Analyse

Im flauen Endspiel um ein Zürcher Fussballstadion naht die Nachspielzeit

Das Hardturm-Ensemble: Hochhäuser, Stadion und Genossenschaftssiedlung.

Das Hardturm-Ensemble: Hochhäuser, Stadion und Genossenschaftssiedlung.

Der Abstimmungskampf um ein neues Fussballstadion auf dem Zürcher Hardturmareal geht zu Ende. Es ist ein Endspiel um die letzte Chance. Zürich sollte sie nutzen.

Am 27. September stimmt das Stadtzürcher Stimmvolk über den Bau eines Fussballstadions auf dem Hardturmareal ab. Einmal mehr. Es ist die vierte Volksabstimmung innert 20 Jahren zu diesem Thema. Und es dürfte die letzte Chance sein, auf dem traditionsreichen Fussballstandort ein neues Stadion zu bauen.

Alle möglichen Varianten wurden schon durchgespielt: 2003 kam ein privat finanziertes Stadion mit Einkaufszentrum vors Volk. Das Volk stimmte zu. Die Investoren liessen das Projekt jedoch nach jahrelangem Rechtsstreit mit Umweltschützern und Anwohnern fallen. 2013 stand ein städtisch finanziertes Stadion zur Debatte, ergänzt mit gemeinnützigen Wohnungen. Die Wohnungen wollte das Volk, doch die Stadionfinanzierung aus der Stadtkasse lehnte es knapp ab. 2018 sprach sich das Stimmvolk dann für das Projekt Ensemble aus, das nun wegen eines Referendums gegen den Gestaltungsplan erneut zur Abstimmung kommt. Zwei kommerziell zu vermietende, 137 Meter hohe Hochhäuser sollen das Fussballstadion mit 18000 Zuschauerplätzen querfinanzieren. Dazu käme auf der anderen Stadionseite die schon 2013 angenommene Genossenschaftssiedlung.

Das Ensemble ist die Synthese aus 20 Jahren Zürcher Stadiondiskussionen: Privat finanziert, nämlich durch die Immobiliengesellschaft HRS und Anlagegefässe der Credit Suisse (CS); ergänzt mit gemeinnützigen Wohnungen der Genossenschaft ABZ. Und in der Mitte entstände das von vielen Fussballfans ersehnte Stadion mit steilen Tribünen fast bis zum Spielfeldrand. Die Profiklubs FCZ und GC, die darin spielen würden, erklären es für überlebenswichtig. Sie erhoffen sich mehr Einnahmen, da sie künftig nicht mehr Mieter im städtischen Letzigrund, sondern Stadionbetreiber wären – und da ein reines Fussballstadion mehr Fans anlocken würde als der luftige Leichtathletik-Letzigrund.

Der Abstimmungskampf ist auch für die Klubs ein Spiel der letzten Chance. Nicht nur, weil alle möglichen Varianten für ein Zürcher Fussballstadion seit 2003 schon durchgespielt wurden. Sondern auch, weil die CS ein Rückkaufsrecht für das an die Stadt verkaufte Areal hat, sollte dort bis 2035 kein Stadion entstehen.

Trotz dieser Endspielsituation blieb der Abstimmungskampf seltsam flau. So beschlossen SP und AL zwar die Nein-Parole, wollten diese aber aus Respekt vor dem Volksentscheid von 2018 nicht offensiv vertreten. Auch die Coronakrise hat den Abstimmungskampf wohl abgedämpft: Die Leute haben zurzeit andere Sorgen als einen Stadionbau. Und in Zeiten von Geisterspielen wirkt die Vorstellung eines Hexenkessels mit dicht besetzten Tribünen irgendwie unzeitgemäss. Doch Corona wird nicht ewig dauern, soviel Vertrauen in die moderne Medizin darf man haben. Und Fussball dürfte auch in Zukunft ein wichtiger gesellschaftlicher Integrationsfaktor sein. Daher sollte Zürich diese Chance nutzen.

Der flaue Abstimmungskampf ist aber auch vor dem Hintergrund der langjährigen Zürcher Stadiondiskussionen erklärbar. Denn es scheint absehbar: Auch wenn das Volk erneut zustimmt, könnten die Ensemble-Kritiker rekurrieren und lange Rechtsstreitigkeiten auslösen.

Das mag demokratiepolitisch fragwürdig sein. Doch Angriffsflächen bietet das Projekt zu Genüge: Ist es städtebaulich legitim, zwei Hochhäuser zu erstellen, die weit über die ansonsten ortsüblichen Gebäudehöhen hinausgehen, um ein Stadion zu finanzieren? Darf man in Zeiten des Klimawandels im ohnehin schon betonlastigen Zürich-West ein Areal wie die Stadionbrache zubetonieren – ein Areal, das sich in den letzten Jahren zu einer grünen Oase entwickelt hat? Solche Fragen haben die IG Freiräume bewogen, das Referendum gegen den Ensemble-Gestaltungsplan zu ergreifen. Umstritten ist zudem, ob die von den Investoren angestrebte Anzahl Hochhaus-Wohnungen an einer derart verkehrsreichen Lage rechtlich zulässig ist. An Stoff für weitere Zürcher Stadiondiskussionen wird es auch nach dem 27. September nicht mangeln.

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