222'249 Wohnungen zählte Statistik Stadt Zürich Anfang 2018 auf städtischem Boden. Damit hat sich die Wohnungszahl seit der Gründung der Grossstadt Zürich vor 125 Jahren versiebenfacht. Über Jahrzehnte hinweg wuchs der Wohnungsbestand – abgesehen von zwei Sprüngen – konstant an. Mit der zweiten Eingemeindung 1934 fusionierten acht weitere Gemeinden mit der Stadt, wodurch die Wohnungszahl von etwas über 72 000 schlagartig auf über 88 000 anstieg. Zwischen 1992 und 1993 stieg der Bestand in einem Jahr um 10 000 Wohnungen an, weil ab diesem Zeitpunkt auch Studios mitgezählt wurden.

Das Wohnen hat sich in den 125 Jahren Zürcher Grossstadt-Geschichte gewandelt – nicht nur durch die unterschiedlichen Bauformen, die von Blockrandbauten über Zeilenbebauung bis hin zu gruppierten Siedlungsbauten.

Eine Statistik der eher kuriosen Art erhob die Stadt Zürich bis in die 1960er-Jahre: Es geht um den Anteil neu erstellter Wohnungen, die über kein eigenes Bad verfügen. Die Wohnungsenquête von 1896 deckte unter anderem mit diesem Kriterium die üblen Wohnverhältnisse in Zürich auf.

Wohnungen waren überfüllt

Das Bevölkerungswachstum nach der ersten Eingemeindung 1893 hatte starke Auswirkungen auf die Wohnsituation in Zürich. Von «schreiendem Uebelstand» war die Rede. Menschen würden in «feuchten, engen, dunklen, schmutzigen Löchern» wohnen, die «im Interesse der Gesundheit und Leistungsfähigkeit kein Pferd, nicht einmal ein Hund einlogiert würde». So lauteten die Eindrücke, die die erste Wohnverhältniserhebung lieferte, die der Stadtrat 1896 in Auftrag gab. Rund 78 Prozent der Neubauwohnungen waren damals ohne eigenes Bad.

Die Wohnverhältnisse wurden in Kubikmetern pro Kopf erhoben. Jede dritte Person in Zürich lebte in 10 bis 20 Kubikmetern. In Räumen mit einer Höhe von 2,5 Metern ergibt das Flächen von zwischen zwei mal zwei oder zwei mal vier Meter. Rund 41 Prozent der Bevölkerung hatten weniger als 40 Kubikmeter Platz zum Leben, wie in der Publikation zum 125-Jahr-Jubiläum des Mieterverbandes geschrieben steht.

Im Beitrag «Wohnen» der Stadt Zürich zum Jubiläum der Grossstadt Zürich wird auf eine weitere damalige Wohnart – das «Schlafgängerwesen» – hingewiesen. So nahmen gegen Ende des 19. Jahrhunderts Wohnungsbesitzer aus finanzieller Not Untermieterinnen und Untermieter auf. Es wurden nicht nur ganze Zimmer untervermietet, sondern auch einzelne Schlafplätze. Diese wurden teilweise im Acht-Stunden-Rhythmus vermietet.

Die Not gebar Genossenschaften

In der 1899 formulierten 6-Punkte-Wegleitung des städtischen Gesundheitsamtes «Feststellung gesundheitsschädlicher Bauzustände und gesundheitswidriger Wohnungsbenutzung» wurden Feuchtigkeit, Luft- und Lichtmangel, schlechte und fehlende Toiletten, bauliche Verwahrlosung und überfüllte Wohnungen als Hauptprobleme benannt.
In der Folge wurde die Stadt Zürich aktiv, die prekären Wohnverhältnisse in den Arbeiterquartieren zu verbessern. Sie erwarb deshalb 1986 die Liegenschaft in Friesenberg. Die erste kommunale Wohnsiedlung Limmat I im Kreis 5 entstand 1908 und die Siedlung Riedtli im Kreis 6 folgte drei Jahre später. Zudem wurde der «Verein Zürcher Wohungsmiether» 1897 in Zürcher Mieterverein umbenannt. Er setzte sich damals wie auch heute noch für Wohnangelegenheiten und kostenlose Rechtsberatungen ein.

Auch der Ursprung des genossenschaftlichen Wohnbaus fusst in diese Zeit. Zwischen 1920 und 1933 wurden jährlich rund 38 Prozent aller neugebauten Wohnungen von Baugenossenschaften realisiert. Ende 2015 waren 26,8 Prozent aller Wohnungen der Stadt Zürich gemeinnützig. Mit der 2011 mit knapp 76 Prozent Ja-Stimmen angenommenen Volksinitiative «Bezahlbare Wohnungen für Zürich» wurde die Stadt beauftragt, den Anteil von Wohnungen, die zur Kostenmiete erhältlich sind, bis ins Jahr 2050 auf einen Drittel zu erhöhen.

Weniger ist mehr

Während in den 1920er-Jahren der Anteil von Neubauwohnungen ohne eigenes Bad nochmals deutlich in die Höhe stieg, verbesserten sich die Wohnverhältnisse der Zürcher bis in die 1930er-Jahre hinein merklich. In der Krisenzeit nach dem Ersten Weltkrieg war die Wohnbautätigkeit sehr tief, und die wenigen Neubauwohnungen wurden möglichst kostengünstig erstellt. Als die Konjunktur dann wieder anzog, sank der Anteil an neuen Wohnungen ohne Bad schnell. In den 1930er-Jahren gehörten Wohnungen mit Badezimmern dann schliesslich zum Standard. In dieser Zeit hielt auch elektrisches Licht, Gasherde und der Bau von Waschküchen Einzug bei den Neubauten. Um die Zeit des Zweiten Weltkrieges herum verbreiteten sich Zentralheizungen und Boiler.

Während zu dieser Zeit pro Wohnung durchschnittlich fünf Personen lebten, sind es heute nur noch halb so viele. Wegen den anhaltenden hohen Mietpreisen und dem Bevölkerungswachstum ist die Personenzahl pro Wohneinheit seit 2005 wieder leicht gestiegen.

Während seit 15 Jahren ein Rückgang bei den neu erstellten Wohnungen mit fünf bis sechs Zimmern festzustellen ist, hat der Anteil an Zweizimmerwohnungen wieder zugenommen. Nur zwischen 1950 und 1980 war der Anteil dieser Wohnungsgrössen noch höher: Rund die Hälfte der neu erstellten Wohnungen umfassten damals ein oder zwei Zimmer. In den 1990er-Jahren und zwischen 2002 und 2006 förderte die Stadt dann mit den Programmen «10 000 Wohnungen in 10 Jahren» und «Wohnen für alle» den Bau von Drei- und Vierzimmerwohnungen. Noch heute ist ihr Anteil mit 57 Prozent gemessen an allen Wohnungen am höchsten.