Die Tür ist zu, eine Notiz verkündet: Am 24. März ist Abschiedsparty im «La Catrina». Während zehn Jahren war die mexikanisch angehauchte Bar im Langstrassenquartier donnerstags eine Anlaufstelle für Konzertgänger; freitags und samstags sorgten dann jeweils DJs für Stimmung bis spät in die Nacht. Nun hat Wirt Patrick Häberlin die Bar verkauft, wie er auf Anfrage sagt. «Zu viel Arbeit», erklärt er. Zwar werde das Restaurant weitergeführt, doch dass seine Nachfolger den Konzertbetrieb im gleichen Umfang fortsetzen, sei eher unwahrscheinlich.

Konzertlokale verstummten im Langstrassenquartier in letzter Zeit öfters: Vergangenen Herbst wurde bekannt, dass das nahe der Bäckeranlage gelegene «Kafi für Dich» sein Konzertprogramm einstellen musste. Grund waren Lärmklagen aus der Nachbarschaft. Die Behörden stellten daraufhin fest, dass die Bausubstanz «nicht geeignet sei für den vorgesehenen Betrieb von Live-Musik-Events mit angrenzender Wohnnutzung», wie die «NZZ» berichtete. Die für Konzerte nötige Spezialbewilligung fehle. Die Live-Musik im «Kafi für Dich», die aus Rücksicht auf die Nachbarn ohnehin schon gedämpft war und um 22 Uhr aufhörte, verstummte nach sieben Jahren kultureller Aufbauarbeit nun gezwungenermassen ganz.

Beliebt bei Konzertgängern an Zürichs Ausgehmeile Nummer 1 war auch die Bar des Hostels «Langstars». Sie schloss vergangenen September. Die Miete von fast 30 000 Franken pro Monat für das Gebäude sei ihm langfristig zu hoch gewesen, sagte Betreiber Lukas Hofstetter damals zu «20 Minuten». Er zügelte sein Hostel ins Niederdorf – allerdings ohne Konzertbetrieb.

Drei Fälle, drei Geschichten. Doch lässt sich daran ein Trend erkennen? Ist die Langstrasse für kleine Musiklokale kein gutes Pflaster mehr? Um die Frage zu beantworten, lohnt es sich, etwas weiter in die Geschichte zurückzublicken. Zu Beginn des Jahrtausends war das Langstrassenquartier noch stark vom Rotlicht- und Drogenmilieu beherrscht. Wer damit nichts anfangen konnte, mied diese sogenannte Sündenmeile.

«Langstrasse plus»

Dann begann die Stadt, das Quartier sukzessive aufzuwerten: Sie lancierte dafür das Projekt «Langstrasse plus»; kaufte Häuser, um sie dem Rotlichtmilieu zu entziehen; schickte vermehrt Patrouillen der Polizei und der eher sozialarbeiterisch ausgerichteten Eingreiftruppe Sip in die Gegend.

Gleichzeitig wurde das Langstrassenquartier allmählich hip. Kulturveranstalter, die auf günstige Nischen setzten, entdeckten es – und trugen zur Aufwertung bei. So führte Esther Eppstein an der Langstrasse bis 2015 während acht Jahren den Kunst- und Performance-Salon «Perla-Mode». Zahlreiche kleine Läden der Kreativwirtschaft, von Modemacherinnen bis hin zu Konzertveranstaltern, siedelten sich an – und machten die Gegend nicht nur trendy, sondern auch teurer.

Parallel dazu entdeckte das Partyvolk das Langstrassenquartier immer mehr. Zwar war die Gegend schon immer auch ein Ausgeh-Ort. «Aber jetzt kommen viel mehr Leute als vor fünf, sechs Jahren», sagt Alexandra Heeb. «Man geht aus der halben Schweiz an die Langstrasse.» Heeb leitet das Projekt «Nachtleben», das der Stadtrat lancierte, um die zunehmenden Konflikte zwischen Anwohnern und Ausgehvolk zu entschärfen. Drei «Runde Tische» mit Quartierbewohnern, Bar- und Clubbetreibern sowie Behördenvertretern fanden im Rahmen des Projekts bis Herbst 2016 statt. Die Diskussion um Lärm wurde auch in den Medien vermehrt geführt. Heeb sagt: «Mir ist in der letzten Zeit kein Betrieb bekannt, der wegen Lärmklagen schliessen musste.» Die Gegend rund um die Langstrasse sei «extrem dynamisch», was Bars und Clubs betreffe: «Lokale wechseln rasch die Hand.» Dahinter steckten jeweils auch individuelle Geschichten.

Steigende Mieten

Doch eine Tendenz sei klar erkennbar: steigende Mieten. «Und offenbar gibt es kommerzielle Betreiber, die das bezahlen können und wollen», so Heeb. Das mache es für Veranstalter von Nischenangeboten wie kleinen Konzerten schwer, sich im Langstrassenquartier zu halten.

Sinnbildlich für den Wandel der Ausgehmeile Langstrasse steht ein Grossprojekt, das dem Quartier schon bald ein neues kulturelles Zentrum verleihen will: das Kulturhaus «Kosmos» an der Ecke Langstrasse/Europaallee. Der derzeit entstehende Neubau soll auf einer Fläche von knapp 5000 Quadratmetern sechs Kinos, eine Bühne für Literatur, Musik und Stand-up-Comedy, ein grosses Restaurant, eine Bar und einen Buchsalon umfassen, zudem rund 550 Quadratmeter Büro- und Sitzungsräume. Die Eröffnung ist im kommenden September geplant.

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