Zürich
Immer mehr Schmuggler tragen die Drogen in ihrem Körper

Die Polizei zieht am Flughafen Zürich immer mehr so genannte Bodypacker aus dem Verkehr. Die Kuriere schmuggeln die Drogen in ihrem Körper. Für wenige tausend Franken riskieren sie ihr Leben.

Johanna Wedl, sda
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Auf diesem Röntgenbild sind Drogenfingerlinge erkennbar. Kapo Zürich

Auf diesem Röntgenbild sind Drogenfingerlinge erkennbar. Kapo Zürich

Limmattaler Zeitung

Allein in den ersten sieben Monaten des laufenden Jahres gingen am Flughafen Zürich 24 Bodypacker ins Netz. Das sind fast so viele, wie 2010 während 12 Monaten verhaftet wurden. Vor zwei Jahren wurden nur
9 Kuriere festgenommen, 2008 waren es 18. «Wir gehen weiterhin von einer Zunahme aus», sagt der Chef der Flughafenpolizei-Spezialabteilung der Kantonspolizei Zürich, Stefan Aepli.

Die Bodypacker schmuggeln meistens Kokain und transportieren das Rauschgift in Fingerlingen verpackt in ihrem Körper. Die Mehrheit der Kuriere schlucke die Droge. «Es gibt auch Einzelne, welche die Fingerlinge anal oder vaginal einführen.» Ein Fingerling ist gemäss Aepli durchschnittlich mit 12 Gramm gefüllt. Bodypacker transportieren insgesamt meist «nur» rund ein Kilo Kokain. Deshalb erhöhe sich die beschlagnahmte Drogenmenge trotz vermehrter Festnahmen nicht zwingend.

1,7 Kilo Kokain im Körper

Die Kuriere stopfen aber schon mal ihren Magen mit den Fingerlingen voll: Aepli erzählt von einem Mann, der dieses Jahr mit 94 Fingerlingen reiste. Darin befanden sich insgesamt etwa 1,7 Kilo Kokain. Am meisten schluckte ein Mann vor sechs Jahren: 140 kleine Pakete waren in seinem Körper.

Die Bodypacker landen häufig in Flugzeugen aus Südamerika, wo viel Kokain angebaut wird. Den «typischen» Kurier gebe es nicht, sagt Aepli. Die Drogenschlucker seien aber mehrheitlich männlich, zwischen 25 und 50 Jahren alt und verhielten sich auffällig oder nervös. Hinweise auf einen möglichen Schmuggler liefern meistens polizeiinterne Quellen. «Wir arbeiten auch sehr eng mit dem Zoll zusammen.» Viele Polizisten würden über eine «Fahndernase» verfügen und verdächtigen Reisenden spezifische Fragen stellen.

Diesen Mai entpuppte sich etwa ein angeblicher Baptisten-Missionar als Kurier: Der Geistliche hatte seine Bibel «vergessen» und musste mit auf den Polizeiposten. Dort führen die Beamten zuerst einen Urintest durch. Ist dieser positiv, beantragt die Polizei bei der Staatsanwaltschaft einen Untersuchungsbefehl. Dann erstellt ein Arzt ein Röntgenbild. Sind darauf Fingerlinge erkennbar, kommt der Kurier in eine Spezialzelle ohne Toilette.

Spezielle «Schlucker-WC»

Um ihr Geschäft zu verrichten, müssen die Schmuggler auf das spezielle «Schlucker-WC». Von diesem führt ein Rohr in eine Box, die in einem zweiten Raum steht. Fahnder waschen die ausgeschiedenen Fingerlinge dort aus und beschlagnahmen sie. In den 1980er-Jahren landeten die Drogen noch in einem einfachen Salatsieb, wie ein Polizist ausführt.

Die Nacht verbringen die Drogenkuriere nicht am Flughafen, sondern in einem Polizeigefängnis in der Stadt Zürich. Die Staatsanwaltschaft muss innert 48 Stunden nach Festnahme entscheiden, ob sie für einen Verhafteten beim Gericht Untersuchungshaft beantragt. Bei erstmaligem Vergehen müsse ein Kurier mit einer Freiheitsstrafe von zwei bis drei Jahren rechnen, sagt Aepli.

Neben der juristischen Strafe kann der Transport auch medizinische Folgen haben: Platzt ein Fingerling, stirbt der Kurier höchstwahrscheinlich. «Die Schmuggler setzen ihr Leben aus finanziellen Gründen aufs Spiel. Sie verdienen für einen Transport zwischen 3000 und 5000 Franken.» Todesfälle seien aber extrem selten. Aepli erinnert sich in den letzten zwei Jahren einzig an einen verstorbenen Kurier.

Von persönlichen Schicksalen dürfe sich ein Fahnder nicht beeinflussen lassen, sagt der Polizeioffizier. «Die Befragungen brauchen aber schon viel Fingerspitzengefühl, weil wir an die Hintermänner kommen wollen.» Die Kuriere seien nämlich nur die kleinen Fische. Dennoch tragen auch diese dazu bei, dass am Flughafen Zürich so viel Rauschgift beschlagnahmt wird wie sonst nirgends im ganzen Kanton Zürich: 2009 waren es 287 von den im ganzen Kanton beschlagnahmten 352 Kilogramm Kokain, 2010 107 von 157 Kilogramm.