Zürich
Immer mehr Pop-up-Salons für Sex: Prostitutionsgewerbe in Zürich stabilisiert sich

Das Sex-Gewerbe hat sich in der Stadt Zürich stabilisiert. Dies zeigt ein Bericht des Stadtrates. Gesetzesanpassungen erleichtern die Arbeit von Frauen in Kleinstsalons. Die Lage an der Langstrasse hat sich verschärft.

Katrin Oller
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Im Niederdorf wurden 2015 die Zeiten für die Strassen- und Fensterprostitution verkürzt, seither nehmen die Sexarbeiterinnen weniger ein.

Im Niederdorf wurden 2015 die Zeiten für die Strassen- und Fensterprostitution verkürzt, seither nehmen die Sexarbeiterinnen weniger ein.

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In der Prostitution in der Stadt Zürich sei Ruhe eingekehrt, bilanziert der Stadtrat in seinem gestern veröffentlichten Bericht über die Jahre 2015 bis 2017. Das Gewerbe habe sich auf quartierverträglichem Niveau eingespielt. Allerdings zeige sich mit temporären Pop-up-Salons in untervermieteten Wohnungen oder Hotels ein neues, problematisches Phänomen.

Die Zahl der neu angetroffenen Sexarbeiterinnen in der Stadt ist seit 2013 gesunken. Die Zahlen sind allerdings von der Kontrolltätigkeit der Stadtpolizei abhängig. Vor einem Jahr hat die Stadt die 2013 eingeführten Tickets für den Strassenstrich wieder abgeschafft. Dies habe keine nennenswerten Auswirkungen gehabt, steht im Bericht. Der Strichplatz in Altstetten habe sich etabliert und werde von 20 bis 30 Prostituierten pro Nacht genutzt. In der Strichzone auf der Allmendstrasse arbeiten höchstens eine bis zwei Frauen.

Der Druck ist gestiegen

Im Niederdorf seien die Reklamationen der Anwohner zurückgegangen. 2015 hatte die Stadt dort die Zeiten für die Strassen- und die Fensterprostitution an der Häringstrasse verkürzt. Seither beklagten sich die Frauen über weniger Einnahmen. «Der Druck auf die Frauen ist gestiegen», sagt Kari-Anne Mey von der Zürcher Stadtmission, die die Beratungsstelle Isla Victoria für Sexarbeitende betreibt. Unter Druck fallen die Preise und das Gesundheitsrisiko steige, etwa weil ungeschützter Sex angeboten werde.

Dasselbe Problem zeige sich an der Langstrasse. Diese ist nicht als Strichzone anerkannt, sei aber faktisch die grösste in Zürich, wie Mey sagt. Freier und Prostituierte werden verzeigt. «Dadurch pressiert es, und den Frauen bleibt keine Zeit, zu verhandeln.» Nichtregierungsorganisationen (NGOs), die sich für die Sexarbeiterinnen einsetzen, fordern, dass Abschnitte der Langstrasse als Strassenstrich anerkannt werden. Ein solcher Vorstoss ist aber 2015 im Gemeinderat gescheitert. Die Stadt erhofft sich, dass die Frauen in Kontaktbars arbeiten, statt auf der Strasse. Diese Verschiebung klappe aber nicht, sagt Kari-Anne Mey: «Die Frauen müssen dort sein, wo die Klienten sind.»

Kleinstsalons in Wohnzonen

Ein anderer, angenommener Vorstoss im Gemeinderat hat dazu geführt, dass seit Juli 2017 Kleinstsalons mit bis zu zwei Räumen von der polizeilichen Bewilligungspflicht ausgenommen sind. Zudem sollen solche Salons bald auch in Wohnzonen erlaubt sein, wo derzeit ein Verbot herrscht. Der Stadtrat wird dem Gemeinderat eine entsprechende Änderung der Bau- und Zonenordnung unterbreiten.

Diese Liberalisierung der Kleinstsalons, wo Frauen selbstbestimmt arbeiten können, begrüssen die NGOs. Allerdings seien die bürokratischen Hürden immer noch hoch, da die Kleinstsalons zwar keine polizeiliche, aber nach wie vor eine Baubewilligung benötigen. Dies widerspiegle das Salonsterben, wovon primär die Kleinstsalons betroffen seien. Wie die Stadt schreibt, habe sich die Zahl der Kleinstsalons auf tieferem Niveau als in den Vorjahren eingependelt.

Wegen des angespannten Wohnungsmarkts wird es auch für Sexarbeiterinnen schwieriger, Räume für ihr Gewerbe zu finden. Deshalb würden viele kleine Salonbetriebe temporär als «Pop-up-Salons» eingerichtet. Diese werden weder registriert noch kontrolliert. Auch können sie von Beratungsangeboten nicht aufgesucht werden, wie Mey sagt. Solche Salons werden oft über Angebote wie Airbnb gemietet, zum Teil ohne Wissen der Leute, die ihre Wohnung untervermieten. Die Polizei erfährt erst davon, wenn sich etwa die Nachbarn am Freierbesuch stören. Hier stellt die Stadtpolizei eine Zunahme der Meldungen fest. Sie sei aber rechtlich eingeschränkt, da diese Betriebe keinerlei Bewilligungen benötigen.

Neben den Arbeitsbedingungen sorgen sich die NGOs auch um die alarmierende Verbreitung von sexuell übertragbaren Krankheiten im Sex-Gewerbe. Hier wäre aus Sicht der NGOs ein günstigerer Zugang zur medizinischen Versorgung angebracht.