«Was mir hier gefällt: Die Frauen und Männer sind motiviert, Deutsch zu lernen.» Heinrich, pensionierter Primar- und Kleinklassenlehrer, nimmt mit dem Dutzend Kursteilnehmer den Genitiv durch. «Die Brille des Vaters ist in der Pfanne», heisst es auf einem Blatt Papier. Der Satz ist nicht besonders sinnvoll, man lacht am Tisch, aber der Genitiv stimmt.

Zwei Stunden Sprachunterricht

An den vielen Tischen im Saal sitzen Flüchtlinge aus Afghanistan, Tibet, Bosnien, Sri Lanka oder der Mongolei. Sie sind aus allen Teilen des Kantons und von weiter her ins Kirchgemeindehaus Aussersihl gekommen, um zwei Stunden lang einen Sprachunterricht zu besuchen. Und um 12 Uhr wird für alle ein Essen serviert.

150 bis 200 Personen

Ursprünglich, erzählt Marianne, die schon beim Start vor vier Jahren dabei war und ebenfalls unterrichtet, hatte man Migranten aller Kategorien, ob mit oder ohne Papiere, gratis einen Mittagstisch angeboten. Das hat sich rasch herumgesprochen und zu immer grösserem Andrang geführt. Und weil sich immer mehr Leute schon um 10 Uhr einfanden, kam man auf die Idee, für sie einen Deutschkurs anzubieten. Heute kommen regelmässig 150 bis 200 Personen, um ihr Deutsch zu verbessern.

«Es ist unerhört wichtig, dass ich besser Deutsch lerne», sagt ein junger Tibeter am Tisch von Marianne, der hofft, hier in der Schweiz eine Arbeit zu finden. Jetzt versucht er, die richtigen Adjektivendungen in Beispielsätze einzusetzen.

Gefahr der Langeweile

Über persönliche Probleme redet man in der Unterrichtsstunde allerdings nicht. Für Ruth Schucan, Ansprechperson für alle hier im Kirchgemeindehaus, ist es wichtig, den Migranten Aufmerksamkeit und Zuwendung zu schenken. Weil sie nicht arbeiten dürfen, bestehe die Gefahr der Langeweile. Das Solinetz gibt ihnen Struktur. Einige machen auch in der Theatergruppe oder in einem Chor mit.

«Oft ist es auch schon wichtig, dass die Leute sehen, dass sie nicht alleine sind», sagt Schucan. Früher war sie als Sportlehrerin tätig und arbeitete mit Behinderten. Sie freut sich, dass sich immer wieder neue Freiwillige melden, die sich engagieren wollen. «Man muss sich allerdings daran gewöhnen, dass es hier oft etwas laut und chaotisch zu- und hergeht», merkt sie an. «Das muss man aushalten können.»

Alle Altersklassen

Die Freiwilligen sind etwa zu zwei Dritteln Pensionierte, zu einem Drittel Studierende. Manche haben früher unterrichtet oder befinden sich in einer entsprechenden Ausbildung, aber eine Bedingung fürs Mitmachen ist das nicht. Als Schulmaterial gibt es Blätter zum Ausfüllen oder Bücher mit Comics. Das Spektrum der Kursteilnehmer reicht vom Analphabeten, etwa einem jungen Burschen, der von früher Jugend an auf der Flucht war und nirgends eine Schule besuchen konnte, bis zum ausgebildeten Mediziner, der aber in der Schweiz nicht als Arzt arbeiten darf. Es sind alle Altersklassen vertreten.

Kleiner Obolus

Manchmal ist es für die Schüler ein Problem, die Fahrkosten nach Zürich aufzutreiben. Wer regelmässig in der Küche oder beim Abräumen mithilft, erhält dazu einen kleinen Obolus.

Geld ist beim Solinetz nicht im Überfluss vorhanden. Küchenchef Paul Maier und seine Crew müssen für den Mittagstisch im Kirchgemeindehaus Aussersihl mit 200 Franken bis zu 200 Essen kochen. Fleisch gibt es selten, aber immer wird auch ein vegetarisches Menü angeboten.

Diesmal bleibt kaum ein Krümel übrig. Im Nu sind die Tische und Stühle wieder verräumt, eine Stunde nach Beginn der Essensausgabe deutet nichts mehr darauf hin, dass sich hier 200 Personen verköstigt haben.