Obergericht Zürich
Illnauer Messerattacke: Tat war als «Eliminationsmord» gedacht

Erstmals liegt das begründete Urteil des Obergerichts zum Fall der Illnauer Messerattacke vor – mit neuen Informationen zur Tat. Doch nicht nur die Details sind nun publik: Es wird auch ersichtlich, dass das Obergericht Schelte am Bezirksgericht Pfäffikon als Vorinstanz übt.

Kerstin Dietrich
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Der Mann konnte sich nach dem Angriff noch nach Hause schleppen. Das Zürcher Obergericht hat nun die Strafen gegen die Ehefrau und den Liebhaber massiv verschärft. (Symbolbild)

Der Mann konnte sich nach dem Angriff noch nach Hause schleppen. Das Zürcher Obergericht hat nun die Strafen gegen die Ehefrau und den Liebhaber massiv verschärft. (Symbolbild)

Symbolbild: Shutterstock

Im Januar 2013 wurde ein Familienvater in Illnau überfallen und schwer verletzt. Auf seinem abendlichen Spaziergang mit dem Hund hatten ihn zwei maskierte Männer mit einem Armierungseisen und einem Messer angegriffen. Beim Schnitt durch die Kehle verfehlte die Klinge die Halsschlagader nur knapp. Der Vater konnte sich nach Hause schleppen und überlebte dank sofortiger medizinischer Hilfe.

Im Zuge der Strafuntersuchung stellte sich zudem heraus, dass die Ehefrau ihren Liebhaber zum Mordversuch angestiftet hatte. Weitere Details erfuhr die Bevölkerung nicht, weil das Verfahren unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfand. Auch Medien waren nicht zugelassen. Lediglich über die Urteile informierten das Pfäffiker Bezirks- und das Zürcher Obergericht in knappen Communiqués.

Dagegen wehrten sich verschiedene Medienhäuser. Im Februar gab ihnen das Bundesgericht Recht: Der Ausschluss der Journalisten sei unverhältnismässig gewesen. Das Gericht verfügte, dass das begründete Urteil des Zürcher Obergerichts den Beschwerdeführern anonymisiert zugänglich gemacht werde.

Kein Einzelfall: letzte Schelte im Juni

Die Urteilsschelte des Zürcher Obergerichts gegen das Bezirksgericht Pfäffikon im Fall des versuchten Mords in Illnau ist kein Einzelfall. Erst Ende Juni hat das Obergericht den Entscheid des Bezirksgerichts im Fall des Vatermords von Pfäffikon als «unhaltbar» bezeichnet. Es hat das Strafmass für den 21-Jährigen, der im März 2015 seinen damals 67-jährigen Vater erschossen hat, von fünf auf elf Jahre erhöht. Auch die Qualifikation als Totschlag wurde verschärft, das Obergericht sah die Tat als vorsätzliche Tötung.

Vom Urteil des Pfäffiker Bezirksgerichts im Herbst letzten Jahres war selbst die Verteidigung, die auf vorsätzliche Tötung plädiert hatte, überrascht. (jsk)

Urteil viel zu tief angesetzt

Nun liegt dieses Urteil vor. Darin rügt das Obergericht das erstinstanzliche Bezirksgericht Pfäffikon «in ungewöhnlich scharfen Worten», wie die «NZZ» berichtet. Das Bezirksgericht hatte die Ehefrau und deren Liebhaber wegen versuchter vorsätzlicher Tötung schuldig gesprochen und zu elf beziehungsweise achteinhalb Jahren Freiheitsstrafe verurteilt. Dieses Urteil sei völlig falsch, findet das Obergericht. Die Ehefrau sei planmässig, perfide und unverfroren vorgegangen – und die vom Bezirksgericht angesetzte Strafe viel zu milde.

Verstärkung verlangt

Der zweite Mann, der den Familienvater angegriffen hatte, war vom Bezirksgericht wegen versuchter schwerer Körperverletzung verurteilt worden. Als einziger hatte er das Urteil akzeptiert und war nicht vor Obergericht gelangt. Zu seinem Glück, wie es nun scheint. Denn das Obergericht hat die Strafen für die anderen beiden Angeklagten im Oktober massiv verschärft: von 11 auf 16 Jahre sowie von 8,5 auf 13 Jahre Gefängnis für versuchten Mord.

Beim Mittäter handelt es sich um den Bruder des Liebhabers. Er sollte ihm helfen, nachdem dieser es tags zuvor nicht geschafft hatte, den Mord alleine zu begehen. Die Ehefrau hatte ihren Gatten unter einem Vorwand in einen abgelegenen Luftschutzraum geschickt, der Liebhaber war ihm gefolgt – hatte aber nicht den Mut gehabt, den Plan umzusetzen.

Gemäss Obergericht hatte die Ehefrau ihrem Liebhaber anschliessend gesagt, er solle einen Gehilfen organisieren, wenn er es allein nicht schaffe. Sie gab ihm detaillierte Informationen zum üblichen Abendspaziergang ihres Mannes und schärfte diesem noch ein, bis zum zweiten Abfallkübel zu gehen und ja nicht vorher umzukehren. Als er unterwegs war, informierte die Frau ihre Mittäter, die dem Ehemann dort auflauerten und ihn lebensgefährlich verletzten.

«Verfehlte» Argumentation

Ihrem Liebhaber gegenüber habe die Frau angegeben, sie und die Kinder würden von ihrem Mann schlecht behandelt. Eine Scheidung würde dieser nie akzeptieren, sondern sie viel eher mit dem Tod bedrohen. Sie habe ihren Gatten ins offene Messer laufen lassen.

Das Obergericht bezeichnet das Vorgehen der Ehefrau als «erschreckend egoistisch und gefühlskalt». Die Tat müsse als eigentlicher Eliminationsmord bezeichnet werden. Es sei nicht nachvollziehbar, weshalb das Bezirksgericht Pfäffikon in der Tat keine besondere Skrupellosigkeit gesehen habe. «Exakt das Gegenteil ist der Fall», die Argumentation sei «schlicht verfehlt» und «geradezu grotesk».

Bis vor Bundesgericht

Die Ehefrau sei in den Verhandlungen durch widersprüchliche Aussagen aufgefallen, habe Erinnerungslücken geltend gemacht oder die Aussage verweigert. Sie habe das Urteil – 16 Jahre Freiheitsstrafe – aber nun akzeptiert. Nicht so der Liebhaber, dessen Strafe bei 13 Jahren Gefängnis angesetzt wurde. Damit wird der Fall nun auch noch das Bundesgericht beschäftigen.