Tschetschenische Familie
Im Privatjet nach Russland: 100'000 Franken teure Ausschaffung sorgt für Kritik

Die tschetschenische Familie aus Kilchberg befindet sich wieder in Grosny. Die Ausschaffung sorgte von allen Seiten für Kritik, auch wegen der hohen Kosten: 100'000 Franken soll sie insgesamt gekostet haben.

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Viereinhalb Jahre hatte die sechsköpfige Familie aus Tschetschenien in Kilchberg gelebt, bevor sie am vergangenen Donnerstagmorgen, 9. Juni, endültig ausgeschafft wurde. Mit dem Privatjet ging es erst nach Moskau, mittlerweile befindet sich die Familie wieder in Grosny.

Der Flug zurück im Privatjet und der Einsatz von über einem Dutzend Beamten bei der Ausschaffung soll rund 100'000 Franken gekostet haben, was im Zürcher Kantonsrat von linker und rechter Seite für Kritik sorgte.

Jürg Trachsel bemängelt das hohe Beamtenaufgebot: In der Schweiz werden Psychologen, Ärzte und Polizei gebraucht. "In anderen Ländern würden sie sie einfach fesseln und ins Flugzeug verfrachten.", sagt der SVP-Kantonsrat gegenüber "TeleZüri".

Gemäss einer Mitteilung des Staatssekretariats für Migration sei die Ausschaffung per Linienflug in diesem Fall in der Tat nicht möglich gewesen. "Die für den Flug angemeldete Familie hatte sich zu einem fürheren Zeitpunkt bereits die Ausreise per Linienflug verweifert und sich später der Rückführung in einem ersten geplanten Sonderflug entzogen.", schreibt das Sekretariat gemäss "TeleZüri". Aus Sicherheits- und privatrechtlichen Gründen habe ein Privatjet organisiert werden müssen.

Familie war gut integriert

Auch AL-Kantonsrat Markus Bischoff kritisiert die teure Ausschaffung – wenn auch aus anderen Gründen: "Wir schaffen für viel Geld Familien aus, die seit mehreren Jahren hier leben, deutsch sprechen, integriert sind." Dies zeige, wie unhaltbar die betriebene Politik sei. "Das ist eine leicht schizophrene Politik", findet er.

Die Familie galt als gut integriert in der Kilchberger Gemeinde. Sogar ein Unterstützungskomitee hatte sich formiert, um gegen die mehrmals versuchte Ausschaffung vorzugehen. Ronie Bürgin von "Hier zuhause" steht im Kontakt mit der ausgeschafften tschetschenischen Familie M. aus Kilchberg. Seine Tochter ist die beste Freundin der 12-jährigen Marha M. Die Familie sei erschöpft, traurig und habe Angst, so Bürgin.

Ronie Bürgin vom Komitee "Hier zuhause" im Interview

Herr Bürgin, wo befindet sich die sechsköpfige Familie M. jetzt?

Ronie Bürgin: Nach einer 35-stündigen Busfahrt ab Moskau nach Grosny ist die Familie jetzt in einer Stadt in der Nähe von Grosny angelangt. Sie befindet sich in einer Wohnung, die aber noch nicht eingerichtet ist.

Weshalb hat sich Familie M. für diesen Ort entschieden?

Sie kann nicht in das Dorf zurück, aus dem sie stammt, das Risiko wäre zu gross. Sie wohnt jetzt in der Nähe von Verwandten, den Grosseltern der Kinder.

Wie geht es der Familie?

Als wir das letzte Mal von ihnen gehört haben, ging es ihnen den Umständen entsprechend. Sie sind erschöpft, traurig und haben Angst davor, dass die Regierung den Vater verhaftet. Die Familie hätte keine Möglichkeit, irgendwohin zu reisen. Sie hat ein mehrjähriges Einreiseverbot in den ganzen Schengen-Raum. Und wenn nur der Vater flüchtet, müsste womöglich der älteste Sohn Anvar Repressionen fürchten.

Ist es nicht ein Risiko, dass die Familie so nah an ihren Herkunftsort zügelt?

Das ist für mich auch schwierig nachvollziehbar. Sie hoffen wohl auf den Rückhalt der Familie, falls der Vater wieder verhaftet wird.

Gibt es jemanden, der die Familie an ihrem neuen Wohnort unterstützt?

Wir vom Komitee haben zusammen mit der reformierten Kirche Kilchberg alles Nötige organisiert. Das Hotel in Moskau, die Busfahrt nach Grosny und die Wohnung. Ausserdem haben wir eine private Kontaktperson etabliert, die in Grosny lebt.

Ihre elfjährige Tochter Melanie ist die beste Freundin der zwölfjährigen Marha. Wie verkraftet sie das Ganze?

Nicht so gut. Aus meiner Sicht als Vater hat das damit zu tun, wie die Ausschaffung abgelaufen ist. Für sie ist es unbegreiflich und ungerecht, dass eine Freundin der Gesellschaft auf diese Weise entrissen wird. Mit dieser Form unseres Staates in Kontakt zu kommen, ist ein Erlebnis, das ihr zu schaffen macht. Es ist nicht einfach so, dass eine Freundin an einen anderen Ort zügelt. Sie zieht an einen Ort, von dem man viel Schlechtes hört und der es schwierig macht, in Kontakt zu bleiben.

Besonders die Mädchen werden sich in der islamisch geprägten Republik an eine andere Lebensweise gewöhnen müssen.

Ja, sie werden keine kurzen Hosen mehr tragen können. Ab jetzt tragen die Mädchen Kopftücher und Röcke, das wird in Tschetschenien behördlich kontrolliert. Sie haben deshalb auch sämtliche Hosen in Kilchberg ¬gelassen und nur gerade für die Reise welche angezogen.

Die Mädchen werden vorerst nicht zur Schule gehen können, weil ihre Russischkenntnisse zu gering sind. Nehmen sie Sprachkurse?

Ja, das haben wir auch organisiert. Anvar, der 15-jährige Sohn, kann natürlich ein wenig Russisch. Aber Marha, die elfjährige Linda und der vierjährige Mansur sprechen gar kein Russisch, nur Tschetschenisch.

Werden Sie Familie M. in Tschetschenien besuchen?

Natürlich haben wir vor, die Familie in Tschetschenien zu besuchen. Was für uns aber als Erstes im Zentrum steht, ist, ein Härtefallgesuch zu stellen. Parallel dazu halten wir den Kontakt zur Familie, damit wir wissen, wie es um sie steht. Eine Reise nach Tschetschenien ist sehr gefährlich und müsste gut organisiert sein, denn das EDA stuft Tschetschenien als Hochrisikoland ein. (Rahel Urech)