Erst streben die Nasenflügel mit aller Kraft nach innen zur Scheidewand, dann presst die Gesichtsmuskulatur die Lippen zusammen und schliesslich ziehen sich auch die Augenlider zu Schlitzen zusammen. Angesichts des Gestanks in die Rechenhalle der Kläranlage Werdhölzli versucht das Hirn intuitiv, sämtliche Körperöffnungen zu verschliessen. Bloss irgendwann meldet die Lunge, dass der Sauerstoff knapp wird. Einatmen wird unvermeidbar. Und schon überwältigt eine geballte Ladung von Verwesung, Moder und Ammoniak die Geruchsrezeptoren.

Es muss unzählige Varianten von ekelverzogenen Gesichtern geben, und hier manifestieren sie sich in ihrer ganzen Vielfalt: Der säuerliche Gestank, der in der Rechenhalle hängt, dringt durch Mark und Bein. Das sei nicht immer so arg wie heute, versichert Daniel Pfund, der Leiter der Abteilung Abwasser im Klärwerk: «An einem Sommertag mit fast 30 Grad Lufttemperatur ist der Geruch besonders stark.» An einem Tag wie diesem kann man sich kaum vorstellen, hier länger als einige Minuten zu verbringen. Pfunds Mitarbeiter aber arbeiten teilweise bis zu vier Stunden täglich im Rechengebäude. «An den Geruch gewöhnt man sich mit der Zeit. Er erinnert einen jedoch immer daran, dass man hier drin sehr auf die Hygienevorschriften achten muss. Sonst wird man schnell krank», sagt er.

Ozon entfernt Medikamente

Kaum auszudenken, was ein Bad in der Limmat für gesundheitliche Folgen hätte, gäbe es die Kläranlage an der Grenze zwischen Altstetten und Schlieren nicht. Hier wird das Abwasser der Stadt Zürich und fünf weiterer Gemeinden aufbereitet. Vier verschiedene Reinigungsstufen sorgen mit mechanischen, biologischen und chemischen Methoden dafür, dass aus einer braunen Kloake klares und für Mensch, Tier sowie Pflanzen unbedenkliches Flusswasser wird. Bis 2018 soll laut der Stadt eine zusätzliche Reinigungsstufe dazukommen, die das Abwasser mithilfe von Ozon von Mikroverunreinigungen befreit. Ziel sei es, dass das Wasser nach der Reinigung wieder so natürlich wie möglich ist, sagt Pfund. Selbst kleinste Rückstände, etwa von Anti-Baby-Pillen, werden dann um 80 Prozent reduziert.

Doch hier, bei den ersten mechanischen Reinigungsschritten der Kläranlage, haben es Pfund und seine 21 Mitarbeitenden mit gröberem Kaliber zu tun. Mitten in der Halle stehen drei riesige Rechen, durch die, vom Zulauf her kommend, jede Sekunde bis zu 6000 Liter der braunen Brühe schiessen. Am oberen Ende der schräg im Abwasserstrom stehenden Metallgitter sind kammartige Schaufeln angebracht. Unaufhörlich graben sie sich in die Fluten und transportieren die Feststoffe aus dem Abwasser langsam den Rechen entlang hoch, bis sie auf ein Förderband fallen. Dieses führt das Material – fast 2000 Tonnen jährlich – schliesslich in eine grosse blaue Mulde. Hier ist der Gestank fast nicht auszuhalten. Unsere Gesichter verziehen sich abermals zu ekelerfüllten Fratzen. Dennoch zwingt uns die Neugierde, stehen zu bleiben und den beigefarbenen, faserigen Haufen von weitem nach vertrauten Formen abzusuchen.

Plötzlich blitzt eine weisse Shampoo-Flasche unter undefinierbaren Fetzen hervor. «Das ist noch gar nichts», sagt Pfund, als er meinen erstaunten Blick registriert, «alles, was durch ein WC passt, hatten wir hier schon». Vor 1985, als der Rechen mit den automatisierten Schaufeln installiert wurde, mussten die Kläranlagen-Mitarbeiter die Feststoffe noch manuell entfernen. «Da fanden wir hin und wieder Schlangen oder menschliche Föten», so der 54-Jährige. Heute landen diese unbemerkt in der Mulde und werden mit dem restlichen Abfall schliesslich im Kehrichtheizkraftwerk verbrannt. Im hinteren Teil der Halle befindet sich aber auch jetzt noch eine Vitrine mit Kuriositäten, die im Rechen hängen geblieben waren – darunter auch eine unbezahlte Parkbusse oder die drei Gebiss-Prothesen: Stoff fürs Kopfkino.

Endlich durchatmen!

Sind die groben Feststoffe aus dem Abwasser entfernt, folgen drei weitere mechanische Reinigungsvorgänge in Becken unter freiem Himmel. Hier werden dem Wasser Fette und Sand entzogen. Als wir ins Freie treten, entspannen sich unsere Gesichtszüge wieder: Endlich durchatmen! Die letzte mechanische Stufe bilden jene grossen runden Becken, die man landläufig mit einer Kläranlage verbindet. In ihnen bleibt das Abwasser für drei Stunden, bevor es als trübe, aber feststofffreie Flüssigkeit in die biologischen und chemischen Reinigungsstufen gelangt.

Was davor auf den Grund der runden Klärbecken gerieselt ist, bedeutet für die Anlage einen wahren Segen: Kleine, ungelöste Stoffe wie Fäkalien, Papierreste und Speiseabfälle sammeln sich hier als Schlamm. Zusammen mit sogenanntem «Belebtschlamm» aus der biologischen Reinigungsstufe kann dieser seit Anfang Juli nach mehreren Bearbeitungsschritten in der neuen betriebseigenen Verwertungsanlage verbrannt und so in Wärme und Strom umgewandelt werden. 30 000 Tonnen des breiigen Rohstoffs produziert das «Werdhölzli» jährlich – ab Ende August verbrennt das Klärwerk zusätzlich 70 000 Tonnen aus anderen Abwasserreinigungen im Kanton, wie Pfund sagt: «Dann können wir den Wärmebedarf der gesamten Anlage selbst decken.»

Wir begeben uns zur Limmat, zur Einmündung des Kanals aus dem «Werdhölzli». Und innerlich staune ich. Staune über die Technik und den Menschen. Man mag es Argwohn nennen, doch etwas in mir sträubt sich dagegen, zu glauben, dass der stinkende, flüssige Unrat einer Stadt tatsächlich wieder so rein werden kann wie das Wasser im Fluss vor mir. Als ich mich umdrehe, steigt vor mir der Rauch aus dem Kamin der Kläranlage in den blauen Sommerhimmel. Das sei nur Dampf, sagt Pfund, als hätte er meine Skepsis gespürt. Und ja, auch er sei frei von jeglichen Schadstoffen.