Wildtiere
Immer mehr Wildtiere werden Opfer von Autos und Mähmaschinen – Zürcher Fachleute fordern Reaktion

Im Kanton Zürich werden immer mehr Wildtiere Opfer des Strassenverkehrs – und von Mähmaschinen. Fachleute fordern den Kanton jetzt zum Handeln auf.

Thomas Münzel
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Fatal: Im hohen Gras finden Rehkitze Schutz vor anderen Tieren, sind aber Mähdreschern ausgeliefert.

Fatal: Im hohen Gras finden Rehkitze Schutz vor anderen Tieren, sind aber Mähdreschern ausgeliefert.

Wildnispark Zürich

Die Gefahr eines Wildunfalls besteht grundsätzlich zu jeder Tages- und Jahreszeit. «Besondere Vorsicht ist jedoch im Oktober, November und Dezember geboten», sagt Bettina Zahnd, Unfallforscherin bei der Axa-Versicherung. «Denn wenn die Tage kürzer werden, sind Wildtiere häufiger zur gleichen Zeit unterwegs wie Autofahrerinnen und Autofahrer. Zudem ist es im Morgen- und Abendverkehr dunkel, weshalb man Tiere auf der Fahrbahn oft erst spät sieht.»
Wie Recherchen dieser Zeitung zeigen, kam es insbesondere im vergangenen Jahr im Kanton Zürich zu auffallend vielen Unfällen mit Wildtieren – die Zahlen erreichten teils gar Rekordwerte.

111 Wildschweine totgefahren

So wurde beispielsweise bei den Wildschweinen noch nie so viel sogenanntes Fallwild (also Wild, das nicht bei der Jagd erlegt wurde) registriert wie 2017. Von den 159 toten Tieren – mehr als doppelt so viele wie im Vorjahr – kamen laut der eidgenössischen Jagdstatistik allein 111 durch den Strassenverkehr ums Leben.

Überdurchschnittlich hohe Fallwildzahlen gab es im letzten Jahr aber auch bei den Füchsen und Eichhörnchen – und insbesondere bei den Rehen. 1768 Tiere wurden 2017 nicht durch den Schuss eines Jägers getötet, sondern vor allem durch den Auto- und Bahnverkehr. Mehr Fallwild bei den Rehen zählte man zuletzt im Jahr 2003 (1954 Tiere).

Drohnen, die Leben retten

Der im letzten Jahr gegründete Verein Rehkitzrettung.ch setzt sich für die Rettung der Rehe durch Drohnen mit Wärmebildkameras ein. Landwirte in der Deutschschweiz, die vor dem Mähen ihrer Wiesen sicher sein wollen, dass darin keine Rehkitze sind, können über den Verein gratis um einen Drohnenpiloten nachfragen. Nach Angaben des Vereins habe man so in den letzten Jahren über 150 Rehkitze vor dem Mähtod retten können. (tm)

Noch nie so viele tote Rehkitze

Seit der genauen Bestimmung des Fallwildes im Jahr 1998 wurden im Kanton Zürich zudem noch nie so viele tote Rehkitze (636) gezählt, wie im vergangenen Jahr. Zwar kamen die meisten der tot aufgefundenen Tiere ebenfalls durch den Strassenverkehrs ums Leben. Allein 147 Rehkitze wurden jedoch von landwirtschaftlichen Maschinen getötet. Das sind fast doppelt so viele wie ein Jahr zuvor (77).

«Im vergangenen Jahr war die Fallwildquote tatsächlich sehr hoch», bestätigt Urs Philipp, Leiter der kantonalen Fischerei- und Jagdverwaltung. Dies deute darauf hin, dass die Bestände insgesamt «eher zugenommen haben dürften». Die Anzahl toter Rehkitze schwanke aber wie die Fallwildquoten anderer Wildtierarten auch von Jahr zu Jahr recht stark, sagt Philipp. Das jeweilige Nahrungsangebot, die Härte des Winters und viele andere Faktoren beeinflussten die Überlebensrate der Rehe erheblich.

Alte Wildwarner nützen wenig

Im Kanton Zürich werde bereits heute sehr viel unternommen, um die Anzahl Verkehrsunfälle mit Wildtieren zu reduzieren, sagt Philipp. «An vielen neuralgischen Strassenabschnitten werden akustische und optische Warnanlagen installiert.» Schon vor einem Jahr hatte er jedoch gegenüber dieser Zeitung eingeräumt, dass durch den Gewöhnungseffekt die gut 6000 akustischen Wildwarner im Kanton «heute vielleicht nur noch 10 Prozent der Unfälle vermeiden können».

Samuel Furrer, Wildtierfachmann beim Schweizer Tierschutz, sieht den Kanton so oder so weiterhin in der Pflicht. «Es müsste im Interesse der Kantone sein, die Fallwildzahlen deutlich zu senken.» Denn eigentlich sei die Sache klar: «An neuralgischen Stellen mit viel Wildwechsel langsamer fahren, bedeutet weniger Unfälle.» Doch diese Einsicht scheine bei vielen Autolenkern nicht anzukommen. An bestimmten Stellen helfe wohl nur eine nächtliche Geschwindigkeitsbeschränkung mit Radarkontrollen (Blitzkästen). «Leider muss man einige nicht einsichtige Autolenker über den Geldbeutel erziehen», sagt Furrer.

Infraroterkennung als Lösung

Er propagiert zudem die Anschaffung neuer Warnanlagen, «die dank Infraroterkennung Tiere in der Nähe wahrnehmen, erst dann zu leuchten beginnen und eine Temporeduktion signalisieren». Diese Geräte seien zwar teuer, jedoch sehr erfolgreich und würden sich im Hinblick auf die durch Unfälle verbundenen Kosten von jährlich 40 bis 50 Millionen Franken durchaus rechnen. «Kantone und Versicherungen geben sich aber leider noch ziemlich zurückhaltend, was die Anschaffung der Geräte angeht», sagt Furrer.
Im Zusammenhang mit dem Mähtod von Rehkitzen weist der Wildtierfachmann darauf hin, dass es für viele Bauern oft ein beträchtlicher zeitlicher Mehraufwand sei, eine Wiese vorgängig abzuschreiten oder zu verblenden, also zum Beispiel weisse Tücher oder Warnblinker aufzustellen. «Eine vielversprechende Methode ist aber der Einsatz von Drohnen mit Wärmebildkameras.»

Rettung vor dem Mähtod

Das sieht auch Martin Ebner so. Als Jäger und Mitglied beim Verein Rehkitzrettung Schweiz setzt er sich in der Deutschschweiz gezielt für die Verbreitung der Drohnen ein. «Ich gehe davon aus, dass im nächsten Jahr bereits bis zu 40 Drohnenpiloten im Einsatz stehen werden, um Rehkitze vor dem Mähtod zu retten», sagt Ebner. Im Unterschied zu den herkömmlichen präventiven Methoden (Verblendung), betrage die Erfolgsquote bei Drohnen, «nahezu 100 Prozent».

Auch der Kanton anerkennt, dass die Drohnen «eine grosse Hilfe» sein können. Doch für die Umsetzung der entsprechenden Massnahmen seien in erster Linie die Jagdgesellschaften und die Landwirte zuständig. «Der Kanton könnte dies nur mit enormen Aufwand selber umsetzen», sagt Urs Philipp von der Jagdverwaltung.