Herr Wolff, Ihre Partei, die AL, ist nicht gerade als grosse Freundin der Polizei bekannt, trotzdem wurden Sie vor einem halben Jahr Polizeivorsteher in Zürich. Sehen Sie die Polizei heute anders?

Richard Wolff: Meine Partei ist keineswegs gegen die Polizei. Aber sie hat einen kritischen Blick auf deren Arbeit, vor allem dort, wo es um Grundrechte und Freiheiten geht. Verändert hat sich mein persönlicher Blick nur schon deshalb, weil ich mich jetzt viel intensiver mit dem Polizeidepartement beschäftige. Ich sehe viel klarer, was Polizeiarbeit konkret bedeutet und was für einen hohen Stellenwert die Sicherheit in einer Stadt hat. Für die Bevölkerung, aber auch als Standortfaktor.

Skeptisch sind Sie aber geblieben. Neulich sagten Sie an einer Podiumsveranstaltung, dass Ihre Polizisten Jugendliche bei Kontrollen zu hart anpackten. Das kam im Korps gar nicht gut an, worauf Sie sich bei den Beamten entschuldigt haben.

An dieser Podiumsveranstaltung erwähnte ich mit Nachdruck, dass es bei Kontrollen Respekt von beiden Seiten brauche. Dazu stehe ich nach wie vor. Und ich wies darauf hin, dass es bei der Stadtpolizei eine Anlaufstelle gibt für Leute, die sich nicht korrekt behandelt fühlen. In den letzten Monaten habe ich viele Patrouillen begleitet, um mir selbst ein Bild zu machen. Dabei habe ich erlebt, dass die Polizistinnen und Polizisten eine beeindruckende Arbeit leisten. Ihre Erfahrungen werden künftig noch vermehrt in meine Beurteilung einfliessen, bevor ich mir eine definitive Meinung bilde. Das habe ich auch intern so kommuniziert.

In den letzten Wochen sind Vorwürfe gegen Angehörige der Sittenpolizei öffentlich geworden: Angeblich haben sie sich im Milieu bestechen lassen und dafür unter anderem interne Informationen preisgegeben. Das bestätigt doch Ihre skeptische Haltung.

So einfach ist das nicht. Ich will die Vorfälle nicht verharmlosen, aber ich lasse mich auch nicht aus der Ruhe bringen. Störungen gibt es in jedem Betrieb, vor allem, wenn er so gross ist wie die Stadtpolizei. Mit meiner generellen Einschätzung der Polizeiarbeit haben sie nichts zu tun. Jetzt schauen wir genau hin, dann entscheiden wir, was zu tun ist.

Der Ausdruck «Polizeiskandal» ist aus Ihrer Sicht also nicht zutreffend?

Genau. Vor allem zu Beginn einer solchen Angelegenheit kursieren viele Spekulationen und Gerüchte. Da muss man vorsichtig sein.

Zerschlagen haben sich die Vorwürfe bisher nicht. Müsste die Polizei als Inhaberin des staatlichen Gewaltmonopols nicht eine absolut weisse Weste haben?

Klar, diesen Anspruch muss man haben. Und gerade dieser Fall zeigt doch gut auf, dass wir den Betrieb innerhalb der Polizei genau beobachten, kontrollieren und bei Hinweisen aktiv werden.

Heisst das, unter diesen Umständen sind ein paar Beamte, die den Versuchungen des Milieus erliegen, für den Grossbetrieb Stadtpolizei verkraftbar?

So will ich das nicht verstanden haben. Natürlich darf so etwas nicht passieren. Aber wenn es doch geschieht, muss man hinschauen, daraus lernen und die nötigen personellen sowie organisatorischen Konsequenzen ziehen.

Werden Sie Mitarbeiter entlassen?

Mögliche personelle Massnahmen werden diskutiert. Mehr kann ich dazu noch nicht sagen.

Nehmen Sie nun auch andere Bereiche der Polizei unter die Lupe?

Dazu gibt es keinen Anlass.

Wie wirkt sich die Affäre auf das Image der Polizei aus?

Gut tut sie dem Image sicher nicht. Ob der Polizei daraus aber tatsächlich ein Schaden entsteht, kann man vor Abschluss der Untersuchungen nicht sagen. Ich lege nun grössten Wert auf eine konsequente und transparente Aufarbeitung. Die Leute sollen sehen, dass wir aktiv sind und das Vertrauen in die Polizei rechtfertigen.

Schaden nehmen kann auch Ihr eigenes Image als politisch Verantwortlicher des Departements. Die FDP stellt bereits Ihre Führungsqualitäten infrage.

Die Ursprünge dieser Geschichten liegen fast ausnahmslos vor meiner Zeit. Ich war daran also nicht selbst beteiligt. Beteiligt bin ich jetzt aber an der Aufdeckung und Aufarbeitung. Hier kann ich meine Qualitäten unter Beweis stellen, und das kann eher zur Stärkung meiner Position beitragen.

In der Öffentlichkeit ist das aber kaum sichtbar. Die Kommunikation überlassen Sie gerne dem Polizeikommandanten und Ihrem Sprecher.

Das stimmt so nicht. Gleich zu Beginn habe ich öffentlich gesagt, dass wir die Sache untersuchen, dass es keine Vorverurteilung gibt und die Unschuldsvermutung gilt. Ich äussere mich wieder, wenn man mehr Substanzielles weiss.

Haben Sie Angst davor, sich im anlaufenden Wahlkampf an diesem heissen Eisen die Finger zu verbrennen?

Nein, ich werde mich bestimmt vor den Wahlen noch zu diesem Thema äussern. Für die laufenden Abklärungen ist die Strafverfolgungsbehörde zuständig. Ich bin mit dem Kommandanten im ständigen Kontakt. Wir arbeiten gut zusammen, er hat mein vollstes Vertrauen.

Die Bestechungsvorwürfe datieren vom Herbst 2012. Kommandant Daniel Blumer sagt, er habe schon im Mai 2013 davon erfahren – noch bevor er im Amt war. Wann hat man Sie ins Bild gesetzt?

Im ersten Monat nach meinem Antritt hat mir Daniel Blumer gesagt, dass es in der Abteilung Milieu- und Sexualdelikte Unstimmigkeiten gebe und dass diese untersucht würden. Mehr habe ich zu jenem Zeitpunkt nicht gewusst.

Haben Sie es nicht nötig gefunden, sich näher zu informieren?

Ich habe die weiteren Abklärungen bewusst dem Kommandanten überlassen. Er hat mich laufend aufdatiert, sobald es neue Erkenntnisse gab.

Involviert sind zwei Drittel der 17-köpfigen Sittenpolizei. Hätten Sie den Fall angesichts seiner Tragweite nicht zur Chefsache machen müssen?

Chefsache war und ist es, zu wissen, dass etwas unternommen wird und die Staatsanwaltschaft eingeschaltet ist. Jetzt laufen deren Ermittlungen. Es ist also alles korrekt abgelaufen.

Haben Sie mit den Betroffenen bei der Sittenpolizei je selber gesprochen?

Nein, die operative und personelle Führung ist Sache des Kommandanten. Er ist der Polizeichef. Es macht keinen Sinn und ist nicht nötig, ihm hier reinzufunken.

Die politische Verantwortung liegt aber letztlich bei Ihnen.

Natürlich. Darum bin ich auch in engem Kontakt mit dem Kommandanten.

Sie sind nun seit einem halben Jahr Stadtrat. Wie gelingt Ihnen der Wechsel vom Oppositionspolitiker zum Mitglied einer Kollegialbehörde?

Es ist ein Prozess, der eine Weile dauert, eine Art Metamorphose. Ich denke, diesen Wandel müssen alle Stadträte unabhängig von ihrer Partei- couleur am Anfang durchmachen. Ein Gemeinderat hat eine andere Rolle als ein Exekutivmitglied. Natürlich vertrete ich auch im Stadtrat meine eigenen Positionen, da wird zuweilen hart gerungen. Sobald aber eine Lösung gefunden ist, wird sie vom Stadtrat als Kollegialbehörde gegen aussen gemeinsam vertreten.

Trotzdem haben Sie kürzlich vor einer Abstimmung Flyer verteilt, auf denen Ihre Kolleginnen und Kollegen im Stadtrat stark kritisiert wurden. Gehört das auch zu Ihrer Interpretation einer Kollegialbehörde?

Das ist einmal geschehen und kommt nicht mehr vor.

Wie sieht es aus mit anderen parteipolitischen Veranstaltungen? Erst vor zwei Wochen haben Sie bei der Lancierung der AL-Initiative für bessere Kinderbetreuung kräftig mitgeholfen.

Das war mit meinen Stadtratskolleginnen und -kollegen abgesprochen, und ich werde das auch in Zukunft tun. Als Stadtrat ist man nicht mundtot, wir dürfen uns auch persönlich zu politischen Fragen äussern. Nämlich dann, wenn sie nicht direkt mit Geschäften des Stadtrats verknüpft sind. Die Kinderbetreuungsinitiative ist ein neues und vor allem kantonales Anliegen, das nichts mit einem Stadtratsgeschäft zu tun hat.

In zwei Monaten sind bereits wieder Wahlen. Ihre Lage ist diesmal viel schwieriger, weil sie nicht einen relativ schwachen Gegner haben, sondern zwölf zum Teil sehr starke. Wie verteidigen Sie da Ihren Sitz?

Ich werde von SP und Grünen unterstützt, das ist eine sehr grosse Basis. Zusätzlich hole ich auch bürgerliche Stimmen von Leuten, die anerkennen, dass ich ein vernünftiger Mensch bin, der seine Arbeit gut macht. Bis zur Wahl sind seit meinem Amtsantritt acht Monate vergangen. Also rechne ich auch mit einem gewissen Bisherigenbonus.

Finden Sie es richtig, dass Ihre eigentlich sehr unabhängige Partei eine Wahlallianz eingegangen ist mit SP und Grünen?

Schon letztes Mal wurde ich mit den Stimmen von SP und Grünen gewählt. Jetzt haben wir das – notabene mit dem Einverständnis der Mehrheit unserer Mitglieder – noch offiziell besiegelt.

Die Polizei war alles andere als Ihr Wunschdepartement. Wollen Sie es bei einer Wiederwahl so schnell wie möglich wieder abgeben?

Das bestimmt das Stadtratsgremium in der Sitzung nach den Wahlen. Dass es da Überraschungen geben kann, haben wir letztes Mal ja gesehen.

Ein Wechsel ist also eine Option?

Ich gehe nicht davon aus, dass es bei der Polizei einen Wechsel gibt. Es müsste einen wahnsinnig guten Grund geben, damit der Stadtrat das Departement nach nur einem Jahr wieder neu besetzen würde. Ein solcher Grund kommt mir, ehrlich gesagt, nicht in den Sinn.