Der strömende Regen lässt viele Teilnehmer der 1.-Mai-Kundgebung in Zürich im einzigen geöffneten Lokal am Helvetiaplatz Unterschlupf suchen, um sich vor dem Umzug etwas aufzuwärmen. Das Raunen der Stimmen vermischt sich mit lauter Musik und dem Quietschen von geschobenen Tischen. Den jungen Mann gegenüber kann dies alles nicht aus seiner Ruhe bringen. Die dunklen Augen, seit er sich hingesetzt hat, auf denselben Punkt gerichtet, reagiert er mit Schweigen und fast apathisch auf meine Bemerkung, dass er seit seiner Ankunft in Europa die Geschichte seiner entführten Studentenkollegen mehrere Male am Tag erzählen muss. Sobald ich aber die erste Frage an ihn richte, schaut er auf und lässt die Worte nur so sprudeln.

Omar Garcia kommt aus Mexiko, wo er an der pädagogischen Schule Ayotzinapa im Bundesstaat Guerrero studiert, die Lehrpersonen für den Einsatz in ländlichen Gebieten ausbildet. Im September 2014 wurden bei einem Zwischenfall 43 Studenten auf Transporter geladen, um auf die Wache gefahren zu werden. Dort kamen sie jedoch nie an. Seither gelten sie als verschwunden.

«Meine erste Schiesserei erlebte ich mit zehn Jahren, als bewaffnete Männer ins Dorf kamen, einige Menschen töteten und die ganze Gemeinde darauf die Flucht ergriff. Mexiko ist durchzogen von Gewalt, und das nicht nur wegen des organisierten Verbrechens», erklärt Omar. «Personen im öffentlichen Dienst bedienen sich geradezu an Bestechungsgeldern und sorgen dafür, dass unser Justizsystem komplett unterwandert wird. Dies hat ein Leben in Unsicherheit zur Folge, da Verbrecher wissen, dass sie sich ihre Freiheit erkaufen können.»

Nicht nur in der Justiz, auch in der Berufswelt erkaufe man sich Gelegenheiten. Es komme schon mal vor, dass derjenige, der seine Stelle wechselt oder in den Ruhestand geht, den frei gewordenen Posten an den Nachfolger verkaufe. «Weil auf diese Weise nur begüterte Universitätsabgänger eine Stelle finden, überlegen sich viele Landbewohner wie wir, ob sich eine Ausbildung überhaupt lohnt», führt Omar aus.

An der Schule Ayotzinapa werden die Studenten in der Geschichte der Arbeiterbewegung und revolutionären Themen unterrichtet. Sie halten sich nicht zurück, ihr sozialistisches Gedankengut ausserhalb des Schulgeländes zu verbreiten. Eine Mentalität, durch die sie vor allem den Lokalregierungen Guerreros ein Dorn im Auge sind. Es überrascht somit nicht, dass die Spur der Anstiftung der Schüsse zum Bürgermeister persönlich führte.

Omar wird energischer, auf seine Nachricht im Gepäck angesprochen. Durch die Aufklärungskampagne in europäischen Städten über die herrschenden Verhältnisse in seinem Land soll die mexikanische Regierung zwar unter Druck geraten. Doch der Aktivist belässt es nicht dabei, vor seiner eigenen Tür zu kehren. «In Mexiko lässt man täglich 14 Personen verschwinden, ohne dass sie je wieder auftauchen. Wie viele sind es in der Schweiz? 20 oder 30?»

«Die politischen Vertreter Europas rügen andere Länder unentwegt wegen der Nichteinhaltung von Menschenrechten. Dies hält sie aber nicht davon ab, mit einem Land wie Mexiko lukrative Abkommen über die Lieferung von Ressourcen zu unterzeichnen, ohne daran Bedingungen zu knüpfen, etwa die Einhaltung von Arbeiterrechten.» Omar widerlegt jegliches Klischee des armen Jungen vom Lande. Er kennt die internationalen Zusammenhänge und hat keine Mühe, Beispiele aus der Schweiz aufzuzeigen, in der er erst vor ein paar Stunden gelandet ist. «Eure Pharmafirmen produzieren für unser Land Medikamente, die in der Schweiz nicht einmal erlaubt sind.»

Auch mit seiner Kampagne werden sich die globalen Verhältnisse vorläufig nicht ändern, dessen ist sich der zukünftige Lehrmeister bewusst. Wie wird er im Schulzimmer die nächste Generation auf ihr Leben in Mexiko vorbereiten? «Es gibt viele Arten, zu lehren», meint Omar, «ich sehe Bildungsvermittlung als Lebensschule an, in der das Kind soziale Verhältnisse entdeckt und lernt, seinen Beitrag für eine bessere Gesellschaft zu leisten. Meine Schüler sollen gestandene Individuen sein, die sich ihre eigene Meinung bilden und fähig sind, qualifizierte Regierungen zu wählen.»