenster zu gucken. «Es ist spannend, zu sehen, ab welchem Punkt sich die Leute involvieren», sagt Hirsig. «In der Regel passiert dies, wenn sie direkt angesprochen werden.» Ältere Menschen hätten sich dabei auch hilfsbereiter gezeigt als jüngere.

Am Rande der Normalität

Zumeist seien die Reaktionen, wenn sie denn kamen, reserviert bis freundlich gewesen, ist im Gespräch mit an «Hey!» beteiligten Schauspielerinnen und Schauspielern zu erfahren. Eine spezielle Beobachtung hat Ruano gemacht, der viele Szenen in Trams und Bussen begleitete: «Abnormales Verhalten macht schnell einmal Angst, vor allem, wenn es von Männern ausgeht.» Dies, obwohl die Figuren des Projekts bewusst so gestaltet seien, dass sie sich eben noch am Rande der Normalität bewegten: also nicht als Psychopathen, sondern als Menschen, die sich nur einen Tick anders verhalten als die Mehrheit. Den starren Blick aufs Smartphone, der heute zum Normalverhalten zählt, sieht Ruano dabei als Mittel, eine Hülle um sich zu bilden, gleichsam einen Kokon. «Ich verurteile das nicht», sagt Ruano. Der 40-Jährige gibt zu, selbst ein Handy-Abhängiger zu sein. Doch der Handy-Kokon hindere einen daran, sich zu öffnen und mit den physisch anwesenden Mitmenschen zu kommunizieren.

Eine Fernvision

Hinter dem Projekt «Hey!» steckt eine Fernvision, die Ruano so umschreibt: «Wie schön wäre es, jeden Morgen im Tram Leute zu kennen! Viele sagen: Ich bin froh um meine Ruhe. Aber viele Leute sind einsam in der Stadt. Was gibt es Schöneres, als Freunde auf dem Nachhauseweg zu haben, wie früher in der Schule?» Dem Theatermacher ist klar, dass sich diese Vision mit einer einwöchigen Performance nicht verwirklichen lässt. Um Breitenwirkung und Diskussionen zu erreichen, dokumentieren die Decocoon-Leute ihr Projekt mit Filmen auf Youtube und Facebook (Stichwort: #freakyzüri).

Wildfremden Rücken eingecremt

Ein Stück weit liess sich die im Alltag normalerweise übliche Distanz zwischen den Menschen durch «Hey!» bereits aufheben: So hat die eingangs erwähnte ältere Dame einige Passagiere dazu gebracht, ihr das leicht anzügliche SMS laut vorzulesen. Manche tippten sogar Antworten für sie ein und drückten auf «senden». Ein junger Mann habe indes beim Vorlesen die schlüpfrigen Passagen ausgelassen und sei gleich zur «schlechten Nachricht» weitergegangen, so Ruano.

Verschmitzter Stolz schwingt in seiner Stimme mit, als er von einer anderen Figur aus dem Hey!-Projekt erzählt: einer älteren Dame mit Halskrause, die wegen angeblichen Rückenleidens im Tram jemanden sucht, der ihr den Rücken eincremt. In den ersten Tagen des Projekts tat dies eine als junge Punkerin verkleidete Schauspielerin. «Aber heute hat die ältere Dame es geschafft, dass jemand Wildfremdes ihr den Rücken eingecremt hat», freut sich Ruano. Seinem Ziel, die Menschen für die Bedürfnisse der anderen zu sensibilisieren, ist er ein Stück näher gekommen.