Zürich
Im Seefeld sollen für 100 Millionen günstige Wohnungen entstehen

Abstimmung Am 14. Juni entscheiden die Stadtzürcher Stimmberechtigten über ein Projekt, mit dem der Stadtrat der Seefeldisierung des Seefelds entgegenwirken will.

Matthias Scharrer
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In der vom Zürcher Stadtrat geplanten Siedlung Hornbach kosten 4,5 Zimmer pro Monat 1670 Franken.Visualisierung zvg

In der vom Zürcher Stadtrat geplanten Siedlung Hornbach kosten 4,5 Zimmer pro Monat 1670 Franken.Visualisierung zvg

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Seit Jahren macht in Zürich das Wort «Seefeldisierung» die Runde. Gemeint ist damit die Verdrängung der weniger gut Betuchten aus bevorzugten Lagen wie dem Seefeld-Quartier. Dort liegt der Anteil gemeinnütziger, also nicht-gewinnorientierter Wohnungen derzeit bei 4 Prozent. Und auf dem sogenannt freien Markt sind Monatsmieten von 4000 Franken für eine 4-Zimmer-Wohnung sind keine Seltenheit.

Nun wollen der Zürcher Stadtrat und die Mehrheit der Parteien Gegensteuer bieten: Für 100,7 Millionen Franken soll an bester Lage im Seefeld die kommunale Wohn- und Gewerbesiedlung Hornbach entstehen – mit Seesicht, gleich angrenzend ans Zürichhorn. Luxuswohnungen auf Kosten der Steuerzahler, argwöhnen die Gegner. Ein Beitrag zur besseren Durchmischung der Stadt und zum Vollzug des erklärten Willens von Volk und Parlament, kontern die Befürworter.

Der rot-grün dominierte Stadtrat beruft sich zum einen auf eine Volksabstimmung aus dem Jahr 2011. Damals hiessen 75 Prozent der Stimmberechtigten das Ziel gut, dass bis 2050 der Anteil gemeinnütziger Wohnungen in Zürich von einem Viertel auf einen Drittel ansteigen sollte. Derzeit liegt er gesamtstädtisch bei 27 Prozent.

Zum anderen forderten bereits im Jahr 2008 Gemeinderäte der CVP und EVP per Motion, im Seefeld mit gemeinnütziger Wohnungsförderung bezahlbaren Wohnraum für Familien zu schaffen. Die Parlamentsmehrheit war dafür, ebenso für das daraufhin vom Stadtrat erarbeitete Projekt der Siedlung Hornbach. Zur Abstimmung kommt es, da in Zürich Ausgaben ab 20 Millionen Franken zwingend vors Volk müssen.

Geplant sind 122 Wohnungen und 23 Gewerbelokale, die die Stadt zum Selbstkostenpreis vermietet; zudem ein städtischer Werkhof zur Bewirtschaftung der Grünflächen am See sowie ein Hort und eine Kindertagesstätte. Die Monatsmiete für eine 4,5-Zimmer-Wohnung von rund 100 Quadratmetern beliefe sich auf 1670 Franken – ein Schnäppchen für Stadtzürcher Verhältnisse, besonders im Seefeld.

«Mit zu tiefen Preisen gerechnet»

Und hier setzt die Kritik der Gegner ein: Die Stadt sollte das Land besser an Private verkaufen, die darauf Wohnungen für gute Steuerzahler bauen könnten, finden FDP und SVP. Mit den Erträgen liesse sich an weniger bevorzugter Lage mehr günstiger Wohnraum schaffen. FDP-Gemeinderat Albert Leiser, der auch Direktor des Hauseigentümerverbands Zürich ist, betont: «Die Stadt hat bei der Siedlung Hornbach mit zu tiefen Preisen gerechnet. Das führt zu Marktverzerrungen und enormen Kosten für die Steuerzahler.»

Ganz anders sieht es SP-Nationalrätin Jacqueline Badran: «Am Projekt Hornbach verdient die Stadt Zürich viel Geld. Die Investitionen sind vollständig durch die Mieterträge refinanziert und die hohen Wertsteigerungen der Immobilie bleiben im Volksvermögen.» Für das Projekt haben sich SP, Grüne, GLP, AL, CVP und EVP ausgesprochen.

Vom 100-Millionen-Kredit würden rund 60 Millionen Franken für den Bau der Wohnungen benötig. Der Rest des Kredits umfasst im Wesentlichen die Baukosten für die Gewerbelokale, den Werkhof, die Kinderbetreuungseinrichtungen, Parkplätze sowie den Landwert. Ein Drittel der Wohnungen wird subventioniert, und zwar mit Geldern, die ohnehin schon bewilligt sind. Die subventionierten Wohnungen sind Haushalten mit geringem Einkommen vorbehalten.

«Mieteinnahmen decken Kosten»

Für die anderen zwei Drittel der Wohnungen gilt das Prinzip der Kostenmiete. Das heisst: «Die Mieteinnahmen decken Bau, Betrieb, Kapitalkosten und Unterhalt vollständig», so Patrick Pons, Sprecher des Stadtzürcher Finanzdepartements.

Bei der Vergabe der nicht subventionierten Wohnungen stehen zwei Kriterien im Vordergrund: Pro Wohnung darf die Anzahl Bewohner höchstens um eins unter der Anzahl Zimmer liegen; eine 4-Zimmer-Wohnung muss also von mindestens drei Personen bewohnt werden. Zudem will die Stadt auf ein angemessenes Verhältnis zwischen Einkommen und Miete achten. Ferner wird gemäss Pons eine gute Durchmischung verschiedener Altersgruppen, Haushaltsformen und Nationalitäten angestrebt, ausserdem werden auch die Dringlichkeit der Wohnungssuche und der Quartierbezug berücksichtigt.

Die Vergabepraxis bei städtischen Wohnungen hatte in der Vergangenheit wiederholt zu Kritik geführt. Auch im laufenden Abstimmungskampf wird von FDP- und SVP-Vertretern bezweifelt, dass die Wohnungen denjenigen zugutekämen, die tatsächlich darauf angewiesen wären.

Eine revidierte Verordnung über die Grundsätze der Vermietung städtischer Wohnungen hat der Zürcher Stadtrat im vergangenen Dezember ans Stadtparlament überwiesen. Darin werden zum einen die von Pons erwähnten Kriterien festgehalten. Zum anderen will der Stadtrat damit neu festlegen, dass die Einhaltung der Vermietungsvorschriften alle zwei Jahre überprüft wird. Letzteres war bislang bei nicht-subventionierten städtischen Wohnungen unüblich. Die Verordnung ist im Parlament hängig.