Drogensüchtige sind aus dem Fokus der Öffentlichkeit weitgehend verschwunden, seit die Stadt Zürich in den 1990er-Jahren die offenen Drogenszenen auf dem Platzspitz und dem Lettenareal schloss, staatlich kontrollierte Methadon- und Heroinabgabe einführte sowie diverse Anlaufstellen für Drogensüchtige einrichtete. Doch inzwischen sind neue Probleme aufgetaucht: «Heute ist der Stoff so billig, dass psychisch instabile Menschen vermehrt zu Drogen greifen», sagt Urs Vontobel. Er leitet seit 2002 die vor 30 Jahren gegründete Entzugsstation Frankental in Zürich Höngg, die heute Suchtbehandlung Frankental heisst.

Und noch einen grundlegenden Wandel stellt Vontobel fest: «Heute haben wir es vermehrt mit Polytoxikomanen zu tun.» Mit Menschen also, die zum Teil seit Jahren mit legal abgegebenen Opiaten und Methadon versorgt sind, dazu aber auch noch Beruhigungsmittel wie Valium und Dormicum sowie Alkohol und bisweilen Heroin konsumieren - oder regelmässig Kokain und Alkohol kombinieren.

Folge: Die Suchtbehandlungen werden aufwendiger und dauern länger. Die durchschnittliche Aufenthaltsdauer im Frankental stieg bei Entzügen in den letzten fünf Jahren von 24 auf 35 Tage an, bei stationären Therapien von 185 auf 272 Tage.

Hinter Zahlen und Trends wie diesen verbergen sich Lebensgeschichten. Zum Beispiel jene von Markus und Jeanette (beide Namen von der Redaktion geändert).

«Etwas fehlte»

Markus, heute 38-jährig, nahm vor zehn Jahren erstmals Kokain. Über die Vorgeschichte hat er im Laufe seines siebenmonatigen Aufenthalts im Frankental viel nachgedacht und in Therapiegesprächen geredet. «Ich war im Job und im Militär erfolgreich», sagt er. «Ich definierte mich über Leistung. Beziehungen waren für mich aber schwierig. Etwas fehlte.» Er erzählt von seiner «versauten Kindheit», vom Vater, der ihn schlug und alles kontrollieren wollte. Von seinem Körper, der die Schläge nicht vergass - auch nicht, nachdem der Vater gestorben war. Und von der inneren Leere, die auch nach dem Kauf seines ersten Porsche noch da war. Fazit: «In der Gesellschaft habe ich funktioniert. Aber persönlich blieb ich auf der Strecke.»

Zuerst rauchte er Joints vor dem Einschlafen. Als ihm eine Kollegin eines Abends ihre Crackpfeife anbot, lehnte er zunächst entgeistert ab. Später griff er dann doch zu. Neben Kindheitserlebnissen spielten dabei auch akute Probleme mit: «Ich hatte beruflich und mit der Freundin Stress. Das Kokain beruhigte mich», sagt Markus. «Ich konsumierte nicht aus Lust, sondern um mit mir klarzukommen.»

Aus dem gelegentlichen Konsum wurde Sucht. Markus verlor seinen Job als Projektleiter im Detailhandel. Er begann, Kleider zu stehlen und zu verkaufen, um das Kokain zu finanzieren. Schliesslich zeigte er sich selbst an, um den Teufelskreis zu durchbrechen. Ein Gerichtsgutachter attestierte ihm ein Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom, eine narzisstische Persönlichkeitsstörung. Das Gericht verurteilte ihn, schob die Haftstrafe aber zugunsten einer stationären Massnahme im Frankental auf.

Kokain habe er seither nicht mehr konsumiert, sagt Markus. Sein Alltag ist klar vorgegeben: 6.15 Uhr Frühstück machen im Wohnhaus in Zürich Seebach, das zur Suchtbehandlung Frankental gehört. 8 Uhr Arbeitsbeginn im Frankental. Rund um das gut 100-jährige Riegelhaus in Zürich Höngg gibts viel Gartenarbeit zu erledigen. Auch eine Werkstatt steht zur Verfügung. Nachmittags dann Arbeit im Glasatelier oder in der Küche. Hinzu kommen regelmässig Gruppensitzungen, Termine beim Psychotherapeuten und beim FBI, dem hauseigenen Fachdienst für Berufsberatung und Integration.

«Das Frankental ist keine Wohlfühloase», sagt Markus. Der Weg aus der Sucht sei harte Arbeit. Und draussen warten Schulden, Wohnungs- und Jobsuche auf ihn. Dennoch zeigt er sich zuversichtlich, dass ihm der Neustart gelingt. «Ich habe gelernt, ins Leben zu vertrauen.»

Mit 13 fing es an

Jeanette ist erst seit wenigen Tagen im Frankental, in der Entzugsabteilung. Sie habe alle Arten von Drogen genommen, von Ecstasy über Alkohol, Cannabis, Amphetamine bis hin zu Kokain und Heroin, sagt die 33-Jährige.

Mit 13 fing es an. Damals habe sie am Zürichsee Leute kennen gelernt, die älter waren als sie, sei mit ihnen auf Partys gegangen und immer mehr in die Drogensucht geraten. Ihr Vater war Alkoholiker. Die Mutter habe sich trotz der Mehrfachbelastung durch Beruf, Haushalt und die Sucht des Ehemannes so gut sie konnte um die Kinder gekümmert, die aber dennoch oftmals zu kurz gekommen seien.

Nun hat Jeanette im Frankental ihren fünften Entzugsversuch gestartet. Ihr ebenfalls drogensüchtiger Freund ist vor einem Jahr gestorben. Jeanette hat eine kleine Tochter, Schulden, lebt seit Jahren von der Sozialhilfe und zieht seit dem Verlust ihrer Wohnung vor zehn Jahren von Zimmer zu Zimmer. «Alles brach zusammen», sagt sie.

Jetzt sucht die gelernte Hotelfachfrau Schritt für Schritt Halt: Sie will das Methadon abbauen, ihre Zähne flicken lassen, eine Wohnung und einen Job finden. «Ich habe wirklich genug von dieser Art zu leben», sagt sie. «Irgendwie ist alles schief gelaufen.»

Doch zunächst gilt es, den Entzug durchzustehen: die Beinschmerzen, das innerliche Unwohlsein, Schlaflosigkeit, Schweissausbrüche. «Ich hoffe, ich kann drei Monate hier bleiben», sagt Jeanette. Sonst gehe sie wieder zur Mutter. Oder in eine andere Therapie.

Nachfrage übersteigt Angebot

Entzugsbehandlungen im Frankental werden von den Krankenkassen und vom Kanton bezahlt, die längerfristigen Therapien vom Kanton und den Herkunftsgemeinden der Betroffenen. Wobei das kantonale Fürsorgeamt nach einem Jahr seine Zahlungen halbiert, was aus Sicht von Frankental-Leiter Vontobel «fachlich nicht nachvollziehbar» ist. Das jährliche Defizit von rund einer Million bei einem Budget von fünf Millionen Franken gleiche die Stadt Zürich aus. Die Nachfrage übersteigt das Angebot deutlich: 2012 verzeichnete die Suchtbehandlung Frankental 189 Bewerbungen für Entzug und Intervention. Aufgenommen wurden 114 Personen.