Es empfiehlt sich, hungrig zur Gourmesse zu kommen. Schon auf dem Vorplatz der Halle 622 beim Bahnhof Oerlikon, wo die gestern eröffnete Ess- und Trinkmesse noch bis Sonntag stattfindet, reiht sich ein Foodstand an den anderen. Die Wahl fällt schwer: Darf es ein Himalaya-Burger mit Rindsbraten und Gemüse sein? Oder vielleicht Baked Potatoes mit Züri-Gschnätzletem? Ich entscheide mich für einen Spanferkel-Burger nach ungarischer Art, mit viel gedünsteten Zwiebeln und Barbeque-Sauce. Das arme Ferkel am Spiess glänzt verlockend in der Mittagssonne.

Gleich nebenan gäbe es auch vegane Wraps – und damit «Bio-Ethik frisch», wie es auf dem Vegan-Foodstand heisst. Aber zuerst kommt das Gelüst – und dann, vielleicht, die Moral. Mit nunmehr gut gefülltem Magen gehts in die ehemalige Industriehalle. Für ein paar Probierhappen ist noch Platz im Bauch.
Der Stand aus dem Appenzellerland, an dem Spezialitäten von mit Bier gefüttertem und massiertem Rind zu haben sind, hält mich als erstes auf. Der zarte, dünn aufgeschnittene kalte Braten schmeckt wunderbar würzig. Doch warum massiert man Rinder mit Bier?


Bierkur für die Kühe

«Das Massieren beruhigt die Rinder, nimmt ihnen den Stress», erklärt der Verkäufer in Appenzellertracht. Dies wirke sich positiv auf die Fleischqualität aus. Zudem sei Bierhefe gut für die Haut- und Fellpflege. Man könne sie auch als Shampoo verwenden. Und: Dank der Bierkur für die Kühe komme es zu einem geschlossenen Produktionskreislauf mit der lokalen Brauerei: «Wir liefern ihnen das Getreide, sie liefern uns das Bier für die Rinder.» Und auf dem Mist der Rinder wachse dann wiederum das Getreide. Es ist nicht nur der Geschmack, der zählt – es sind auch die guten Geschichten, die dazu erzählt werden.

Die Auswahl an Edelbränden ist verlockend.

Verdauungsschnaps gefällig?

Die Auswahl an Edelbränden ist verlockend.


Ich schlendere schlemmend weiter: da ein Häppchen Brot mit Gorgonzola, dort ein Stück schwarze Zitronen-Schokolade aus Zürcher Fabrikation, zwischendurch eine Scheibe Mostbröckli vom Hirsch aus dem Bündnerland. Bald schreit der Magen nach einem Verdauungsschnaps. Ein Kirsch-Hersteller aus Brunnen (SZ) präsentiert stolz seine Edelbrände, klare und in Holz gereifte. Aber was heisst schon Holz? Die Fässer, in denen der Kirsch lagerte, seien aus Maulbeerbaum, klärt er mich auf. In den einen war vorher Sherry, in den anderen Bourbon, Brandy oder Rum. Die Geschmacksunterschiede sind beträchtlich.
Und die Kirschen, sind die immer gleich? Der Brennmeister zieht die Augenbrauen hoch: «Jede Kirsche ist individuell.»


Nischenprodukte sind gefragt


Wenn wir schon beim Hochprozentigen sind: Gleich vis-à-vis lockt ein Thurgauer Schnapsbrenner mit einheimischem Whisky. Die in Bourbon- und Sherryfässern ausgebaute Spezialreserve umschmeichelt fein die Geschmacksnerven. Doch die Meersalz- und Torfnoten der schottisch-irischen Vorbilder lassen sich hierzulande naturbedingt schwer erreichen. Und auch preislich kann die kleine Schweizer Whiskyproduktion mit den grossen der Branche nicht mithalten. «Wir sind in einem Nischenmarkt», sagt der Verkäufer. «Doch es gibt zunehmend Kunden, gerade auch junge, die Schweizer Spezialitäten suchen.» Seine Aussage trifft wohl auf einen grossen Teil der Aussteller an der Gourmesse zu. Darauf deutet der grosse Andrang bei der gestrigen Eröffnung und das mehrheitlich gehobene Preisniveau der insgesamt 160 Aussteller hin.
Auch wer Süsses mag, bekommt Einiges geboten. So zeigt Kay Keusen, der seit drei Jahren in Zürich-Oerlikon Schokolade herstellt, gleich beim Eingang links in der Halle 622, wie das geht – von der Kakaobohne bis zur fertigen Schokolade. Die Maschinen, die die Bohnen sieben, schälen, zerkleinern und verrühren, lassen die industrielle Vergangenheit der 2017 als Veranstaltungsort lancierten Halle aufleben. Und während draussen Grillaromen dominieren, breitet sich hier verführerischer Schoggiduft aus.

Gourmesse, Halle 622, Therese-Giehse-Strasse 10, 8050 Zürich. Öffnungszeiten: Freitag und Samstag 12 bis 21 Uhr, Sonntag 11 bis 18 Uhr.