Am Steuer
Ihr Arbeitsplatz bewegt sich auf 12'000 Metern über Meer

Der Durchschnittspilot ist männlich, mittleren Alters und hat einen ausländischen Pass. Jennifer Knecht entspricht keinem dieser Mittelwerte.

Adrian Portmann
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Trotz ihres jungen Alters hat sich Jennifer Knecht in der männerdominierten Pilotenriege der Swiss bereits bestens eingelebt.
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Ob konzentriert am Arbeiten oder locker und entspannt: Jennifer Knecht hat ihr Cockpit voll im Griff und strahlt Souveränität aus.
Ein Job 12'000 Meter über Meer

Trotz ihres jungen Alters hat sich Jennifer Knecht in der männerdominierten Pilotenriege der Swiss bereits bestens eingelebt.

Adrian Portmann

Für einen Augenblick fallen Schneeflocken vom Himmel, die sich Sekundenbruchteile später in Regentropfen verwandeln und das Cockpitfenster in dünnen Stromlinien überziehen. Die Sicht ist getrübt, als würde man die Welt durch zentimeterdickes Milchglas betrachten. Einige Sekunden später wird der Blick frei auf die stürmische See wenige hundert Meter weiter unten.

Auf seiner rauen Oberfläche tanzen die Schaumkronen zum Takt der Meeresbrise, strahlend weiss wie die unzähligen Windräder, die Dänemarks Küste säumen. Doch bevor das städtische Treiben Kopenhagens sein Gesicht zeigt, steckt die Maschine abermals in einem dichtgewebten Teppich aus Wolken, Regen und Wind. Ein Bild, das es in keinem Ferienprospekt zu sehen gibt. Allmählich werden die Signallichter der Landepiste sichtbar. Sie weisen den Weg durch das Grau, während eine monotone Stimme des Board-Computers die verbleibenden Höhenmeter runter zählt.

Am Steuer des Airbus A320 sitzt Jennifer Knecht. Ihre Aufgabe ist es, die Maschine sicher auf den Boden zu bringen. «Es wird uns ein wenig durchschütteln», sagt Knecht und konzentriert sich auf die näherkommende Landebahn, während die Passagiere längst angegurtet auf ihren Sitzen auf den Kontakt mit dem Boden warten.

Die 25-Jährige weiss, wovon sie spricht. Trotz ihrer noch jungen Karriere blickt sie bereits auf mehr als 600 Starts und Landungen zurück. Vor zwei Jahren hat sie ihre Ausbildung zur Linienpilotin abgeschlossen und sitzt seither für die Swiss im Cockpit. In einigen Monaten stehen ihre ersten Langstreckenflüge auf dem Programm. «Darauf freue ich mich sehr», sagt die junge Thurgauerin, die mittlerweile jede grössere Stadt in Europa kennt – wenn auch nur von oben. Als Tochter einer Flugbegleiterin und fasziniert von den Flugkünsten der Patrouille Suisse an der Expo.02, wusste Knecht schon früh, wo sie in ihrem später im Leben unbedingt gerne arbeiten würde.

Die Fluggäste sind sich nicht immer im Klaren darüber, wer eigentlich die Maschine steuert, in der sie sitzen. Knecht nimmt es mit Humor, wenn sie bei der Verabschiedung der Gäste für eine Flugbegleiterin gehalten wird. «Das kann durchaus von Vorteil sein», sagt sie und erinnert sich an einen Flug, bei dem sich ein Passagier partout nicht damit abfinden wollte, in einem Flugzeug mit Frau im Cockpit zu reisen. «Der Herr liess sich fast nicht mehr beruhigen», sagt Knecht und lacht. Dabei handelte es sich jedoch nur um einen Einzelfall.

«Im männerdominierten Team fühle ich mich sowieso voll und ganz akzeptiert», lobt Knecht die Zusammenarbeit mit ihren Kollegen. Die Swiss beschäftigt insgesamt 1380 Piloten, darunter sind gerade einmal 60 Frauen.

Nach der Landung in Kopenhagen bleibt der Crew kaum Zeit zum Durchatmen. Gerade mal eine halbe Stunde bleibt das Flugzeug am Boden, bevor es neu beladen wieder zurück nach Zürich geht. Knecht kontrolliert derweil die Wetterdaten und erledigt den Papierkram. Beim Rückflug sitzt der Kollege am Steuer, Knecht übernimmt die Kommunikation mit dem Bodenpersonal. Kaum abgehoben, ist die Küste auch schon wieder unter dem grauen Teppich verschwunden und die Piloten bereiten die Landung in Kloten vor.

Die Sonne scheint ungewohnt stark auf 12'000 Metern und die Alpen präsentieren schon von Weitem ihre imposanten Schneekämme im grellen Licht. Knecht hat ihre Pilotenbrille aufgesetzt und wirkt entspannt. Als der Bodensee in Sichtweite ist, zeigt sie aufgeregt mit dem Finger auf ein kleines Dorf am Ufer des Sees. Es ist Ermatingen, ihr Wohnort. Eine Viertelstunde später sitzen die Piloten gemeinsam mit der Boardcrew im Bus, der sie zurück ins Operation-Center fährt. Nach einem kurzen Schwatz mit den Kollegen geht es für Knecht erst einmal nach Hause.

Das Wochenende steht vor der Tür. Für die junge Pilotin bedeutet das, 48 Stunden lang Boden unter den Füssen zu haben. Die Erholung kann sie gut gebrauchen, denn schon bald ist sie wieder in luftigen Höhen unterwegs.