Treffpunkt: Quartiergarten Hard in Zürich. Die Zoologin Claudia Kistler schliesst gerade das Tor des Hühnerstalls. «Den Igeltunnel habe ich drüben im Pavillon», sagt sie. Dort angekommen nimmt Kistler einen schwarzen, plastifizierten Karton und legt ihn auf den Boden. Daneben kniend, packt sie Dosen, Heringe, Pinsel aus einer Plastikbox. «Das Rechteck ist der Spurentunnel, mit dem Igelfussabdrücke gesammelt werden», sagt sie.

In den vergangenen sechs Monaten hat das Projekt Stadtwildtiere die Igelpopulation in der Stadt Zürich erforscht. Lanciert hat es das unabhängige Forschungsinstitut Swild. Es ist eines von vielen Projekten, bei dem die Bevölkerung den Wissenschaftlern hilft Daten zu erheben (siehe Interview unten). Letzte Woche wurden die Beobachtungen abgeschlossen. Ans Ende kann Kistler aber noch nicht denken. «Über den Winter werten Zoologen die Daten aus.» Ein Jahr Arbeit liegt bereits hinter ihr. Sie faltet den Karton zu einer dreieckigen Röhre zusammen. «Hier durch spazieren die Igel und hinterlassen auf dem Boden des Tunnels ihre arttypischen Spuren», erklärt sie.

Igelbeobachtung beim Verein Stadtwildtiere: Zoologin Claudia Kistler hat das Projekt begleitet. Sie arbeitet für die unabhängige Forschungs- und Beratungsgemeinschaft SWILD

Rund 40 Laienforscher betreuen jeweils zehn solche Tunnels, die über einen Quadratkilometer verteilt sind. Kistler und ihr Team verfassten zuerst schriftliches Informationsmaterial für die Laien. Darin wird erklärt, wie der Tunnel zusammengesetzt, wie er für das Erkennen von Igelspuren präpariert und wo er platziert wird. Das war letzten Winter. Im Frühling wurden die freiwilligen Beobachter eingeführt. Von Mai bis September haben sie jeweils im Wochenturnus täglich Spurenblätter eingesammelt. Kistler schätzt, dass rund 2000 Datenblätter zusammengekommen sind.

Kistlers Handgriffe sind ruhig, verraten ihre Routine. Sie greift nach dem Bodeneinsatz des Tunnels: «In der Mitte befindet sich eine kleine Schale, für etwas Köder, um die Igel anzulocken. Links und Rechts der Schale wird jeweils ein Blatt Papier mit Büroklammern am Karton befestigt. Dann wird ein Streifen Ölfarbe – für den Igel ungefährlich – aufgetragen.» Dank der Farbe hinterlässt ein Igel Fussabdrücke auf den Blättern. Die Spuren helfen dem Verein, Daten zum Igelvorkommen in der Stadt zu sammeln. «In gewissen Ecken der Stadt gibt es wohl noch mehr Igel als hier im Hardpark.» Kistler neigt den Kopf in Richtung Bullingertürme. Als würde sie ein Fenster öffnen, wird Autolärm hörbar. 

Bürgerwissenschaften - kurz erklärt in unserem Kartenstapel:

CARDS: Bürgerwissenschaft

Sie packt den Tunnel und läuft quer über den Rasen zu den Wildsträuchern beim Gartenhag. «Igel bewegen sich gerne entlang von Strukturen.» Wieder kniet sie zu Boden, holt zwei Heringe aus ihrer Windjacke. Der Bodeneinsatz des Tunnels muss am Boden eingehackt werden – wegen den Füchsen. «Die Tiere sind schlau. Sie ziehen einfach den Köder aus dem Tunnel.» Die Experten von Stadtwildtiere scheinen an alles gedacht zu haben. Der Spurentunnel stammt aus England. «Dort sind Bürgerwissenschaften viel weiter entwickelt als hier in der Schweiz», sagt Kistler. Bei Bürgerprojekten muss jeder Schritt einfach verständlich und leicht auszuführen sein. Und es funktioniere gut, so Kistler. Die ersten Regentropfen fallen. Den Tunnel lässt Kistler stehen.

Ortswechsel: Der Boden im Irchelpark ist noch nass vom Regen. Die Messstation des Crowdwater-Projektes liegt zwischen Waldrand und Uni-Campus. Dort wo das Bächlein aus dem Untergrund ans Tageslicht fliessen würde. Heute liegt der schmale Bach trocken. Barbara Strobl schreibt seit dem Sommer an ihrer Doktorarbeit in Hydrologie an der Universität Zürich. Normalerweise berichten Passanten ihre Beobachtungen. Heute aber zeigt Strobl, wie man dabei vorgeht. Sie misst Wasserpegel und Bodenfeuchte, damit sie Hochwasser noch genauer vorhersagen kann. An der Messstation zieht sie die Formulare aus dem Mäppchen, das vor dem Briefkasten angeklebt ist. Fein säuberlich notiert sie ihre Beobachtungen. Zuerst Datum und Uhrzeit, dann den Wasserstand, zum Schluss die Breite des Baches. Sie notiert eine Null, dann eine Eins. Dann ein Wort: Geröll. Ihre Antwort auf die Frage, was sie im Bachbett sieht. Den ausgefüllten Fragebogen wirft sie in den Briefkasten. «Seit August haben schon 120 Personen ihre Beobachtungen aufgeschrieben», so Strobl.

Bürgerwissenschaften: Barbara Strobl doktoriert an der Uni Zürich zum Thema hydraulischer Vorhersagen. Ihre Daten sammelt sie über das CrowdWater-Project.

 Seit letzter Woche nun gibt es vier weitere Messstationen im Sihlwald. Als Strobl schon zur nächsten Station laufen will, hält sie plötzlich inne. «Würde Wasser fliessen, müsste ich noch die Geschwindigkeit messen», sagt sie. Auch dafür brauchen die Spaziergänger, die ihre Beobachtung mit den Wissenschaftlern teilen wollen, kein technisches Gerät. Man nimmt einen kleinen Ast, merkt sich von der Brücke weg einen Punkt, der rund drei Meter entfernt liegt und zählt die Sekunden, die der Ast braucht, bis er dort vorbeischwimmt. «Nur wenn die Anleitung für die Beobachtung klar und ohne teure Ausrüstung durchführbar ist, funktioniert die Teilnahme der Bürger an solchen Projekten», sagt Strobl. «Wir wollen ja, dass die Leute motiviert sind, mitzumachen.»

Mittlerweile kniet die Wissenschaftlerin, tastet den laubbedeckten Boden ab. Daneben steht ein Pfahl, markiert mit dem Buchstaben A. Sie notiert die Zahl Zwei auf dem Formular. Bedeutet: Etwas feucht, aber nicht ganz nass. Zielgerichtet läuft sie zum Pfahl B. Wiederholt das Prozedere. Beim Rückweg sagt sie: «Ich habe letztens ein paar Personen bei der Messung der Wassergeschwindigkeit beobachtet. Sie haben gleich drei Mal hintereinander einen Ast ins Wasser geworfen.» Offenbar wecken solche Beobachtungen die spielerische Seite bei Erwachsenen. Strobl lächelt.