Die Zahlen zum Fluglärm, die die Zürcher Volkswirtschaftsdirektion am Montag veröffentlichte, sind brisant: 2011 waren 53 700 Menschen im Grossraum Zürich vom Fluglärm stark belästigt. Gegenüber dem Vorjahr entspricht dies einer Zunahme um sechs Prozent. Und wie schon im Vorjahr wurde der vom Kantonalzürcher Stimmvolk beschlossene Richtwert von 47 000 stark belästigten Personen deutlich überschritten - zum dritten Mal seit der Einführung des Zürcher Fluglärm-Index (ZFI).

Die Zunahme der Lärmbelästigung erfolgte tagsüber. Die Zahl der nächtlichen Fluglärmopfer blieb mit 18 000 gegenüber dem Vorjahr praktisch unverändert.

Der vom Flughafen Zürich ausgehende Fluglärm betrifft naturgemäss am stärksten den Kanton Zürich: 94,1 Prozent der laut ZFI stark Lärmbelästigten wohnen dort; im Aargau sind es 5,6 Prozent, in Süddeutschland 0,2 Prozent, im Kanton Schaffhausen 0,1 Prozent und im Thurgau eine einzige Person.

Kanton setzt auf Schallschutz

Aufgrund der Überschreitung des ZFI-Richtwerts ist die Zürcher Regierung verpflichtet, Massnahmen zu ergreifen. Sie setzt dabei auf Schallschutz an Gebäuden. «Langfristiges Ziel ist, dass alle Wohngebäude in der Flughafenregion über einen hochwertigen Schallschutz verfügen», erklärte Christian Schärli vom kantonalen Amt für Verkehr vor den Medien.

Um diesem Ziel näher zu kommen, mache der Kanton für das Programm «Wohnqualität Flughafenregion» jährlich acht Millionen Franken aus dem Flughafenfonds locker. Hauseigentümer können für Schallschutzmassnahmen bei Gebäudesanierungen und Ersatzneubauten Gelder aus dem Programm beantragen; gleichzeitig peilt der Kanton damit energetische Fortschritte an.

Eine Plafonierung der Anzahl Flugbewegungen lehnt der Regierungsrat indessen ab - ebenso eine Reduktion der Flüge in den Tagesrandstunden. Sie würde die Funktion des Flughafens Zürich als internationale Drehscheibe (Hub) bedrohen, heisst es dazu im ZFI-Bericht. Auch raumplanerisch sei kurzfristig nicht viel zu machen. Längerfristig wollten Bund und Kanton aber via Sachplan Infrastruktur Luftverkehr (SIL) und über den kantonalen Richtplan dafür sorgen, dass die Anzahl der Lärmbelästigten nicht weiter steigt.

Als Hauptgrund für die erneute Überschreitung des ZFI-Richtwerts nannte Volkswirtschaftsdirektor Ernst Stocker (SVP) das Bevölkerungswachstum. Dieses sei in der Flughafenregion stärker als im kantonalen Durchschnitt. «Alle Massnahmen, die man vom Kanton her beeinflussen könnte, werden vom Bevölkerungswachstum schlicht weggefressen», sagte Stocker. «Manchmal bin ich am Ende meines Lateins.» Im Widerspruch zur Einhaltung des ZFI-Richtwerts stehe auch das Ziel des verdichteten Bauens.

Neben dem Bevölkerungswachstum trug indes laut ZFI-Bericht auch die leicht gestiegene Anzahl Flugbewegungen zur ZFI-Richtertüberschreitung bei. Im Jahr 2011 gab es auf dem Flughafen Zürich 279 000 Starts und Landungen.

Gemäss Zürcher Flughafengesetz wäre ab 320 000 Flugbewegungen darüber zu befinden, ob auf eine Bewegungsbeschränkung hinzuwirken ist.

Leisere Flugzeuge genügen nicht

Entlastung verspricht der Ersatz der Kurzstrecken-Flotte der Swiss durch neue, leisere Flugzeuge ab 2014, wie es weiter im ZFI-Bericht heisst.

Allerdings dürfte dieser Effekt wie auch die übrigen kurz- bis mittelfristig möglichen Flugbetriebs-Massnahmen nicht genügen, um den ZFI-Richtwert künftig einzuhalten: «Sie vermögen die Effekte des auch in den kommenden Jahren zu erwartenden Bevölkerungswachstums und der wieder ansteigenden Flugbewegungen nicht zu kompensieren», heisst es im ZFI-Bericht.

Ab März mehr Lärmgebühren

Die Flughafen Zürich AG setzt bei der Lärmbekämpfung primär auf die Lärmgebühren. Im März 2013 werde das neue Gebührensystem in Kraft treten, erklärte Flughafen-Sprecherin Sonja Zöchling auf Anfrage. Wie vom Bundesgericht verlangt, würden damit mindestens 50 Prozent der Flugzeuge mit Lärmgebühren belastet.

Heute sind es noch rund 10 Prozent, nachdem die Fluggesellschaften in den letzten Jahren vermehrt auf leisere Flugzeuge setzten. Ausserdem sollen mit der neuen Gebührenordnung laut Zöchling Nachtflüge stärker belastet werden. Eine Verringerung der Anzahl Flüge in den sensiblen Randstunden sei hingegen für den Flughafen unrealistisch.