Man kann durchaus von einem Jahrhundertwerk sprechen: 118 Jahre nach der Eröffnung des Landesmuseums in Zürich ist dessen Erweiterungsbau jetzt fertig. Von der Kür des Siegerprojekts im Architekturwettbewerb 2002 bis zum Spatenstich vergingen zehn Jahre. Nochmals vier Jahre später sind die kühnen Pläne des Basler Architekturbüros Christ & Gantenbein nun realisiert. Gestern gab es bei einem Medienrundgang erstmals Gelegenheit, zumindest Teile des Neubaus von innen und eingerichtet zu erleben: Die Verantwortlichen des Landesmuseums präsentierten dessen neues Studienzentrum.

Morgensonne flutet den Eingangsbereich durch die kreisrunden Fenster des Neubaus, in dem das Zentrum grossteils untergebracht ist. Der graue Sichtbeton kontrastiert mit dem Grün der Bäume und der Limmat draussen im Platzspitz. Schwarze Ledersessel an kleinen Tischchen unter Leselampen laden zum Verweilen oder Studieren. Ein Zeitschriftenregal lockt mit Titeln wie «Neandertaler», «Waffen- und Kostümkunde» bis hin zu «Industriekultur». Doch das ist erst der Anfang. Weiter gehts durch die Bibliothek zu den Sammlungen von Grafik, historischer Fotografie, Münzen, archäologischen Fundstücken bis hin zu den Textilarchiven der Zürcher Seidenindustrie.

Direkter Zugang zu Sammlungen

«Der direkte Zugang zu den Sammlungsobjekten ist der Sinn und Zweck dieses Studienzentrums», sagt Landesmuseums-Direktor Andreas Spillmann. Das Zentrum, das zusammen mit den neuen Museumsräumen ab 31. Juli eröffnet wird, soll es der breiten Öffentlichkeit erleichtern, die Schätze des Landesmuseums zu erkunden. Diese waren bisher, sofern sie nicht gerade in Ausstellungen gezeigt wurden, vorwiegend in den Lagerräumen des Landesmuseums in Affoltern am Albis untergebracht. Nun können Besucher des Museums in Zürich Einblicke in die genannten Sammlungen nehmen. Während die Bibliothek allen offensteht, ist der Zugang zu den Archiven und Sammlungen nur mit Voranmeldung möglich.

Sie bieten dem interessierten Publikum dafür wahre Trouvaillen. Die grafische Sammlung etwa: Darin finden sich unter anderem sogenannte Scheibenrisse aus dem 16. Jahrhundert, also Entwürfe für bemalte Glasscheiben. «Die Kabinettscheiben waren die politischen Bildmedien des 16. Jahrhunderts», erklärt ein Mitarbeiter des Landesmuseums beim Rundgang. Daneben liegen Ansichtspostkarten aus der Zeit um 1900, alte Swissair-Uniform- und Plakatentwürfe sowie Druckvorlagen des Schweizer Grafikers Celestino Piatti, der von 1961 bis 1992 die Bücher des Deutschen Taschenbuchverlags gestaltete.

Im Hochsicherheitstrakt

Weiter sind im Lesesaal mit den grossen Fenstern zur Limmat und zum Platzspitz hin Fotoalben aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert aufgelegt. Diese «Tagebücher des 20. Jahrhunderts» dokumentieren sowohl Alltagsleben als auch historische Ereignisse in Bild und Wort. So fand etwa ein Album eines Pressfotografen Eingang in die Sammlung, der 1912 den Schweiz-Besuch des deutschen Kaisers Wilhelm II fotografisch festhielt.

Im alten Kunstgewerbetrakt des Landesmuseums ist nun die Münzsammlung untergebracht – in einem Hochsicherheitstrakt hinter Safetüren. Die ältesten Münzen in den Schubladen stammen aus dem 7. Jahrhundert vor Christus. Doch die Sammlung, deren Schwerpunkt Schweizer Münzen sind, reicht bis hin zu Banknoten und Kreditkarten der Gegenwart.
Die archäologische Sammlung wiederum umfasst Objekte von der Jungsteinzeit bis ins frühe Mittelalter – Originale und Kopien. Archäologiestudenten können hier künftig Einführungskurse nehmen. Und wer seine Latein-Kenntnisse auffrischen will, kann Gipsabgüsse von Inschriften aus der Römerzeit entziffern.

«Wir wollen unsere Sammlungen noch mehr öffnen für jedermann», sagt Chefkuratorin Heidi Amrein am Ende des Rundgangs. «Ich hoffe, dass wir nicht nur Forschende anziehen, sondern auch sonst interessierte Leute.» Dank dem Erweiterungsbau habe das Landesmuseum nun genug Raum, um sich als zeitgenössisches Museum zu präsentieren. Auch ein richtiges Restaurant im limmatseitigen Kunstgewerbetrakt findet jetzt Platz, ebenso ein grosser Museumsshop und ein Auditorium. 110 Millionen Franken haben Bund, Stadt und Kanton Zürich sowie Private in den Neubau und die Sanierung des Landesmuseums gesteckt. Wer meint, die Zeit der Museumsbaustelle sei nun vorbei, liegt indes falsch: Die Altbausanierung geht noch bis 2020 weiter. Ein Jahrhundertwerk eben.