Diskriminierung?

Im Kampf um mehr Lohn für KindergärtnerInnen: Aargauer richteten anders als Zürcher

Auf der Kindergartenstufe verdienen Lehrpersonen im Kanton Zürich deutlich weniger als in der Primarschule. Symbolbild: AZ/Archiv

Auf der Kindergartenstufe verdienen Lehrpersonen im Kanton Zürich deutlich weniger als in der Primarschule. Symbolbild: AZ/Archiv

Während Kindergärtnerinnen und Kindergärtner im Aargau vor Verwaltungsgericht Lohnnachzahlungen von 12,5 Millionen erkämpften, gingen sie im Kanton Zürich leer aus. Die Gründe.

«Wir werden schon im nächsten Schuljahr zu wenig Kindergärtnerinnen haben», prophezeit Brigitte Fleuti, die Präsidentin des Verbands Kindergarten Zürich. Zusammen mit der Gewerkschaft VPOD und dem Zürcher Lehrerverband hatte ihr Verband vor dem kantonalen Verwaltungsgericht höhere Löhne für die Kindergärtnerinnen und Kindergärtner eingefordert – ohne Erfolg: Den Vorwurf der drei Organisationen, die Entlöhnung der Kindergartenlehrpersonen sei geschlechtsdiskriminierend, wies das Gericht ab.

Ganz anders im Kanton Aargau. Dort kamen Verwaltungsrichter nach einer Lohnklage vor zwei Jahren zum Schluss, das Lohnsystem der kantonalen Verwaltung weise geschlechterdiskriminierende Elemente auf und müsse angepasst werden. Der Kanton Aargau leistete schliesslich rückwirkend auf den August 2011 Lohnnachzahlungen in der Höhe von 12,5 Millionen Franken. Die Löhne der Kindergärtnerinnen und Kindergärtner werden dazu bis 2018 schrittweise an jene der Lehrer auf Primarstufe angepasst.

Abakaba zählte nur teilweise

Die Aargauer Lohnklage erfolgte nach der Revision des Lohndekrets für Lehrpersonen im Jahr 2011. Der Aargauer Lehrerverband stellte damals fest, dass die Löhne des Lehrpersonals anders berechnet wurden als bei anderen Verwaltungsangestellten. Statt sich nur auf das anerkannte Arbeitsplatzbewertungssystem Abakaba zu stützen, zog der Kanton bei der Lohnansetzung der Lehrpersonen auch durchschnittliche Marktlöhne und das bisher angesetzte Lohnniveau hinzu. Abakaba wurde bei der Beurteilung nur zu 12,5 Prozent gewichtet. Damit würden die niedrigeren Löhne der Frauen in Kindergarten und Primarschule zementiert und dem Gleichstellungsgesetz zuwider gehandelt, monierte der Lehrerverband. Zumindest in Bezug auf die Kindergarten-Lehrpersonen folgte das Verwaltungsgericht dieser Argumentation. Da in Kindergärten vor allem Frauen angestellt sind und sich die Berücksichtigung von Marktwert und Ist-Löhnen bei ihnen besonders negativ auswirkten, befanden die Richter, das Lohnsystem sei indirekt diskriminierend.

Im Kanton Zürich werden alle Verwaltungsstellen gemäss einer sogenannt «vereinfachten Funktionsanalyse» bewertet und darauf basierend einer Lohnklasse sowie einer Richtposition zugeordnet. Die Entlöhnung der Kindergärtnerinnen geht noch auf ein Verwaltungsgerichtsurteil von 1999 zurück. Im Vorfeld der aktuellen Lohnklage verlangten die Lehrer- und Kindergartenverbände deshalb eine Neubewertung, wie sie im Aargau 2011 vorgenommen wurde. Der Kanton versagte ihnen dies jedoch: «Wir prüften die Löhne der Kindergärtnerinnen intern und kamen zum Schluss, dass sie nicht diskriminierend sind», sagt Bettina Gubler, Personalbeauftragte der Bildungsdirektion.

87 Prozent sind Vollzeitpensum

Sehr wohl als diskriminierend empfanden hingegen die Zürcher Kindergärtnerinnen, dass ihr Lohn noch immer auf der Grundlage eines Arbeitspensums von 87 Prozent errechnet wird, wie dies im kantonalen Personalgesetz 1998 festgehalten wurde. Begründet wurde dies damals damit, dass Kindergarten-Lehrpersonen für ein Vollpensum 23 Wochenlektionen zu halten haben, während die Primarlehrer deren 28 leisten müssen. Das Verwaltungsgericht erachtet dies im aktuellen Urteil noch immer als richtig und verweist darauf, dass den Kindergärtnerinnen «genügend Zeit eingeräumt werde, um ihrer Lektionenverpflichtung nachzukommen». Dem widerspricht der Kindergarten-Verband. Dieses Pensum reiche längst nicht mehr aus, um die Aufgaben der Kindergärtnerinnen zu bewältigen, sagt Fleuti: «Als dies in den Neunzigerjahren festgelegt wurde, haben wir es akzeptiert. Aber seither kamen für die Lehrpersonen viele Zusatzaufgaben dazu.» Dass das Verwaltungsgericht zu einem anderen Schluss kam, ist für die Kindergarten-Präsidentin nicht verständlich: «Unser Beruf wird zu einem Teilzeit-Job degradiert. Viele von uns sind auf die 13 Prozent Lohn, die man uns abspricht, angewiesen.»

Zu einer gänzlich anderen Einschätzung als die Richterkollegen im Kanton Aargau kommt das Zürcher Verwaltungsgericht in Bezug auf die Ausbildungsanforderungen an die Kindergärtnerinnen. In beiden Kantonen müssen sie seit einigen Jahren eine Ausbildung auf Stufe Bachelor absolvieren. Während das Aargauer Gericht dem Kanton auftrug, die gestiegenen Ausbildungsanforderungen im Rahmen der im Urteil geforderten Besoldungsrevision zu berücksichtigen, befand das Zürcher Verwaltungsgericht, die Ausbildungsanforderungen seien nicht massgeblich gestiegen. Es verweist darauf, «dass Ausbildungen nicht schon deswegen gleichwertig sind, weil sie mit einem Bachelor abschliessen» würden. So müssten angehende Kindergärtner und Kindergärtnerinnen für die Zulassung zur Ausbildung etwa keine Maturität, sondern nur einen Fachmittelschulabschluss vorweisen können. Insgesamt erweise sich die Lohneinstufung «deshalb auch zum heutigen Zeitpunkt noch als sachgerecht».

Der Zürcher Kindergartenverband befürchtet aber, dass der Bestand an Kindergärtnerinnen im Kanton massiv schwinden wird. Einerseits durch Abwanderung in die umliegenden Kantone, andererseits aber auch, weil Lehrpersonen mit Ausbildung für Kindergarten und Unterstufe künftig eher zweitere Funktion wählen könnten. Der Verband zeigt sich deshalb kämpferisch. Man prüfe einen Weiterzug des Entscheids an das Bundesgericht, sagt Fleuti.

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