Winterthur
Im Quartierladen flog er auf – trotzdem ist er kein Ladendieb

Ein Familienvater musste sich vor dem Bezirksgericht Winterthur verantworten, weil er in einer Coop-Filiale Waren für rund 350 Franken an der Self-Check-out-Kasse nicht bezahlt hatte.

Mirjam Fonti
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Der Fall wurde am Bezirksgericjht Winterthur verhandelt.

Der Fall wurde am Bezirksgericjht Winterthur verhandelt.

Keystone

Es sei eine miserable Woche gewesen. «Ich musste als Kadermitglied im Betrieb Leute entlassen, mir stand eine Operation bevor, und in unserer Beziehung kriselte es.» Es sei ihm nicht gut gegangen an jenem Freitagabend, erklärte der Angeklagte, ein Familienvater und Betriebsökonom mit gut bezahltem Job, vor dem Bezirksgericht Winterthur. Trotzdem habe er am Abend nach der Arbeit wie üblich im Quartier-Coop noch den Familieneinkauf erledigt.

Die Artikel scannte er mit dem Self-Scanning-System Passabene. Allerdings nicht alle. Das fiel einer Mitarbeiterin auf. Sie informierte den Chef. Dieser fing den Mann nach der Kasse ab. 18 Artikel hatte der Kunde nicht gescannt. Der Gesamtwert dieser Waren, vor allem Fleisch und Wurst, lag bei 350 Franken. Der Filialleiter liess die Polizei kommen, der Beschuldigte musste sich vernehmen lassen. Gestern nun stand er vor dem Bezirksgericht. Die Staatsanwaltschaft beantragte, ihn wegen Diebstahls mit einer Geldstrafe und einer Busse zu belegen.

Gekühlte Waren vergessen

Bei der Befragung wollte der Richter genau wissen, weshalb der Angeklagte nicht alle Artikel gescannt habe. Die Erklärung wirkte abenteuerlich. «Ich verwende eine Kombination der vorhandenen Scanning-Systeme. Ungekühlte Ware scanne ich jeweils sofort mit dem Passabene-System, für die gekühlten Waren nutze ich dann ganz zum Schluss das Self-Check-out.» Und diesmal habe er die Tasche mit den gekühlten Waren schlicht vergessen. «Ich hatte den Kopf nicht bei der Sache», erklärte der Mann. «Ist Ihnen beim Zahlen denn nicht aufgefallen, dass der Betrag viel zu tief war für die vielen Waren?» Gescannt hatte er nämlich nur Artikel im Wert von 82 Franken. Nein, das habe er nicht bemerkt. «Ich schaute den Zettel gar nicht an, ich war mit den Gedanken woanders.»

Laut dem Richter zeigte die Überwachungskamera, dass der Angeklagte beim Einkaufen Musik gehört hatte. «Hat Sie das abgelenkt?», fragte der Richter. «Ja, ich wollte einfach abschalten.» Weshalb er sich denn entschieden habe, die beiden Systeme Passabene und Self-Check-out zu kombinieren, fragte er weiter. «Ich machte das früher schon so.» Auf den Einwand des Richters, das sei eher ungewöhnlich, meinte der Angeklagte: «Ich sage nicht, dass es sinnvoll war, aber ich habe es einfach so gemacht.» Nachdem der Filialleiter ihn angesprochen habe, habe er sich mehrfach entschuldigt, so der Angeklagte. «Es war mir gar nicht recht.» Auch die Umtriebsentschädigung habe er sofort bezahlt.

In die betreffende Coop-Filiale gehe er seither aber nicht mehr. «Ich schäme mich zu sehr.» In anderen Coop-Läden kaufe er aber immer noch ein. Denn Coop hob das damals ausgesprochene Hausverbot wieder auf, nachdem sich der Angeklagte schriftlich entschuldigt hatte. Coop machte auch keine Zivilansprüche geltend. Im Gegenteil, es liegt sogar eine sogenannte Desinteresse-Erklärung von Coop vor.

Die Zahlung schlicht vergessen

Der Anwalt plädierte auf Freispruch. Er fand, das Bezirksgericht hätte sich gar nie mit dem Fall beschäftigen dürfen. Er verstehe nicht, weshalb die Staatsanwaltschaft trotz Desinteresse-Erklärung von Coop an der Anklage festgehalten habe. Es sei klar, dass der Angeklagte das Zahlen aufgrund der widrigen Umstände, mit denen er zu kämpfen hatte, schlicht vergessen habe. «Er hat sich noch nie etwas zuschulden kommen lassen und ein Strafregistereintrag wäre eine riesige Katastrophe für ihn.» Sein Arbeitgeber verlange regelmässig Strafregisterauszüge und bei einem Eintrag würde der Mann seine Anstellung verlieren. «Niemals hätte er das wegen einer so geringen Summe bewusst aufs Spiel gesetzt.» Zudem verdiene der Angeklagte gut, hätte die Waren also problemlos zahlen können. «Es fehlt an einem Motiv.» Ebenso fehle der Vorsatz. Nie habe die Absicht bestanden, sich eine fremde Sache anzueignen. «Es war reine Fahrlässigkeit. Würde der Angeklagte verurteilt, müsste jeder Konsument, der Self-Scanning nutzt, mit einer Anzeige wegen Diebstahls rechnen, wenn beim Scannen etwas vergessen geht.» Er plädiere daher auf Freispruch. Gerichtsgebühren und Anwaltskosten seien zu übernehmen und dem Angeklagten sei eine Entschädigung zuzusprechen.

Der Richter folgte der Argumentation des Anwalts und sprach den Mann vom Diebstahl frei. «Es lässt sich nicht nachweisen, was Sie sich genau überlegt haben. Wir können uns nur auf Indizien stützen», sagte der Richter. Und aufgrund der geschilderten Umstände und der widerspruchsfreien Aussagen gebe es Zweifel an der Schuld. «Sie hatten kein Motiv. Und da eine Strafe für Sie grosse Konsequenzen hätte, glaube ich nicht, dass Sie bewusst vorgegangen sind.»

Ganz einzuleuchten schienen die Erklärungen des Angeklagten dem Richter aber nicht. Die Begründung, er habe die beiden Scanning-Systeme gemischt, töne eher nach einer Ausrede. Und das Mass der Unkonzentriertheit sei doch sehr gross gewesen. «Da aber auch Coop glaubt, dass der Angeklagte nicht absichtlich gehandelt hat, haben wir im Zweifel für ihn entschieden.» Die Kosten für das Verfahren und den Anwalt müsse er aber selber tragen. Sein Verhalten sei trotz allem rechtswidrig und schuldhaft gewesen. Auch eine Entschädigung erhält der Angeklagte nicht.

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