Gina Ingold hat für ihren Traumberuf Coiffeuse das Gymi abgebrochen. Und nun, mittlerweile 30, lässt sie sich im Betrieb ihres Vaters zur Gerüstbauerin ausbilden. «Frauen sind noch eine Seltenheit in meinem Beruf, aber das ändert sich», sagt Ingold. Frauen seien heute selbstbewusst genug, um sich in der Baubranche durchzusetzen.

Muskelpakete sind keine Voraussetzung mehr. Maschinen und andere Hilfsmittel erleichtern die Arbeit. Der Körpereinsatz ist zwar nach wie vor hoch. Sicherheitsvorgaben lassen allzu grosse Belastungen aber kaum noch zu. «Was den Frauenanteil betrifft, ist das Baugewerbe im Wandel», sagt Christoph Andenmatten, Präsident von bausinn.ch, einer Organisation, die sich für die Schweizer Baubranche einsetzt. «Frauen sind heute in fast allen Bereichen präsent.»

Mutterschaft – und dann?

Die Unterschiede sind jedoch von Beruf zu Beruf beträchtlich. Während Gina Ingold erst die zweite Gerüstbauerin in der Schweiz ist, gibt es allein im Kanton Zürich mehr lernende Malerinnen als Maler. Der Beruf ist vielseitig und kreativ, man sieht konkret, was man geschaffen hat, und die beruflichen Perspektiven sind da: ob als Tapeziererin, Innendekorateurin oder Baustellenleiterin. Zählt man nur die Lernenden, liegt der Frauenanteil bei den Malern in der Schweiz bei 43 Prozent. Bei den Metallbaukonstrukteuren sind es 10 Prozent, bei den Metallbauern 5 Prozent und bei den Dachdeckern 2 Prozent.

Teils sind es nur vereinzelte Lernende. Doch der Anteil steigt, weil sich immer mehr Frauen in typische Männerberufe hineinwagen. Schweissfachfrau Aimée Schmelzer sagt, das habe auch damit zu tun, dass Mädchen nicht mehr nur mit Puppen spielen und Eltern immer weniger vorgeben, welchen beruflichen Weg ihre Tochter einzuschlagen hat. Das Problem in der Baubranche ist vielmehr, dass viele Frauen nach ihrer Schwangerschaft nicht mehr in den Beruf zurückkehren. Gina Ingold sieht eine Lösung: «Teilzeitpensen würden helfen. Aber es gibt nur wenige Betriebe, die das anbieten. Dabei hätten ja alle etwas davon, wenn ausgebildete Fachfrauen wieder einsteigen.»

Auch das werde sich ändern, glaubt Andenmatten. Denn immer mehr Firmen hätten das Potenzial von Malerinnen, Schweisserinnen oder Dachdeckerinnen erkannt. «Die weiblichen Lernenden sind oft sehr motiviert. Sie entscheiden sich bewusst für diesen Beruf und wählen ihn nicht, weil ihnen wegen schlechter Noten nichts anderes mehr übrig bleibt.»

Debora Musa, Malerin im dritten Lehrjahr, sagt: «Mein Chef stellt auch deshalb weibliche Lernende ein, weil sie Ruhe in den Betrieb bringen. Zudem wenden sich manche Kunden, vor allem Kundinnen, lieber an eine Frau als an einen Mann.» Max Rykart vom Schweizerischen Gerüstbauverband sagt aus eigener Erfahrung: «Mit Frauen im Betrieb wird das Arbeitsklima besser, der Umgang sachbezogener und respektvoller. Es gibt weniger Machtkämpfe.» Tendenziell arbeiteten Frauen auch etwas genauer und gerade unter den Lernenden verfügten sie über mehr soziale Kompetenz. Gina Ingold ist sich aber sicher: «Die besten Teams sind jene, die aus Frauen und aus Männern bestehen.»

Pfiffe, Anmache? Fehlanzeige

Doch ist es für Frauen im Baugewerbe wirklich so einfach, wie es Gina Ingold, Debora Musa und Aimée Schmelzer darstellen? Das Bild vom Bauarbeiter, der flucht, Frauen hinterher pfeift und ihnen harte Arbeit nicht zutraut – alles Klischee? Gina Ingold sagt: «Auf jeden Fall. Ich erlebe auf dem Bau einen respektvollen und kultivierten Umgang. Und es ist an der Zeit, diese Stereotype über Bord zu werfen.»

Eine heile Welt ist die Baustelle natürlich nicht. Das sagt auch Iris Wirz, Geschäftsleiterin von bausinn.ch. Klar müssten sich Frauen teils Sprüche anhören, aber weit weniger als man allgemein annehme – und bestimmt nicht mehr als in anderen Branchen. Und ja, der Umgangston könne mal direkt sein. Aber klare Worte hätten ja auch ihr Gutes: Probleme würden angesprochen und Intrigen vermieden, sagt Wirz: «Der Bau ist jedenfalls keine Welt von Fassaden.»