Der kleine Nordseehafen schläft fast schon. Die kalte Abendluft streicht über die leeren Quais, wo die ersten Seevögel ihre Köpfe ins Gefieder stecken. Ein kleiner Hase verschwindet in einem dunklen Schuppen. Im «Havneby-Krug», einem alten Gasthof in Sichtweite der Quais, herrscht noch Hochbetrieb. Männer in Fleecepullis und dicken Baumwollhemden sitzen an schweren Holztischen, diskutieren, vor sich ein paar Bier und Teller mit Burgern.

«Geld ist nicht alles»

Einst war der Hafen auf der dänischen Nordseeinsel Römö Ausgangspunkt für Walfänger. Heute sind die Männer auf der Jagd nach Wind. Täglich fahren sie raus, um Windkraftanlagen in der Nordsee zu installieren. Butendiek heisst der 1,2 Milliarden Franken teure Windpark, an dem auch die Schweiz mitwirkt. Der Energiespezialist ABB liefert die Stromkabel. Das Elektrizitätswerk der Stadt Zürich (EWZ) ist mit fünf Prozent daran beteiligt.

50 Arbeiter müssen in Havneby mit seinen 300 Einwohnern aufgenommen und versorgt werden. «Auch ich habe deshalb Mitarbeiter für Küche und Kneipe eingestellt», sagt die Wirtin des «Havneby-Krugs», Helle Thomsen. «Es ist auch toll und gemütlich mit den ‹Offshoris›», wie sie die neuen Bewohner Römös liebevoll nennt. Doch für die Mittdreissigerin, deren Familie seit Generationen auf der Insel lebt, hat sich «das Leben radikal verändert». Als sie vor zwölf Jahren die Gaststätte am Hafen übernahm, gab es nur in der Sommersaison viel zu tun. In diesem Jahr sei sie auch im Winter vor ein Uhr nachts kaum ins Bett gekommen. Auch wenn das die Kasse klingeln lasse: «Geld ist nicht alles. Ich muss mir überlegen, ob ich das so will.»

Wo die Wirtin mit Freunden am Wasser jedes Jahr ihr Osterfeuer entfacht hat, stehen jetzt die Büros der internationalen Firmen. Und wenn die etwas wollen, muss es sofort geschehen. «Manchmal können die Schiffe wegen des Wetters morgens nicht rausfahren. Dann wollen die Arbeiter alle ihre Zimmer verlängern. Teilweise habe ich die aber bereits für neue Gäste reserviert. Das gibt immer viele zeitraubende Diskussionen», erzählt sie.

Ab August in Betrieb

Ein bedingungsloser Fan der Windkraft ist die bodenständige Frau bisher nicht geworden. «Mich stören die Windräder nicht. Ich sehe sie ja nicht.» Die Entfernung zwischen der Insel und dem Projektgebiet ist mit 30 Seemeilen zu weit. Doch sie macht sich Gedanken: «Was passiert, wenn sie in 25 Jahren ausgedient haben? Kommen dann wieder Ingenieure und bauen sie ab oder bleiben die dann einfach stehen?» Auch wegen der fehlenden Netze an Land macht sie sich Sorgen: «Was passiert mit dem ganzen Strom, der erzeugt wird, wenn er nicht weitergeleitet werden kann?»

Die Sonne ist am nächsten Morgen kaum aufgegangen, schon sind die Quais zu neuem Leben erwacht. Die Männer in den grellen Arbeitsanzügen schiffen sich ein. Den ganzen Tag werden sie draussen sein, um riesige Windtürme auf Stahlfundamente zu fügen oder elektrische Anschlüsse zu legen. Im August sollen alle 80 Anlagen betriebsbereit sein und dann so viel Strom erzeugen, wie jährlich 350 000 Haushalte verbrauchen – enorme Maschinen sind das, 2000 Tonnen schwer, in zwanzig Meter Wassertiefe in den Meeresboden gerammt.

Tourismus statt Fischerei

Noch nie seien für ein Windenergieprojekt auf See so viele ökologische Begleituntersuchungen durchgeführt worden, versichert der Bremer Projektentwickler WPD, der den Park nach Abschluss betreiben wird. Installationsmanager Hans-Christoph Brumberg sitzt im neuen Hafenschuppen vor seinen Seekarten. Der Bremer WPD-Mitarbeiter ist wie seine Kollegen nur für die Zeit des Baus auf der Insel. Vorher, sagt er, habe er eigens Dänischkurse besucht. Doch die Sprachkenntnisse braucht er hier nicht. Die Einheimischen sprechen mit den Fremden Englisch. «Jetzt habe ich es wieder verlernt», sagt er mit Bedauern. «Denn grossen Kontakt gibt es nicht.» Die wenigen dänischen Hafenarbeiter hier sind freundlich. Doch sie scheinen bewusst Distanz zu den neuen Windfirmen zu wahren.

Früher lebte Römö von Fischerei und Landwirtschaft. Heute sind von den einst zwei Dutzend Krabbenfischern, welche die Schalentiere auf eigene Rechnung fingen, noch drei übrig. Sie geben dem Hafen einen nostalgischen Glanz, ein Fotomotiv für die Besucher, die für einen Tagesausflug von der Nachbarinsel Sylt aus Deutschland kommen. Von den Touristen können die Menschen hier leben. Auf die Männer des Windstroms hat hier dagegen niemand gewartet.